Flutkatastrophe im Westen

„Als die Flutwelle kam, war der Betrieb schon evakuiert“

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Heiner Schmidt
Das Wasser ist abgeflossen und hat im Walzwerk Stolberg des Hamburger Kupferkonzerns Aurubis schwere Schäden hinterlassen. An der Metallrolle lässt sich ablesen, wie hoch die schmutzige Flut aus Wasser, Schlamm und Geröll in den Werkshallen gestanden hat.

Das Wasser ist abgeflossen und hat im Walzwerk Stolberg des Hamburger Kupferkonzerns Aurubis schwere Schäden hinterlassen. An der Metallrolle lässt sich ablesen, wie hoch die schmutzige Flut aus Wasser, Schlamm und Geröll in den Werkshallen gestanden hat.

Foto: Aurubis

Aurubis-Werk Stolberg kann bis Oktober nicht produzieren. Der Vorstandschef erklärt die Bedeutung für den Hamburger Konzern.

Hamburg/Stolberg. Roland Harings schaltet sich aus seinem Urlaubsort in Österreich in das Videogespräch. „Es regnet, aber nicht sehr intensiv“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Hamburger Kupferkonzerns Aurubis über die Wetterlage. Er ist an einem Ort, der von den Starkregenfällen und den Überflutungen im Westen und im Süden Deutschlands und in den Nachbarländern nicht betroffen ist.

Im Abendblatt-Interview spricht der Manager erstmals öffentlich über das Ausmaß der Schäden, die eine Flutwelle in der vergangenen Woche im Aurubis-Flachwalzwerk Stolberg hinterlassen hat, über die Folgen der Naturkatastrophe für die Beschäftigten des Betriebs in der Nähe von Aachen und die Folgen für den gesamten Konzern. Und er sagt, warum er trotz der Ereignisse beruhigt in den Urlaub gefahren ist.

Hamburger Abendblatt: Herr Harings, was ist da genau passiert im Aurubis-Werk Stolberg? Was wissen Sie darüber?

Roland Harings: Das Werk liegt in einem Tal, durch das ein kleiner Bach fließt. Den nimmt man normalerweise kaum wahr, das ist eher ein Rinnsal neben der Straße. Wegen der extrem starken Regenfälle schwoll dieser Bach im Laufe des Nachmittags immer stärker an. Zunächst wurde noch versucht, das Werksgelände mit Sandsackbarrieren zu schützen. Doch es war schnell klar, dass das aussichtslos ist. Deshalb wurde frühzeitig und richtigerweise entschieden, das Werksgelände komplett zu evakuieren. Die Anlagen sind noch soweit wie möglich heruntergefahren worden. Als die Flutwelle mit all dem Schlamm und Geröll mit extremer Wucht auf das Werksgelände traf, war der Betrieb schon geräumt.

Was wissen Sie über die Folgen für die 400 Beschäftigten? Gibt es unter ihnen Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben?

Harings: Zum Glück können wir sagen, dass keiner unserer Mitarbeiter verletzt worden ist. Und das gilt auch, nach allem, was ich weiß, für alle Menschen im privaten Umfeld unserer Beschäftigten. Das ist das Wichtigste überhaupt. Alles was kaputt gegangen ist, kann man ersetzen. Bei einer kleinen Zahl von Mitarbeitern sind auch die Wohnhäuser überschwemmt worden. Aber die Schäden sind offenbar nicht so massiv.

Können diese Beschäftigten mit Unterstützung aus dem Unternehmen rechnen?

Harings: Wir werden da als Kollegen und als Unternehmen selbstverständlich unterstützen. Ich bin ganz sicher, dass die Mitarbeiter, die Schäden zu beklagen haben, mit größter Unterstützung rechnen können. Die Solidarität bei Aurubis ist in solchen Situationen schon immer sehr groß gewesen.

Haben Sie sich selbst ein Bild von der Situation gemacht?

Harings: Nein. Ich war am Mittwoch und Donnerstag noch hier im Büro in Hamburg, bin ständig auf dem Laufenden gehalten worden und war im engen Kontakt mit den Verantwortlichen in Stolberg. Ich habe mich dann sehr bewusst entschieden, nicht als eine Art Tourist durch eine Krisenregion dorthin zu fahren. Es hätte nichts verändert, es wäre nichts besser geworden, wenn ich dort gewesen wäre. Ich wusste, dass wir uns auf das Krisenmanagement vor Ort verlassen können. Die Augenzeugenberichte und die Bilder aus dem Werk kenne ich natürlich.

Wie sieht es dort jetzt aus?

Harings: Katastrophal. Das Wasser hat überall etwa 1,5 Meter, mancherorts zwei Meter hoch gestanden. In Kellern, Büros, Werkhallen und Schaltschränken. Maschinen und Material sind praktisch darin untergegangen. Dort liegt jetzt überall eine Schlammschicht und Geröll.

Wie hoch ist der Schaden?

Harings: Er ist massiv. Mehr wissen wir auch noch nicht, die Analyse läuft. Es wird jetzt erstmal aufgeräumt und der Schmutz wird weggekärchert. Die sehr engagierten Kollegen vor Ort werden auch durch acht Kollegen von der Werksfeuerwehr hier in Hamburg seit Donnerstag bei den Aufräumarbeiten unterstützt. Bis wir eine konkrete Schadenshöhe nennen können, wird es noch einige Zeit dauern.

Im Werk gibt es unter anderem eine Gießerei, in der mit flüssigem Metall gearbeitet wird. Gerade dort muss der Schaden immens sein...

Harings: Auch dort sind wir noch in der Analyse. Es sind einige Anlagen wie gesagt vor der Evakuierung noch heruntergefahren worden. Es gibt aber Bereiche, in die die Mitarbeiter bisher noch gar nicht wieder hinein konnten. Deshalb ist unklar, inwieweit zum Beispiel die Gießereiöfen in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ein Teil der Anlagen wird sicherlich nur mit großem Aufwand instandgesetzt werden können. Wir gehen davon aus, dass die Versicherung diesen Schaden begleicht. Und es gibt auch eine Versicherung, die die wirtschaftlichen Folgen der Betriebsunterbrechung absichert.

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Gibt es eine Prognose, wann das Werk wieder in Betrieb gehen wird?

Harings: Da wir noch gar nicht wissen, was alles kaputt ist und wie aufwendig die Reparaturen sein werden, gibt es keinen Termin, den ich nennen könnte. Stand jetzt müssen wir damit rechnen, dass es mindestens bis Oktober dauern wird, bis die Produktion wieder anlaufen kann.

Sie haben die Überflutung zu einem Fall von höherer Gewalt erklärt, und angekündigt dass Aurubis vorerst Lieferverträge nicht erfüllen kann. Können andere ihrer Werke nicht einspringen?

Harings: Es gehören tatsächlich weitere Walzwerke zum Konzern. Man muss aber wissen, dass das hoch spezialisierte Betriebe sind. Innerhalb des Unternehmens können wir die Produktion aus Stolberg daher nur in begrenztem Umfang auf andere Standorte verlagern.

Die Produkte von dort werden vorwiegend von Firmen abgenommen, die elektrische Steckverbindungen herstellen. Stehen die jetzt vor ähnlichen Problemen wie die Autohersteller, die nicht genug Chips erhalten?

Harings: Ich war bereits im Kontakt mit unseren Mitbewerbern. Einige sind natürlich bereit einzuspringen, so weit es ihnen möglich ist. Aurubis hat das in ähnlich gelagerten Fällen auch schon gemacht. In solchen Notlagen ist auch die Solidarität in der Branche groß, nicht nur innerhalb des Unternehmens.

An der Börse gab es zuletzt fast panische Reaktionen, wenn ein Unternehmen schlechte Nachrichten verbreitet. Der Aurubis-Aktienkurs ist am Freitagnachmittag dagegen nur um wenige Prozent gefallen. Waren Sie überrascht?

Harings: Im automatisierten Handel werden Konzernmitteilungen von Computern analysiert. Wenn da Worte wie „höhere Gewalt“ auftauchen, werden von Algorithmen ohne das Zutun eines Menschen sofort Verkaufsprozesse in Gang gesetzt. Der zeitliche Ablauf lässt für mich keinen Zweifel, dass es einen Zusammenhang zwischen unserer Mitteilung und dem Rückgang des Kurses gab. Aber, dass dieser keineswegs heftig war, hat mir eher gezeigt, dass wir ganz überwiegend Aktionäre haben, die Aurubis langfristig verbunden sind. Zudem ist Stolberg sicher ein sehr wichtiges Werk in unserer Flachwalzsparte, aber innerhalb des Konzerns gemessen an Umsatz und Ergebnis nicht von entscheidender Bedeutung. Dass der Betrieb absehbar über mehrere Monate nicht produzieren kann, stellt die Jahresziele von Aurubis nicht in Frage.

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