Mobilität

Lynk & Co: Das Auto, das man nicht kaufen soll

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Mester
Lynk & Co-Chef Alain Visser mit dem Auto, das es im Abo gibt.

Lynk & Co-Chef Alain Visser mit dem Auto, das es im Abo gibt.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Für 500 Euro im Monat vermietet das Unternehmen Kompakt-SUVs nun auch in Hamburg – weiterverleihen erwünscht.

Hamburg. Rein äußerlich wirkt das Auto, das hier in einem so genannten „Pop-up Club“ in prominenter Lage Hamburgs am Alten Wall direkt neben dem Rathaus präsentiert wird, gar nicht so ungewöhnlich: Ein Kompakt-SUV wie viele andere, ausgestattet mit Hybridantrieb, lackiert in zurückhaltendem Blaumetallic. Doch die Marke Lynk & Co ist bisher noch sehr exklusiv. Gerade einmal etwa 400 dieser Fahrzeuge sind bisher in Europa ausgeliefert worden, davon rund 80 in Deutschland.

Tatsächlich ungewöhnlich ist das Vertriebsmodell. Denn das erst im Oktober 2016 gegründete schwedisch-chinesische Unternehmen will die Autos nicht verkaufen, sondern im Rahmen eines Mitgliedschaftsmodells für 500 Euro pro Monat verleihen – wobei sich die Kosten noch senken lassen, indem man den Wagen während der Mitgliedschaft mit weiteren Nutzern etwa im Bekanntenkreis teilen kann. Eine Online-Buchungsplattform dafür ist gleich aus dem Auto heraus bedienbar.

Hamburger „Pop-up-Club“ am Alten Wall

„Unser Ziel für 2021 waren europaweit 9000 Mitglieder, wir haben gerade heute aber schon die Marke von 17.000 Anmeldungen erreicht“, sagt Alain Visser, der Chef von Lynk & Co. Rund 2000 davon kommen aus Deutschland. Die meisten dieser Neukunden werden aber wohl noch einige Monate auf ihr Auto warten müssen, denn auch das Werk des Mutterkonzerns Geely in China, wo das Fahrzeug gebaut wird, ist – wie die anderen Hersteller – von der weltweiten Computerchip-Knappheit betroffen.

Visser ist von dem lebhaften Interesse schon deshalb überrascht, weil die Marke außer im Internet bisher noch kaum in Erscheinung tritt. Der am Mittwoch eröffnete Hamburger „Pop-up-Club“, angelegt auf zwölf Monate, ist der erste öffentlich zugängliche Standort der Marke in Deutschland. Bisher ist Lynk & Co lediglich mit zwei in coolem Industriestil gehaltenen permanenten Schauräumen („Clubs“ genannt) am Firmensitz in Göteborg und in Amsterdam vertreten. In Berlin gibt es zwar ein Büro, der dortige Club eröffnet aber erst im August. Weitere sind in Antwerpen, Barcelona, Paris und Mailand vorgesehen. Mittelfristig könnte auch Hamburg einen solchen Club mit wesentlich großzügigerem Zuschnitt als der jetzt eröffnete Pop-up-Standort bekommen.

Das Modell gibt es in zwei Farben

Nach den Worten von Visser ist das Angebot des Unternehmens „brutal einfach“: Ein einziges Automodell namens „01“, erhältlich in nur zwei Farben (blau und schwarz), dazu eine Komplettausstattung mit diversen Fahrassistenzsystemen einschließlich Frontradar – Wahlmöglichkeiten gibt es praktisch nicht.

Zwar ist der „01“ der erste Pkw der Welt, dessen Sitzbezüge aus recycelten Fischernetzen bestehen. Doch dass der fast zwei Tonnen schwere SUV mit einer rein elektrischen Reichweite von gerade einmal 69 Kilometern „wohl nicht das nachhaltigste Auto in der Branche“ ist, räumt Visser freimütig ein.

Bewusste Entscheidung gegen elektrische Pkws

Sowohl der Zuschnitt als auch die Antriebsart beruhten aber auf bewussten Entscheidungen: Das Auto solle auch für Familien geeignet sein und ein voll elektrischer Pkw sei wegen der eher geringen Ladesäulendichte außerhalb von Ballungszentren „jetzt noch nicht die ideale Wahl“. Das könne jedoch in zwei oder drei Jahren anders aussehen. Wenn künftig in Europa ein weiteres Modell von Lynk & Co auf den Markt kommen sollte, werde es auf jeden Fall rein elektrisch angetrieben und wahrscheinlich etwas kleiner als der Typ 01 sein.

Generell ist die Autobranche aus der Vissers Sicht eine „extrem un-nachhaltige Industrie“ – eine erstaunliche Aussage eines Managers, der seit gut 34 Jahren in diesem Wirtschaftszweig arbeitet. Der Belgier war Marketingmanager bei Ford und Chevrolet, jahrelang saß er im Vorstand von Opel und später von Volvo: „Wenn meine Söhne mich fragen, was ich mein Berufsleben lang gemacht habe, dann muss ich sagen: Ich habe Autos verkauft.“

Abomodell begeistert Jüngere

Damit soll jetzt Schluss sein, obwohl man das Modell 01 prinzipiell für 35.000 Euro (als Plug-In-Hybrid 42.000 Euro) auch kaufen kann. Mehr als 90 Prozent der Kunden entschieden sich aber dann doch für die Miet-Mitgliedschaft, so Visser. Dieses Vertriebsmodell hat für ihn viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Denn ein Auto stehe normalerweise 96 Prozent der Zeit ungenutzt herum. Könne es geteilt werden, führe das zu einer effizienteren Nutzung.

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Dabei spricht das Abomodell offenbar tendenziell jüngere Kunden an. Im Schnitt seien die Mitglieder von Lynk & Co 35 Jahre alt, sagt Visser. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter von Neuwagenkäufern in Deutschland liegt bei knapp 53 Jahren.

Experten sehen Zukunft für Abomodell

Nach einer Erhebung des Branchenexperten Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des privaten Duisburger Forschungsinstituts CAR–Center Automotive Research, sind in Deutschland mehr als 400 Neuwagen-Auto-Abos auf dem Markt. Bis 2030 könnte ihr Marktanteil bei den Neuwagenzulassungen im Privatkundengeschäft auf 40 Prozent steigen, erwartet Dudenhöffer. Anbieter sind außer den Autobauern selbst auch herstellerunabhängige Spezialisten wie Cluno, Finn.Auto oder Like2Drive. Erst vor wenigen Tagen ist der Energiekonzern Shell ebenfalls in den Markt eingestiegen.

Auto-Abos unterscheiden sich vom Leasing hinsichtlich der Laufzeit: Sie sind meist auf Mindestzeiträume zwischen einem Monat – wie bei Lynk & Co – und zwölf Monaten ausgelegt, während Leasingverträge meist zwei bis vier Jahre lang laufen. In den Preisen, die je nach Typ üblicherweise zwischen 250 und 700 Euro pro Monat rangieren, sind die Überführung und Zulassung, die Kfz-Steuer, die Versicherung und die Wartung enthalten.

Keine klassischen Autohäuser in Hamburg geplant

Auf klassische Autohäuser will Visser auch in Zukunft verzichten, für den Service nutzt man die Werkstätten von Volvo – schließlich entstand das Modell 01 auf der technischen Basis des Volvo XC40. Volvo arbeitet bereits seit 2010 mit seiner Pkw-Sparte unter dem Dach des Geely-Konzerns. Dessen Besitzer Li Shufu ist mit einer Beteiligung von knapp zehn Prozent auch der größte Anteilseigner von Daimler.

Eine weiteres Geely-Tochterunternehmen, der Elektroautospezialist Polestar, ist schon seit dem Frühjahr ebenfalls in Hamburg vertreten – an den Hohen Bleichen. Wie Lynk & Co setzt auch Polestar auf den Online-Vertrieb und kombiniert diesen mit Showrooms, in denen Kunden das Fahrzeug auch in der realen Welt erleben sollen. Die Plug-In-Hybrid-Ausführung des Modells 01 kann bei Lynk & Co am Alten Wall auch für Probefahrten von 30 Minuten gebucht werden. Dafür wird die elektrische Reichweite von 69 Kilometern sicherlich ausreichen.

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