Digitaler Nomade

Gestrandet in der HafenCity – wegen Corona

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Torsten Kolsch sitzt auf den Magellan-Terrassen: Während der Pandemie nahm sich der Digitale Nomade eine Wohnung in der HafenCity.

Torsten Kolsch sitzt auf den Magellan-Terrassen: Während der Pandemie nahm sich der Digitale Nomade eine Wohnung in der HafenCity.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Thorsten Kolsch scharrt schon mit den Füßen: Der Hamburger will endlich wieder auf Reisen gehen. Wie Corona die Arbeitswelt verändert.

Hamburg.  Corona hat Thorsten Kolsch ausgebremst. Der Hamburger hat sich ein Apartment gemietet. Für den 41-Jährigen, der sonst sein Leben ohne eine eigene Bleibe quasi aus dem Koffer verbringt, der das Jahr über in fremden Ländern unterwegs ist, war dies ein ungewöhnlicher Schritt. „Aber bald gebe ich die Wohnung wieder auf“, sagt Kolsch über sein Zuhause in der HafenCity. Ein Ort, der ihn durch die Elbe wenigstens mit der Welt dort draußen verbindet. „Doch letztlich ist eine eigene Wohnung wie ein Klotz am Bein“, findet der Digitale Nomade – und in seinen Augen hinter der schwarzen Brille blitzt die Vorfreude auf neue Fernweh-Abenteuer auf.

Ein Jahr lang hatten weitestgehend geschlossene Grenzen und Gefahren durch das Virus den Globetrotter quasi zum Gefangenen gemacht. Reisen, die Kolsch sonst nach Südamerika, Teneriffa oder Osteuropa führten, wurden nahezu unmöglich. Denn Privatleute durften keine Gäste mehr beherbergen, Flüge wurden gestrichen, die Pflicht zur Quarantäne erschwerte den Ortswechsel.

Hamburger will endlich wieder reisen

Erst allmählich kann Kolsch wieder Pläne machen, denn Impfungen und Tests ermöglichen weltweit neue Freiheiten, auch für Digitale Nomaden. Seine Wohnung will er im Sommer abgeben. Sobald es Corona wieder zulässt, wird Kolsch sein unruhiges Dasein als Digitaler Nomade wieder aufnehmen.

Überall, wo er in Hostels oder bei Privatleuten über Airbnb unterkommt, wohnt er nicht nur, sondern arbeitet auch. Es zeichnet sich ab, dass die Pandemie diese Philosophie des flexiblen Arbeitens mittelfristig beflügeln kann. „Auf der ganzen Welt entstehen Co-Working-Spaces“, so Kolsch über den Trend zu Gemeinschaftsbüros mit wechselnden Kollegen. Ein Großteil der Firmen hätte gelernt, dass Arbeit „nicht ans Büro gebunden sein muss, sondern von überall funktioniert“, ergänzt der Weltreisende, über dessen Leben das Abendblatt bereits vor Jahren berichtet hat.

Künftig soll jeder Dritte seinen Arbeitsort frei wählen können

War mobiles Arbeiten bis Anfang 2020 die Ausnahme, so wird laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom in Zukunft mehr als jeder Dritte den Arbeitsort flexibel wählen können. Nach Freelancern wie Kolsch sind es nun auch vermehrt Festangestellte, welche die Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten nutzen.

Digitale Nomaden treiben diese Freiheit auf die Spitze, denn sie trennen sich von ihrem gewohnten sozialen Umfeld und arbeiten dort, wo andere Urlaub machen. Beliebt bei den Menschen, die das Büro an einen Ort mit Meerblick verlegen, sind etwa Thailand, Indonesien, Griechenland, Spanien und Portugal.

Hamburger verdient sein Geld während des Reisens

Viele von ihnen sind ganz ohne festen Wohnsitz in der Welt zu Hause. Ihr gesamter Besitz für das tägliche Leben passt in einen Handgepäck-Trolley. Fürs Geldverdienen reicht ein Laptop. Und einige Fertigkeiten, die sie Firmen gegen Bezahlung anbieten. Oder ein Reiseblog, der etwa über Anzeigen Geld einbringt.

Bei Kolsch kommen etwa 4000 Euro im Monat zusammen, netto. Sein Schwerpunkt liegt „vor allem im digitalen Marketing und in der Content-Produktion“. Über Jahre baute er sich gleich mehrere digitale Standbeine auf. So macht er Firmen im Internet sichtbar, schreibt Texte für ihre Präsenz im Netz und übersetzt englische Webauftritte ins Deutsche. Zu seinen Auftraggebern gehören Warner Music, wo er einst als Angestellter arbeitete, und eine Agentur in New York. Außerdem gibt er das Entertainment-Magazin 2glory.de heraus.

Digitale Nomaden konnten durch Corona in Hotels arbeiten

Corona hat das Leben der Weltreisenden in jüngster Vergangenheit meist erschwert, manchmal aber auch erleichtert. So konnten Digitale Nomaden beispielsweise auch in Hotels arbeiten. Viele Herbergen, die keine Touristen unterbringen durften, boten Zimmer als Büros an. „Oder die Lobby mit Kaffee-Flatrate und WLAN als Arbeitszimmer“, sagt Kolsch über Hotels auf Teneriffa, wo er zuletzt einige Wochen verbrachte. Auf Fuerteventura kostet das Selbstversorger-Apartment mit Küchenzeile und schnellem WLAN in einigen Hotels in Corralejo, dem Hotspot für mobile Arbeiter auf der Insel, ab 700 Euro pro Monat.

Fitnessraum und Pool inklusive. In Robinson-Clubs gibt es auf den Zimmern – neben garantiertem Meerblick – Bürostühle und Monitore für entspanntes Arbeiten. Die Corona-Arbeitswelt beflügelt diesen Wandel: Videokonferenztools mit austauschbarem Hintergrund ermöglichen heute professionelle Meetings in der einfachen thailändischen Bambusstrandhütte. Oder eben im Luxuszimmer auf Fuerteventura mit ergonomischer Büroeinrichtung.

Madeira will Mobilarbeiter ansprechen

An einer passenden Infrastruktur arbeitet auch Madeira. Die Inselgruppe im Atlantik ist stark vom Tourismus abhängig. In der Corona-Krise will die Inselregierung neben klassischen Touristen vor allem langzeiturlaubende Mobilarbeiter ansprechen. Die Initiative Start-up Madeira steht für den Aufbau der größten europäischen digitalen Nomadengemeinschaft in dem malerisch gelegenen Dorf Ponta do Sol.

Neben seinen Jobs engagiert sich Kolsch, ein eloquenter, visionärer Mann, für die neue Art des Arbeitens, für eine Flexibilisierung in den Firmen. So produzierte er mit Tim Jonischkat den Dokumentarfilm „Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus“ über das Leben ortsunabhängiger Freigeister. 2016 tourte er im Auftrag des Arbeitsministeriums durch 25 deutsche Städte, um mit Experten aus Politik und Gesellschaft über das Thema Arbeiten 4.0 zu debattieren.

Corona verfestigt Vorteile einer flexibleren Arbeitswelt

Kolsch ist überzeugt, dass sich viele Vorteile einer flexibleren Arbeitswelt durch das Virus verfestigen. „Viele Angestellte wollen mehr Freiheit“, sagt der Kaufmann für audiovisuelle Medien, „und auch ortsunabhängig arbeiten“. Eine Studie des Beratungsunternehmens EY untermauert diese Einschätzung: Perspektivisch rechnet eine deutliche Mehrheit der Arbeitnehmer damit, dass die Frage, von wo Arbeit erledigt wird, in der Berufswelt schon bald keine entscheidende Rolle mehr spielt.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

84 Prozent der Befragten stimmten der These zu, dass sie 2030 vermutlich vollkommen ortsunabhängig arbeiten können. Dass es in dem Jahr gar keine Firmengebäude mehr gibt, kann sich rund die Hälfte der Befragten vorstellen.

Hamburger saß wochenlang in Portugal fest

Die Pandemie hat zudem gezeigt, dass die Präsenz in Firmen für die Leistung nicht ausschlaggebend ist. Und heute, nach Monaten des Homeoffice, seien viele Angestellte dazu befähigt, von zu Hause aus zu arbeiten. „Während vor fünf Jahren ein digitaler Nomade als exotisch galt, könnten heute viele Menschen auf diese Weise arbeiten“, sagt Kolsch.

Für Kolsch war die Zeit der Lockdowns und Corona-Beschränkungen nicht leicht. Wochenlang saß er in Portugal fest, obgleich er nur nach Lissabon gereist war, um weiter nach Brasilien zu fliegen. Dort herrschten strenge Regeln, „selbst die Bänke am Fluss Tejo waren mit Absperrband gesichert, und die Polizei kontrollierte die Bestimmungen“, so Kolsch, der die gewonnene Zeit nutzte, ein Buch zu schreiben. In dem Werk, erhältlich unter www.new-work-guide.de, beschreibt er, wie flexibles Arbeiten die Menschen zufriedener macht.

Hamburger Thorsten Kolsch genießt die Ortsunabhängigkeit

Kolsch selber ist in seiner Art zu leben angekommen. Für ihn gehört auch die Ortsunabhängigkeit dazu. „Sie führt nicht nur zu einem glücklicheren Leben, sondern macht uns auch kreativer.“ Außerdem sei das gute Wetter in vielen seiner Lieblingsregionen nicht zu unterschätzen, findet Kolsch. Den Winter etwa auf den Kanaren zu verbringen, schaffe ein freieres Leben und führe nicht wie in Hamburg zum Stress, bei zwei Stunden Sonne am Tag diese rare schöne Zeit unbedingt draußen nutzen zu wollen.

Ein Vorteil ist, dass auch sein Freund, ein Architekt, auf diese Weise leben will. Sogar in einem Persönlichkeitstest fand Kolsch heraus, dass er mehr Typ Fernweh als Heimweh ist. „Beim Merkmal Neugier war bei mir ein ganz großer Ausschlag“, sagt Kolsch lachend. In der Ferne interessieren ihn Kulinarik und Kultur. Bald will er wieder reisen, nach Budapest und Lissabon – in Portugal wird er endlich seinen brasilianischen Partner wiedersehen.

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