Alkoholkonsum

Corona-Frust: Deutsche trinken sich den Lockdown schön

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Christian Kerl
Wirkung von Alkohol: Das passiert im Gehirn

Wirkung von Alkohol- Das passiert im Gehirn

Alkohol hebt kurzfristig die Stimmung und entspannt. Schaut man allerdings zu tief ins Glas, sind Kopfschmerzen und Übelkeit unbeliebte Folgen.

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Ein aktueller OECD-Report zeigt: Deutschland belegt nun den Spitzenplatz beim Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol. Die Folgen wiegen schwer.

Brüssel.  Wegen Corona sind seit vielen Monaten große Feste verboten, Bars und Gaststätten waren vielerorts geschlossen. Trotzdem hat in Deutschland der ohnehin schon hohe Alkoholkonsum voriges Jahr noch zugenommen – der Verkauf alkoholischer Getränke legte hierzulande während der Corona-Krise um 3,3 Prozent zu.

Das ist eines der Ergebnisse einer brisanten Untersuchung zum Alkoholkonsum in über 30 Industrieländern, die am Mittwoch in Paris vorgestellt wurde. Corona habe das Muster des Konsums deutlich verändert, zumindest für einen Teil der Bevölkerung: Getrunken wird jetzt zu Hause – oft ist es ein Gläschen gegen den Corona-Blues, die Einsamkeit oder schlicht aus Langeweile.

Der Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigt, was auch Umfragen schon angedeutet hatten: In Corona-Zeiten trinkt etwa ein Drittel der Bürger mehr Alkohol als vorher, ein Fünftel dagegen weniger. Häufiger zur Flasche greifen vor allem Frauen, Eltern mit kleinen Kindern, Menschen mit höheren Einkommen und solche mit Ängsten und Depressionen.

Experten befürchten, dass der Trend weiter anhält

Für die Berechnung zum deutschen Mehrkonsum stützt sich der Report auf neue Daten des Bundesfinanzministeriums über die Einnahmen aus Alkoholsteuern. Die bestätigen nun zwar den rückläufigen Bierabsatz, über den Brauereien schon heftig geklagt haben. Dafür zeigt sich, dass Verbraucher häufiger zu harten Getränken, Wein und Sekt griffen.

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Die Experten befürchten, dass der neue Trend anhält und es auch mittelfristig beim Anstieg des problematischen Konsums bleibt. Der Weg aus der Corona-Krise „bleibt lang und schwierig, was das Risiko erhöht, dass sich Einzelpersonen auf schädliche Trinkgewohnheiten einlassen, um mit Stress fertigzuwerden“.

Videografik: So wirken Impfungen
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Mit dem steigenden Konsum berauschender Getränke steht Deutschland nicht allein – ähnliche Entwicklungen melden die Experten auch für viele EU-Nachbarn oder die USA. Das Problem ist nur: Hierzulande ist der Konsum ohnehin schon hoch. Corona hat das Alkoholproblem Deutschlands noch verschärft.

Jeder trinkt im Schnitt pro Jahr 12,9 Liter reinen Alkohol

Laut OECD-Statistik liegt die Bundesrepublik mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch (ab 15 Jahren) von umgerechnet 12,9 Litern reinen Alkohols in der Spitzengruppe der 37 erfassten Industriestaaten – demnach wird nur in Tschechien (14,4 Liter) und Litauen (13,2 Liter) noch mehr getrunken.

Im Durchschnitt genehmige sich jeder Bundesbürger ab 15 Jahren fünf Liter Bier oder 2,6 Flaschen Wein pro Woche, rechnet der Report vor. Allerdings ist das vor allem ein Problem von Männern, sie gießen sich im Schnitt dreimal mehr ein als Frauen.

Alarmierend sind für die Fachleute auch weitere Daten aus Deutschland: Jeder dritte Erwachsene trinke mindestens einmal im Monat exzessiv – worunter die Experten verstehen, dass bei einer Gelegenheit mindestens fast eine Flasche Wein oder 1,5 Liter Bier getrunken werden. Unter den 15-Jährigen sind 25 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen mindestens zweimal in ihrem Leben betrunken gewesen.

Die Fachleute sind weit davon entfernt, jedes alkoholische Getränk zu verteufeln – sie warnen aber vor Risiken für Jugendliche oder vor zu häufigem und schwerem Trinken. Als Schwelle für schädlichen Konsum gelten für Frauen täglich mehr als zwölf Gramm reiner Alkohol, was einem kleinen Bier entspricht; bei Männern liegt die Grenze bei 18 Gramm.

Alkoholkonsum lässt die Lebenserwartung sinken

Was den internationalen Vergleich angeht, hängt Deutschland nach dieser Statistik auch Länder wie Frankreich, Italien, Griechenland, Polen oder Finnland beim Pro-Kopf-Verbrauch ab – und sogar Russland. Die Angaben weichen von anderen Statistiken ab, weil sie zum Beispiel auch unversteuerten Konsum einfließen lassen, das Trinkverhalten von Touristen dagegen herausrechnen.

Die Folgen der Trinkerei wiegen schwer: In Deutschland verkürzt der Alkoholkonsum die durchschnittliche Lebenserwartung um 1,1 Jahre. Nach OECD-Berechnungen erhöht überzogener Alkoholkonsum nicht nur die Gesundheitsausgaben, er kostet hierzulande auch 1,7 Prozent Wachstum.

Die Experten drängen die Politik in Deutschland daher zu umfangreichen Gegenmaßnahmen. Ihr Forderungskatalog reicht von verstärkten Alkoholkontrollen im Straßenverkehr und höheren Steuern bis hin zu einem Verbot von Alkoholwerbung, die auf junge Menschen zielt. Generell solle die Verfügbarkeit von Alkoholgetränken für Risikogruppen reduziert werden, rät die OECD – und selbst Mindestpreise für Alkohol sollten kein Tabu sein.

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