Corona-Krise

Hafenrundfahrten finden in Hamburg ohne Passagiere statt

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Martin Kopp
An Hafenrundfahrten mit Passagieren ist nicht zu denken. Gregor Mogi auf seiner Barkasse „St. Pauli“.

An Hafenrundfahrten mit Passagieren ist nicht zu denken. Gregor Mogi auf seiner Barkasse „St. Pauli“.

Foto: Thorsten Ahlf

Betreiber wie Gregor Mogi leiden unter dem Lockdown. Sie müssen ihre finanziellen Reserven antasten. Was sie von der Politik fordern.

Hamburg. Gregor Mogi legt mit seiner Barkasse von den Landungsbrücken ab und beginnt seine Hafenrundfahrt wie immer mit einem Scherz: „Willkommen an Bord, liebe Wassersportfreunde“, ruft er. Doch niemand lacht, und wenn er sich im Steuerstand umdreht, wird ihm schwer ums Herz. Wo sich sonst Touristen tummeln und an der Bordwand um das beste Foto drängeln, ist Leere. Mogi hat wieder ohne Gäste abgelegt.

Am 31. Oktober des vergangenen Jahres hat der Barkassenunternehmer und Betreiber der Maritimen Circle Line seine letzte Hafenrundfahrt mit Passagieren absolviert. Seitdem gilt für ihn wie für alle anderen der rund 25 Barkassenbetriebe im Hamburger Hafen der Corona-Shutdown. Und dennoch müssen Gregor Mogi und seine Mitanbieter ab und an mit ihren Schiffen ablegen, um die Motoren zu bewegen, damit diese nicht kaputtgehen.

Stundenlang pendeln die Barkassen dann zwischen Waltershof und Elbphilharmonie auf der Elbe. Fahrgäste haben sie nicht. Hubert Neubacher von Barkassen Meyer ist dazu übergegangen, seine Ausflüge zu filmen und auf Facebook festzuhalten, damit die Leute wenigstens digital dabei sein können, wenn sie schon nicht mitfahren dürfen.

So wichtig wie die Gondeln für Venedig

„Die Lage unseres Gewerbes ist dramatisch, sagt Mogi. „Seit Monaten sind wir stillgelegt, komplett ohne Einkünfte. Aber unsere Kosten laufen weiter. Die Barkassen sind für Hamburg so wichtig wie die Gondeln für Venedig, aber die Politik hat dafür kein Verständnis.“

Knut Heykena, Geschäftsführer des Hafenschifffahrtsverbands, sieht es ähnlich: „Unsere Mitglieder sind häufig Familienbetriebe. Die jetzige Corona-Strategie der Bundesregierung sichert nicht deren Zukunft. Eine weitere verlorene Saison kann sich das Gewerbe nicht leisten.“ In Hamburg habe man das Problem wohl erkannt, sagt er und blickt aus seinem Büro im Kontorhaus an der Mattentwiete, nur wenige Schritte vom Hafen entfernt.

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So erlasse die lokale Hafenverwaltung Hamburg Port Authority (HPA) den Betreibern seit Januar bis Juni die Liegegebühren für ihre Schiffe. Immerhin geht es da je nach Länge der Barkasse um 3000 bis 5000 Euro pro Jahr. „Aber die Hilfsprogramme des Bundes müssten viel schneller und unbürokratischer fließen“, sagt Heykena.

Sommerferien als Starttermin für Hafenrundfahrten

Vor vier bis sechs Wochen habe er noch gehofft, dass das Geschäft Ostern wieder anspringen könnte. Jetzt hat Heykena den Beginn der Sommerferien als Starttermin für die Hafenrundfahrten im Auge. „Die Saisonbetriebe sind darauf angewiesen, im Sommerhalbjahr die Erlöse für das gesamte Jahr zu erwirtschaften. Dazu braucht es stabile Rahmenbedingungen.“ Wenn das Geschäft nicht bald wieder anspringe, sehe es für einige Betreiber düster aus.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Das Schlimmste ist die Perspektivlosigkeit“, sagt Mogi, der mit der Barkasse „St. Pauli“ langsam wieder auf der Elbe zurückfährt. „Seit Dezember wird uns erzählt, wir müssten jetzt nur noch weniger Wochen durchhalten. Jetzt hat der Mai begonnen – und wieder kein Geschäft zum Hafengeburtstag und Pfingsten sieht auch schlecht aus.“

Mai ist für Hafenrundfahrten wichtig

Der Mai ist für Hamburgs Barkassenbetreiber wegen seiner vielen Feiertage ein wichtiger Monat. Mogi, der fünf Barkassen betreibt, macht durchschnittlich 120.000 Euro Umsatz im Mai – wenn es schlecht läuft. Läuft es gut, sind es 150.000 Euro. Und jetzt – null Euro. „Meine Fixkosten wie Miete, Strom und Gas bekomme ich erstattet. Aber für die Kosten der Schiffe wie Wartung, Brennstoff, Versicherung bekomme ich keine Hilfen, und die Kosten laufen weiter.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Ein Schiff hat Motorschaden und muss in die Werft. Bei zwei weiteren ist das Toilettenspülsystem kaputtgegangen. Die Reparaturen muss Mogi wie auch die Energiekosten für das Bewegen der leeren Barkassen aus dem Firmenvermögen zahlen. Sich selbst hat er nach eigenen Angaben seit November kein Gehalt mehr ausgezahlt. Er lebe mit seiner Familie von den Rücklagen, und kaufe seine Lebensmittel so günstig es eben geht.

Trotz des Lockdowns wird ausgebildet

Die Rücklagen benötigt er eigentlich für seine Zeit als Rentner, da er nie in die gesetzliche Rentenkasse einbezahlt hat. „Aber würde ich mir jetzt Geld aus der Firma nehmen, würde sie binnen Monaten tatsächlich an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geraten.“

Fünf feste Mitarbeiter hat Gregor Mogi, die derzeit alle in Kurzarbeit sind. Hinzu kommen 17 Aushilfen, die keine Hilfen bekommen, sowie vier Lehrlinge, die er trotz des Lockdowns weiter ausbildet. „Die kann ich ja nicht nach Hause schicken. Die arbeiten jetzt in der Wartung der Schiffe mit und kommen ab und zu mit raus auf die Elbe.“ Ein- bis zweimal pro Woche lässt Mogi seine Barkassen fahren, damit die Getriebe in Schuss bleiben.

Als Extra-Belastung kommt hinzu, dass er sich vor drei Jahren mit der „Europa“ eine völlig neue Barkasse bauen ließ. „Die Tilgung der Kredite trifft mich in dieser Zeit sehr, denn auch dafür bekomme ich keine Hilfen. Aber mit so einer Misere konnte ich doch damals nicht rechnen.“ Immerhin stundet die Bank die Zahlungen für ein halbes Jahr.

Mehrwertsteuersatz soll sinken

Selbst wenn das gesellschaftliche Leben wieder an Schwung gewinnt, ist die Krise der Barkassenunternehmer nicht vorbei. Sie brauchen Zeit, um die verlorenen Monate aufzuholen. Mogi fordert für sich und seine Kollegen, die er übrigens auch als Vorstand im Hafenschifffahrtsverband vertritt, deshalb unter anderem für die kommenden zehn Jahre eine Anwendung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes.

Für alle Leistungen auf der Gästefahrt sollten sieben statt der üblichen 19 Prozent gelten. Und eine längere Entlastung bei den Liegeplatzgebühren würde ebenfalls helfen.

„Vor allem wünschen wir uns, von der Politik mit unseren Sorgen endlich ernst genommen zu werden. Die Hafenrundfahrten sind für den Tourismus Hamburgs unverzichtbar und volkswirtschaftlich von ähnlich großer Bedeutung wie große Industrieunternehmen. Das sieht bloß keiner“, sagt Mogi und legt kurz darauf an. Er hat die nächste Leerfahrt beendet.

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