Onlinebestellungen

Hawesko macht Computer in Corona-Zeiten zu Weinberatern

| Lesedauer: 7 Minuten
Heiner Schmidt
Finanzvorstand Raimund Hackenberger (l.) und Vorstandschef Thorsten Hermelink haben allen Grund, auf das Jahresergebnis 2020 des Hamburger Weinhandelshauses Hawesko anzustoßen.

Finanzvorstand Raimund Hackenberger (l.) und Vorstandschef Thorsten Hermelink haben allen Grund, auf das Jahresergebnis 2020 des Hamburger Weinhandelshauses Hawesko anzustoßen.

Foto: Roland Magunia

Hamburger Handelshaus will Kunden Entscheidung bei Onlinebestellungen erleichtern. Rechner gibt Tipps, was schmecken könnte.

Hamburg. Weil Restaurants, Bars und Kneipen im vergangenen Jahr über Monate geschlossen waren und es derzeit weiter sind, trinken die Deutschen das abendliche Glas Wein seit inzwischen mehr als einem Jahr überwiegend auf dem Sofa daheim.

Die Flaschen, die da entkorkt werden, kommen aus dem Supermarkt und mit dem Paketdienst direkt vom Winzer oder aus dem Onlineshop eines der großen Weinhandelshäuser. Die Folge: Im Einzel- und stärker noch im Onlinehandel mit den mehr oder weniger edlen Tropfen gibt es gewaltige Umsatzsprünge.

Besondere Herausforderung für die Kunden

Allerdings ergibt sich hier auch eine besondere Herausforderung für die Kunden. „Das Problem im E-Commerce ist ja, dass der Kunde vorher nicht sicher sein kann, ob ihm der Wein tatsächlich schmeckt“, weiß Thorsten Hermelink, der Vorstandschef des Hamburger Handelshauses Hanseatisches Wein- und Sektkontor (Hawesko), zu dem unter anderen die Fachgeschäftskette Jacques’ Weindepot, aber auch der Onlineshop Hawesko gehören.

Bei der Präsentation der Jahresbilanz 2020 am Donnerstag kündigte der Konzernchef eine Innovation an, die noch in diesem Jahr helfen soll, unschlüssige Kunden bei der Auswahl im Internet stärker an die Hand zu nehmen. Im Hawesko-Shop können sie sich voraussichtlich ab Herbst vom Computer selbst und mittels künstlicher Intelligenz beraten lassen.

Service kann rund um die Uhr genutzt werden

„Wir haben im letzten Jahr unsere Weine geschmacklich analysiert und daraus einen lernenden Algorithmus entwickelt, mit dem der Kunde schon vor dem Kauf sicher erkennt, wie der Wein schmecken wird und ob der Wein seinem Geschmack entspricht“, sagte Hermelink. Zugleich betonte er: „Es handelt sich um ein zusätzliches Angebot und wird nicht der Einstieg in den Ausstieg aus der persönlichen Beratung sein. Die ist und bleibt im Onlinehandel ein ganz wichtiges Element.“

Mit dem neuen Beratungsservice durch den Rechner ist bei Hawesko aber die Hoffnung verknüpft, künftig auch Kunden zu erreichen, die eher nicht beim Berater des Onlineshops anrufen. Zudem kann der Service rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche genutzt werden.

Wie bei Netflix

Die derzeit gut hundert Hawesko-Telefonberater in Tornesch sind von Montag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr zu erreichen. Künftig werde man auch eine persönliche Videoberatung anbieten, kündigte Hermelink während der Bilanzpräsentation an, die diesmal als Telefonkonferenz stattfand – einem fast schon in Vergessenheit geratenen Format.

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„Man muss sich das wie bei Netflix vorstellen, das ja auch Empfehlungen gibt, welchen Film man sich anschauen könnte“, sagte der Konzernchef über den virtuellen Weinberater. Kunden, die ihn erstmals nutzen, müssen zunächst einige Abfüllungen benennen, die ihnen gut gefallen haben. Daraus leitet die künstliche Intelligenz ab, welche anderen Weine dem Besteller schmecken könnte. Hat der Kunde schon mehrfach geordert, zieht der Computer aus den bereits ausgelieferten Warenkörben seine Schlüsse.

Retourenquote weiter senken

Und womöglich hilft der virtuelle Service zudem, die Retourenquote weiter zu senken. Dass Kunden einen gekauften Wein zurücksenden oder in einem der Fachgeschäfte wieder abgeben, sei aber ohnehin eine große Ausnahme, so Hermelink.

„Unsere Retourenquote liegt bei unter einem Prozent und damit weit unter der im Online-Modehandel.“ In Deutschland wird laut einer Faustformel etwa jedes zweite Bekleidungsteil von Kundinnen und Kunden an den Onlinehändler zurückgeschickt. Aus Sicht von Hermelink ist Hawesko mit dem neuen Service einer der Vorreiter in der Weinhandelsbranche.

Positive Konzernbilanz

Auf die Konzernbilanz wirkte sich das erste Pandemie-Jahr positiv aus – und das Management zeigte sich recht zufrieden bis glücklich. Das Zahlenwerk, das Hermelink am Donnerstag gemeinsam mit Raimund Hackenberger, dem Finanzvorstand der Holding, präsentierte, weist im operativen Geschäft einen Umsatzsprung um 11,6 Prozent auf 620 Millionen Euro aus. Der operative Gewinn wuchs gegenüber dem Vorjahr gar um 44,6 Prozent auf 42,2 Millionen Euro.

Vor allem die etwa um etwa die Hälfte gewachsenen Erlöse in den diversen Onlineshops des Konzerns, deutlich mehr Lieferungen an Einzelhandelsketten, aber auch Umsatzzuwächse in den eigenen Fachgeschäften, konnten den heftigen Einbruch im B2B-Geschäft mit der Belieferung von Hotels und Restaurants mehr als ausgleichen. Davon sollen nun auch die Aktionäre profitieren.

Hawesko-Aktienkurs gestiegen

Sie sollen für das vergangene Jahr eine von 1,30 auf 1,60 angehobene Basisdividende erhalten und darüber hinaus eine Sonderdividende in Höhe von 0,40 Euro pro Anteilsschein. Der Hawesko-Aktienkurs ist binnen eines Jahres von gut 31 auf nunmehr annähernd 47 Euro geklettert.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Und auch das zweite Coronajahr hat für die Hamburger Weinhändler verheißungsvoll begonnen. Der Umsatz im ersten Quartal 2021 war um 28 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum, der operative Gewinn von Januar bis März verfünffachte sich auf 15 Millionen Euro. „Das erste Quartal 2020 war allerdings noch nicht von der Pandemie beeinflusst“, relativierte Hermelink die Aussagekraft des Zahlenvergleichs. „Hawesko ist kerngesund“, betonte er.

Zahl der regelmäßigen Besteller ist deutlich gewachsen

Der Konzernchef geht davon aus, dass auch nach Ende der Pandemie der Onlinehandel ein tragender Vertriebsweg bleiben wird. Die Zahl der regelmäßigen Besteller ist deutlich gewachsen. „Vielleicht gibt es für ein, zwei Jahre einen kleinen Rücksetzer, aber ich denke, wir werden das erreichte Niveau halten“, sagte Hermelink.

Zumal Weinkunden im Laufe eines Jahres auch etwas über Preisunterschiede gelernt haben dürften: Eine im Restaurant bestellte Flasche ist drei- bis viermal teurer als die gleiche Abfüllung im Handel.

20,7 Liter pro Jahr

  • Weintrinker in Deutschland schenken sich am liebsten einen Tropfen von heimischen Winzern ein. Der Marktanteil deutscher Weine lag im vergangenen Jahr bei 45 Prozent, so das deutsche Weininstitut. In der Beliebtheitsskala folgen Weine aus Italien mit 15 Prozent aller Käufe, Frankreich (12) und Spanien mit elf Prozent.
  • Dass im Corona-Jahr deutlich mehr Flaschen im Handel gekauft wurden, ist klar. Ob tatsächlich auch insgesamt mehr getrunken wurde, steht dagegen noch nicht sicher fest.
  • Die Folgen des Gastronomie-Lockdowns machen eine Aussage schwer. Zwar berichtete das Weininstitut unlängst von einem Durchschnittsverbrauch von 20,7 Litern pro Kopf und Jahr. Das waren 0,6 Liter mehr als zuvor. Doch die Angaben beziehen sich auf das sogenannte Weinjahr von August 2019 bis Juli 2020.

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