Corona

Warum ein Hamburger Geschäft für Staatshilfe schließen muss

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Hanna-Lotte Mikuteit
Zum Schließen gezwungen: Janine Werth beklebt das Schaufenster ihres Ladens Werte Freunde.

Zum Schließen gezwungen: Janine Werth beklebt das Schaufenster ihres Ladens Werte Freunde.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Mein Laden in Corona-Zeiten, Teil 11: Wie die Hamburger Unternehmerin Janine Werth ihr Geschäft durch die Krise steuert.

Hamburg. Seit mehr als einem Jahr macht Janine Werth praktisch nichts anders, als um das Überleben ihres Ladens zu kämpfen. Sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Den Sonntag versucht sie sich frei zu halten. Das klappt nicht oft.

Immer wieder hat sich die Einzelhändlerin in der Corona-Pandemie etwas Neues einfallen lassen, um trotz Ladenschließungen, Hygieneregeln und sich ändernden Lockdown-Bestimmungen weiterhin Geld in die Kasse zu bekommen: über Nachrichten in den sozialen Medien, mit Mini-Modeschauen per Video, Rabattangeboten, digitaler Hautanalyse, zuletzt mit einer individuellen Stilberatung im Laden. Motto: Viel Umsatz hilft viel.

Alle Phasen des Hamburger Geschäfts Werte Freunde

Das Abendblatt hat alle Phasen seit März 2020 begleitet, Erfolge und Rückschläge ihres Geschäfts Werte Freunde dokumentiert. Jetzt hat die Unternehmerin seit Anfang April den Verkauf komplett gestoppt. Erst mal.

Der Laden in der Hamburger Innenstadt ist nicht nur geschlossen, sondern es ist auch anders als sonst niemand da. Das Telefon klingelt ins Leere. Bestellungen per E-Mail sind nicht möglich. Auch der gerade erst eröffnete Onlineshop ist dicht. Verkehrte Welt. „Es geht in diesem Monat nicht darum, möglichst viel zu verkaufen, sondern möglichst wenig“, sagt Werth. „Heute für morgen“ nennt sie ihre Aktion.

Umsätze zu hoch für Zuschüsse vom Staat

Die radikale Kehrtwende ist, so paradox das zunächst klingt, ein weiterer Schritt zur Rettung des Unternehmens. Bislang hat Werte Freunde gerade wegen der stetigen Verkaufsankurbelung für Mäntel, Kleider und Hosen aus Ökoproduktion sowie Cremes, Shampoos und Seifen mit natürlichen Inhaltsstoffen Umsatz gemacht, der zwar deutlich unter dem lag, was zum Überleben nötig wäre – aber zu hoch, um Zuschüsse aus staatlichen Hilfsprogrammen zu erhalten.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Wir sind im Modus der Schadensbegrenzung. Und haben überlegt, was wir machen können“, sagt die 42-Jährige, die sich über ihren Laden mit einer halben Million Euro verschuldet hat und im Dezember einen weiteren Kredit in Höhe von 130.000 Euro über den Corona-Recovery-Fonds der Stadt Hamburg aufgenommen hat. Gut drei Monate später ist ein Großteil des frischen Geldes verbraucht, unter anderem um den durch die anhaltenden Umsatzausfälle ausgeschöpften Dispokredit auszugleichen, den Aufbau des Onlineshops zu finanzieren sowie Rechnungen für Frühlings- und Sommerwaren zu begleichen.

Werte Freunde zum dritten Mal zwangsgeschlossen

„Es war für mich damals nicht vorstellbar, dass wir Mitte April immer noch im Lockdown sind, der Laden inzwischen zum dritten Mal zwangsgeschlossen ist und wir darüber reden, wie wir überleben können“, sagt die Einzelhändlerin. In der Stimme schwingt Fassungslosigkeit mit, das Gefühl von Ohnmacht im eigenen Leben.

Es ist auch das ständige Hin und Her der Corona-Maßnahmen mit ersten Öffnungsschritten im März bis zum neuerlichen Verbot auch für Kosmetikbehandlungen kurz vor Ostern, das die Gründerin mit ihrem schier unverwüstlich scheinenden Optimismus mürbe macht. „Es ist wie im Zirkus, alle zwei Wochen ein neues Programm“, sagt sie. „Wir sind zum Spielball der Regierung geworden“, sagt die Geschäftsfrau, die auch im Handelsausschuss der Handelskammer sitzt. Die Folgen der ständig wechselnden Maßnahmen würden in der Politik überhaupt nicht gesehen. Und auch nicht die Arbeit, die bei jeder Änderung geleistet werden müsse.

Janine Werth öffnete Laden für Click & Meet

Dabei hatte auch Janine Werth Anfang März mit viel Energie und voller Kraft ihren Laden am Großen Burstah für das sogenannte Terminshopping Click & Meet geöffnet. „Wir sind wieder da“, lautete ihr Instagram-Post garniert mit „Yippie, Yippie, Yeah, Krawall und Remmidemmi“. Ihre sechs Mitarbeiterinnen hatte sie aus der Kurzarbeit zurückgeholt.

In wenigen Stunden krempelten sie das Geschäft von Winter auf Frühling um, hängten Blumenkleider und Übergangsmäntel an die Kleiderstangen, räumten leichte Pullover ins Regal und drapierten die Kosmetikauslagen um. Alles sollte so richtig schön sein für den Neustart. An Tag zwei der neuen Zeit waren Terminbuchungen über die Internetseite möglich. „Für uns war das perfekt“, sagt die Gründerin. Anders als die großen Filialisten kam ihre Stammklientel schnell zurück.

„Es gab emotionale Momente mit Tränen in den Augen“

Im Schnitt waren jeden Tag 23 Kundinnen im Laden. „Das waren natürlich viel weniger als früher. Aber statt eines Teils haben viele zwei oder drei gekauft“, sagt sie. Vor allem Jeans seien gut gegangen, trotz Preisen von bis zu 150 Euro. „Die Kundinnen haben sich so gefreut, endlich mal wieder außerhalb eines Supermarkts einen Laden besuchen zu können“, sagt die Einzelhändlerin.

„Es gab emotionale Momente mit Tränen in den Augen.“ Und die Umsätze erreichten fast Vor-Corona-Niveau. Das Problem: Nach nicht einmal zwei Wochen mussten die Läden in Hamburg wegen der steigenden Inzidenzwerte wieder schließen. Am letzten Tag, einem Freitag, waren bis 23 Uhr Kundinnen im Laden.

Stilberatung und Hautanalysen als Dienstleistung

Für die Zeit danach hatte die umtriebige Händlerin direkt den nächsten Einfall und bot Stilberatung und Hautanalysen mit Termin an – als Dienstleistung und aus ihrer Sicht deshalb erlaubt. Das Angebot wurde nur zögerlich angenommen, die Umsätze fielen trotz des Onlineshops erneut auf unter 30 Prozent dessen, was geplant war.

Und genau da verflog die Hoffnung auf die schon einkalkulierten staatlichen Zuschüsse. Infrage kommt für Werte Freunde nur die sogenannte Überbrückungshilfe III, die vor allem für die Deckung der Fixkosten wie Miete, Betriebskosten und Versicherungen dienen soll und seit Februar beantragt werden kann.

Umsatzausfälle von etwa 300.000 Euro

„Es war ein Schock, als unsere Steuerberaterin uns mitgeteilt hat, dass wir nahezu leer ausgehen“, sagt Janine Werth. Trotz Umsatzausfällen seit Beginn der Pandemie von etwa 300.000 Euro. Der Grund: Als Vergleichszeitraum für die Berechnung des coronabedingten Ausfalls wird der Vergleichsmonat des Jahres 2019 herangezogen. Für ein wachstumsorientiertes Start-up wie Werte Freunde, das erst im Oktober 2018 gegründet wurde, ist das ungünstig.

Um überhaupt antragsberechtigt zu sein, muss die Händlerin mit ihrem Laden nämlich jetzt die durchschnittlichen Monatseinnahmen von vor zwei Jahren unterbieten. „Das passt nicht, weil wir inzwischen deutlich gewachsen sind“, sagt sie. Die Folge: Trotz realer Umsatzausfälle von bis zu 70 Prozent liegt der Laden in fast allen Monaten über dem Grenzwert für die Hilfen.

Die monatlichen Fixkosten liegen bei etwa 18.000 Euro

Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Stefan Schmid, der sie in Finanzthemen berät, entschloss sie sich zu einer Verkaufspause – als Ultima Ratio gewissermaßen. Ende März schickte sie ihre Mitarbeiterinnen wieder komplett in Kurzarbeit. Inzwischen ist der Antrag auf Überbrückungshilfe III eingereicht – insgesamt elf Seiten. „Es geht für uns nur im April um einen hohen fünfstelligen Betrag“, sagt Janine Werth.

Denn nicht nur die monatlichen Fixkosten in Höhe von etwa 18.000 Euro können weitgehend ersetzt werden, sondern auch 90 Prozent der unverkauften Winterware im Einkaufswert von gut 35.000 Euro, die derzeit in 33 Kartons lagert, sowie weitere Kosten für die Digitalisierung des Betriebs. Um an die Unterstützung zu kommen, darf Werte Freunde in diesem Monat nicht mehr als 13.000 Euro einspielen. Nach einer Änderung der Bedingungen für die Hilfen, gibt es inzwischen die Hoffnung, dass es für Januar und Februar Zuschüsse für Miete und weitere Kosten gibt.

Verständnis von Kundinnen

„Ich hatte schon Befürchtungen, dass uns die Verkaufspause angekreidet wird. Unter dem Motto: nicht arbeiten, um staatliche Hilfen zu kassieren“, sagt Janine Werth. Stattdessen habe es viel Verständnis und sogar positive Reaktionen von Kundinnen gegeben. „Wir sind transparent und auch ein Beispiel für andere. Viele waren bislang tatsächlich gehemmt, die zustehenden staatlichen Hilfen in Anspruch zu nehmen.“ Inzwischen meldeten sich immer mehr Händlerinnen, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen und mehr Informationen suchen.

„Es ist eine unternehmerische Entscheidung, um die Verluste wenigstens etwas verringern zu können“, sagt die Einzelhändlerin. Werte Freunde könne in der aktuellen Situation niemals so viel Umsatz machen, um am Ende auch nur in die Nähe der möglichen staatlichen Hilfen zu kommen. „Es ist verrückt, aber wir müssen weniger Umsatz machen, um das Unternehmen zu erhalten.“

Plakat an Hamburger Geschäft während Corona-Pause

Janine Werth wäre nicht Janine Werth, wenn sie das nicht auch ganz transparent sichtbar machen würde. Vor einigen Tagen war sie noch mal in ihrem Laden am Großen Burstah und hat mit einem Grafiker die Schaufenster mit großen Plakaten beklebt. „Wir machen eine Pause“, steht darauf. Es gibt auch eine Erläuterung für den Verkaufsstopp – „Heute für morgen“.

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