Pandemie

Hamburger entwickeln Corona-Spucktest für Kinder

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Martin Kopp
Georg Schacht (l.) und Lennart Heldmann zeigen den Ameda-Spucktest.

Georg Schacht (l.) und Lennart Heldmann zeigen den Ameda-Spucktest.

Foto: Andreas Laible

Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ordern bereits Millionen Nachweise für Schulen und Kitas.

Hamburg.  Lange Zeit gehörten flächendeckende Tests nicht zur deutschen Strategie im Kampf gegen Corona. Inzwischen hat sich das geändert. Schulen und Kitas sollen ihre Schützlinge und Lehrkräfte testen, Firmen ihre Beschäftigten. Der Corona-Test wird immer mehr zur festen Größe, um die Pandemie einzudämmen.

Entsprechend groß ist das Angebot. Es gibt Hunderte, aber ein ganz besonderer kommt jetzt aus Hamburg. Es ist ein Spucktest. Auch davon gibt es viele. Aber anders als die meisten anderen ist er für Kinder besonders gut geeignet. Zu ihm gibt es nämlich eine Gebrauchstauglichkeitsstudie mit Schülern im Alter von elf Jahren, die andere Anbieter nicht haben. „ANP Rapid Test Sars CoV 2 AG“, lautet der sperrige Name des Produkts.

Die Macher sind keine Pharmaunternehmer

Die Macher dahinter sehen in ihren Kapuzenjacken nicht aus wie Pharmaunternehmer und sind es auch nicht. Georg Schacht und Lennart Heldmann sind Hamburger und Freunde. Schacht, dessen Vater im Vorstand von Kühne + Nagel sitzt, hat früher eine Versteigerungsbörse für Schiffe betrieben. Heldmann, dessen Eltern den Onlineshop Myclassico betreiben, kommt aus der Textilbranche.

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Kennengelernt hatten sie sich bei einem Derby zwischen dem HSV und St. Pauli. Unternehmerisch taten sich die beiden im Februar 2020 zusammen, als Corona nach Deutschland überschwappte. In einem nüchternen Bürohaus in der Innenstadt erzählen sie ihre Geschichte: Schacht und Heldmann begannen Schutzmasken aus China zu importieren.

Der eine hatte Erfahrung in der Logistik, der andere mit Textilien. Dritter im Bunde wurde Tim Meyer-Schell, der zuvor als Importeur von Nahrungsergänzungsmitteln sehr gute Kontakte nach China hatte.

Die drei Hamburger gewannen das Vertrauen des Bundesgesundheitsministeriums

Der Import von Schutzmasken galt zu Beginn der Pandemie als eine Lizenz zum Gelddrucken. Etliche moderne Goldgräber und Abenteurer versuchten sich in der Beschaffung – und holten sich dabei oft eine blutige Nase, weil sie mangelhafte Produkte erwarben, die sie in Deutschland nicht loswurden.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Die drei Hamburger galten allerdings relativ rasch als solide und gewannen das Vertrauen des Bundesgesundheitsministeriums, mit dem sie noch heute in Kontakt stehen. 2020 habe sie mehrere Millionen Euro Umsatz gemacht.

Die Erweiterung des Sortiments der Firma, die mittlerweile Medway International heißt, um Spucktests herzustellen, war ein logischer Schritt. „Viele unserer Masken-Kunden fragten uns plötzlich, ob wir auch Schnelltests liefern können“, so Meyer-Schell.

Österreicher entwickelten Lösung, um Viren in Spucke nachweisen zu können

So ging das Trio eine Kooperation mit der österreichischen Pharmafirma Ameda Labordiagnostik in Graz ein. Die drei übernahmen den Vertrieb für deren Nasenabstrich-Tests für Deutschland. „Doch schnell merkten wir, dass damit nicht alle zurechtkamen“, so Heldmann. „Manche haben Angst vor den Abstrichen oder bekommen davon Nasenbluten. Also entwickelten wir den Spucktest.“

Natürlich nicht ganz alleine. Denn keiner der drei ist Biochemiker oder Pharmazeut. Sie nahmen wieder Kontakt zu Ameda auf. Und die Österreicher entwickelten eine Lösung, um Viren in menschlicher Spucke nachweisen zu können. „Wir kümmerten uns um alle rechtlichen Fragen, die Zulassung und den Vertrieb“, sagt Schacht.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Es war eine hamburgisch-österreichische Gemeinschaftsproduktion.“ Das betont er gerne. Denn die meisten führenden Anbieter in der Branche lassen ihre Tests in Asien herstellen. „Nach unseren Erfahrungen in China war für uns aber klar, dass wir uns europäische Partner suchen wollten“, sagt Schacht.

Der Testablauf ist ganz einfach

Im Einzelhandel gibt es den Test zwar nicht zu kaufen. Dennoch wird er bereits millionenfach angewendet. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat zwei Millionen Tests zum Einsatz in Schulen und Kitas erworben, ebenso Schleswig-Holstein. Eine Reihe weiterer Bundesländer wie Berlin haben bereits bei Medway angeklopft. „Aber Frau Schwesig war die Erste“, sagt Schacht über die Ministerpräsidentin aus Schwerin.

Der Testablauf ist ganz einfach. Heldmann führt es vor. Wer Sicherheit haben will, muss zwei- bis dreimal kräftig husten und dann über einen mundgerechten Trichter in ein Röhrchen spucken. Dieses wird mit der Prüfflüssigkeit versetzt und kräftig geschüttelt. Anschließend gibt man zwei bis vier Tropfen wie beim Nasenabstrich auf einen Teststreifen. Spätestens nach 15 Minuten gibt es schließlich das Ergebnis. Die Plastikteile werden danach in ein Müllbeutelchen gepackt und entsorgt.

Doch die drei von Medway denken weiter. „Erfahrungen haben gezeigt, dass es vielen Kindern schwerfällt, den Test in der Schule zu machen. Besser wäre es, wenn sie die Prozedur zu Hause in gewohnter Umgebung machen könnten“, so Meyer-Schell. Doch wie sollen Schulen sicherstellen, das das Testergebnis stimmt?

Teststreifen werden mit einem Barcode versehen

Dazu benötigen sie einen Nachweis. Um dies zu gewährleisten, ist das Unternehmen eine Partnerschaft mit Lufthansa Industry Solutions eingegangen. Zusammen haben sie eine App für das Handy entwickelt, die das Ergebnis des Corona-Tests abspeichert.

„Dazu werden die Teststreifen, auf denen man das Ergebnis abliest, mit einem Barcode versehen. Diesen fotografiert man mit dem Handy ab, welches das Ergebnis dann in der App speichert“, sagt Schacht. Die App wandele das Ergebnis in einen QR-Code um. Ein Schüler muss beim Betreten der Schule so nur noch das Handy mit dem Code unter einen Scanner halten.

Lange Warteschlangen bei den Tests entfallen. „Mit dieser Lösung könnten wir alle mobiler werden. Restaurants, Theater oder Museen könnten mit dem Scanner ausgestattet werden“, so Schacht. Noch in dieser Woche wird die App vorgestellt. Dann wird sie an den ersten Schulen getestet – wieder in Mecklenburg-Vorpommern. Denn aus Hamburg haben die Tüftler noch keine Antwort bekommen.

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