Hamburger Maschinenbauer

Harburg-Freudenberger startet an neuem Standort

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Oliver Schade
Blickt zuversichtlich nach vorne: Jens Michael Beutelspacher, Geschäftsführer von Harburg-Freudenberger.

Blickt zuversichtlich nach vorne: Jens Michael Beutelspacher, Geschäftsführer von Harburg-Freudenberger.

Foto: Oliver Schade

40 Millionen Euro hat der Eigentümer Possehl in Hamburg investiert. Wie es nun weitergeht bei dem Maschinenbauer.

Hamburg.  Eigentlich hätte Jens Michael Beutelspacher im vergangenen Jahr gerne zu einer großen Einweihungsfeier geladen. Doch die Pandemie machte dem 53-jährigen Manager einen Strich durch die Rechnung. Dabei hätte das Projekt, das im vergangenen September abgeschlossen wurde, eine Party mit Gästen aus Politik und Wirtschaft durchaus gerechtfertigt.

Denn der Maschinenbauer Harburg-Freudenberger ist nicht nur an einen neuen Standort in Harburg gezogen, er hat sich quasi komplett neu erfunden. 40 Millionen Euro hat der Eigentümer, die Possehl-Gruppe aus Lübeck, dafür investiert. Entstanden sind ein hochmodernes Verwaltungsgebäude und Montagehallen auf dem neuesten technischen Stand. „Ein Kraftakt, der sich gelohnt hat“, sagt Beutelspacher.

Harburg-Freudenberger blickt auf 165 Jahre Geschichte zurück

Auf eine mehr als 165-jährige Geschichte blickt Harburg-Freudenberger zurück. 1855 noch als Harburger Eisenwerke AG gegründet, spezialisierte sich der Betrieb bald auf die Herstellung von Maschinen zur Produktion von Autoreifen. 1959 kaufte der Stahlhersteller Krupp das Unternehmen, 2005 veräußerte der fusionierte Konzern ThyssenKrupp den Maschinenbauer schließlich an Possehl.

Auf dem Chefsessel von Harburg-Freudenberger saß damals übrigens ein erst später sehr bekannter Hamburger: Ex-Wirtschaftssenator Frank Horch. In der Politik mischte der gelernte Ingenieur 2005 noch nicht mit, aber bei den Verhandlungen über den Verkauf des Harburger Traditionsbetriebs. Horch ließ damals seine Kontakte spielen, weil er verhindern wollte, dass Harburg-Freudenberger in die Hände irgendeines Hedgefonds fiel, der das Unternehmen finanziell aussaugt und danach zerstückelt. Nicht zuletzt durch Horchs Hartnäckigkeit in dieser Frage kam es schließlich zu dem Geschäft mit Possehl.

Aufträge des Unternehmens ziehen wieder an

Anfangs wurden die Lübecker im Hamburger Süden kritisch beäugt. Das Werk in Harburg galt als wenig effizient. Die Gebäude nahe der Bundesstraße 73 waren marode, standen unter Denkmalschutz und verschlangen eine hohe Miete. Zudem gab sich der neue Eigentümer äußerst verschlossen. Umso erfreuter nahmen dann Bezirks- und Landespolitiker zur Kenntnis, als Possehl bekanntgab, die alten, maroden Gebäude zu verlassen und einen kompletten Neubau in der Region zu planen.

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„Es gab damals sehr gute Gespräche mit Politik und Verwaltung“, erinnert sich Beutelspacher. Im Frühjahr 2018 war ein neues Grundstück nur wenige hundert Meter entfernt vom alten Stammsitz gefunden. In der Schlachthofstraße unweit des Harburger Bahnhofs entstanden auf 20.000 Quadratmeter Fläche ein Bürogebäude mit angeschlossenem Montage- und Technologiezentrum. Rund 300 Beschäftigte sind hier aktiv – in guten Zeiten.

Elektroautos bringen Harburg-Freudenberger Vorteile

Doch vor allem das vergangene Jahr gehörte nicht zu diesen guten Zeiten. Die Pandemie versetzte der Autoindustrie einen Tiefschlag, den auch Harburg-Freudenberger spürte. Die Auftragseingänge brachen von 194 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 94 Millionen Euro ein, Kunden verschoben die Abnahme bestellter Maschinen nach hinten. Harburg-Freudenberger musste viele Beschäftigte in Kurzarbeit schicken. „Nun geht es wieder aufwärts. Die Aufträge ziehen an“, sagt Beutelspacher.

Die Kurzarbeit wurde zurückgefahren, auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtete das Unternehmen komplett – auch mit Blick in die Zukunft. „Denn hoch qualifizierte Beschäftigte findet man in unserem Bereich nur schwer“, sagt Beutelspacher. Deshalb wären Entlassungen der falsche Weg. So stellt Harburg-Freudenberger aktuell sogar ein, sucht unter anderem händeringend Data-Analysten.

Harburg-Freudenberger profitiert von Elektromobilität

Um die Zukunft seines Unternehmens ist dem Geschäftsführer auch mit Blick auf den Wandel der Autoindustrie hin zur Elektromobilität nicht bange. Denn er weiß: Wegen der schnelleren Beschleunigung der elektrisch angetriebenen Fahrzeuge gegenüber Verbrennern nutzen sich die Reifen schneller ab, müssen häufiger gewechselt werden. „Davon dürften wir profitieren.“

Bleibt noch die Frage nach der Einweihungsfeier? Wird sie nachgeholt? „Wir würden sehr gerne noch ein großes Fest machen“, sagt Beutelspacher und zupft seinen Mundschutz zurecht. „Wenn die Pandemie endlich vorbei ist.“

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