Erste Lockerungen

Einkaufen mit Termin läuft in Hamburg schleppend an

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Eine der wenigen Schlangen am Montagmorgen in der Innenstadt. Vor dem Eingang des Modehauses Peek & Cloppenburg in der Spitalerstraße warten Kunden, die zuvor im Internet einen Einkaufstermin gebucht haben. Seit Wochenbeginn gelten in Hamburg vorsichtige Lockerungen des Corona-Lockdowns für den Einzelhandel.

Eine der wenigen Schlangen am Montagmorgen in der Innenstadt. Vor dem Eingang des Modehauses Peek & Cloppenburg in der Spitalerstraße warten Kunden, die zuvor im Internet einen Einkaufstermin gebucht haben. Seit Wochenbeginn gelten in Hamburg vorsichtige Lockerungen des Corona-Lockdowns für den Einzelhandel.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Noch längst nicht alle Läden in der Innenstadt öffnen für angemeldete Kunden. Unklar ist, ob das Geschäft sich lohnt.

Hamburg. Die Schröders aus Eißendorf gehören zu den ersten Hamburgern, die am Montagmorgen schon vor der Öffnung vor dem Modekaufhaus Peek & Cloppenburg in der Spitalerstraße stehen. „Die Kinder brauchen etwas Neues zum Anziehen“, sagt Klaus Schröder. Eine Jeans für den Sohn, einen Pullover für die Tochter haben sie auf der Liste.

Aber statt wie früher einfach loszufahren und sich ins Getümmel zu stürzen, mussten sie vorher einen Termin im Internet buchen. Click & Meet (deutsch: Klicken und Treffen) nennt sich die neue Einkaufsregel, die fast drei Monate nach Beginn des Corona-Lockdowns neue Freiheiten bringen soll.

Mit den Schröders warten zwei Dutzend Kunden in der Schlange, als um 10 Uhr die gläsernen Eingangstüren des Modehändlers öffnen. Auch Wanda Meyer wollte „endlich wieder richtig shoppen“. Die Harburgerin sucht ein Kleid für die Hochzeit ihrer Tochter und ist mit Begleiterin Beata Seliviak unterwegs. Aufgeregt zeigt sie einem Mitarbeiter ihre Registrierung auf dem Handy. Alles ist in Ordnung, auf Formularen müssen die beiden nochmals ihre Kontaktdaten hinterlassen – dann dürfen sie eine Stunde lang stöbern und probieren.

Click & Meet: 300 Menschen haben sich angemeldet

„Es fühlt sich fast an wie eine Neueröffnung“, sagt Karsten Grimmel, Geschäftsleiter im Stammhaus des Hamburger Modehändlers. Innerhalb von zwei Tagen haben er und sein Team einen Teil der Mitarbeiter aus der Kurzarbeit geholt und auf den Verkaufsflächen alles von Winter auf Frühling umgebaut. Parallel hatte das Unternehmen mit bundesweit 23 Filialen die Buchungsoption für die Terminbuchungen auf die Beine gestellt. „Es ist für uns ein vollkommen neues System. Einiges ist noch mit heißer Nadel gestrickt“, sagt Grimmel.

Um Erfahrungen zu sammeln, dürfen erst mal nur 150 der maximal erlaubten 250 Kunden gleichzeitig auf den sechs Stockwerken unterwegs sein. Für die erste Stunde am Montagmorgen hatten sich 40 Hamburgerinnen und Hamburger angemeldet, für den ganzen Tag waren es etwa 300. Dazu kamen noch Kunden, sie sich spontan registriert haben. „Wir sind froh, dass wir überhaupt wieder öffnen dürfen. Jetzt müssen wir sehen, wie das angenommen wird“, sagt Filialleiter Grimmel, der vor der Pandemie täglich bis zu 5000 Menschen im Geschäft hatte.

Warteschlangen bildeten sich in der Innenstadt nur selten

Nur langsam erwacht mit den vorsichtigen Lockerungen der Corona-Beschränkungen das Leben in den Einkaufsstraßen der Innenstadt. Noch längst nicht alle Händler beteiligen sich an den Öffnungen, die in Hamburg anders als in Schleswig-Holstein seit Montag nur mit vorheriger Kundenregistrierung möglich sind. Wer wissen will, was wo möglich ist, muss sich vorher im Internet oder telefonisch informieren. Buchhandlungen, Blumenläden und die Gartenabteilungen der Baumärkte sowie Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs sind von den Einschränkungen ausgenommen.

Warteschlangen bildeten sich am Montagvormittag eher selten, und dann vor Läden wie Zara, H&M und Zalando, die sich vor allem an junge netzaffine Kundinnen richten. „Es ist ein Testtag“, sagt Citymanagerin Brigitte Engler. Wieder geöffnet haben auch die Kaufhäuser Galeria Karstadt Kaufhof und Alsterhaus, Tchibo sowie der Elek­tronikhändler Saturn. In der Europa Passage sind es 60 Prozent der Läden. Weitere wollen in den nächsten Tagen nachziehen. „Ein Problem ist, dass die neue Corona-Verordnung der Stadt erst am Sonntagmorgen kam und dann erst klar war, was genau erlaubt ist“, kritisiert die Citymanagerin.

Studentin auf Schnäppchenjagd

Auch wenn insgesamt Erleichterung über die Lockerungen herrscht, müssen sich alle noch an die neuen Regeln gewöhnen. Patrizia Schmidt steht mit einer großen Einkaufstüte in der Poststraße. Kurz vor 12 Uhr hat sie schon die ersten beiden Läden abgeklappert. „Ich habe am Sonntag gleich mehrere Termine gemacht, so wie bei einem Stundenplan“, sagt die Studentin aus Hamm.

Sie ist auf Schnäppchenjagd, hat schon ein Paar Sneakers, eine Jeansjacke und ein T-Shirt erworben. Nichts, was sie un­bedingt braucht. „Ich bestelle nicht gern online und habe das Bummeln vermisst“, so die 29-Jährige. Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus hat sie nicht. Abstands- und Hygieneregeln würden in den Läden eingehalten. Jetzt ist Schmidt allerdings unter Druck, um ihr Zeitfenster im nächsten Laden zu erreichen.

In der Butler’s Filiale am Alstertor wartet Frederike Donth mit einer Kollegin auf Kunden für Dekoartikel, Osterschmuck und Küchenutensilien. Fünf Termine waren für die ersten beiden Öffnungsstunden gebucht, aber nur drei Kunden waren gekommen. „Ich hoffe, dass sich das Angebot noch rumspricht“, sagt Donth.

Im Hutfachgeschäft von Sabine Falkenhagen sind erst ab Dienstag die ersten Termine vergeben. Trotz des verhaltenen Interesses sieht sie die neue Möglichkeit positiv. „Es ist besser, als wenn der Laden zu ist. Hüte muss man aufprobieren“, sagt sie. Mit Sorge betrachtet die Einzelhändlerin allerdings die Inzidenzwerte in Hamburg. „Ich befürchte, dass wir schnell wieder über 100 liegen und die Läden dann erneut komplett schließen müssen.“ Deshalb wünscht sich Falkenhagen, dass die Politik künftig auch andere Parameter als den Inzidenzwert für ein Ende des Lockdowns einbezieht.

Unklar ist, ob das Geschäft sich lohnt

Im Moment ist noch völlig unklar, wie viel den Läden das Einkaufen mit Termin bringt. Schon nach dem Bund-Länder-Beschluss hatten Branchenexperten die Lockerungen als unzureichend kritisiert. Andreas Bartmann, Präsident des Handelsverbands Nord, sprach von einem „Feigenblatt“.

„Für die meisten Unternehmen dürfte sich das Geschäft kaum lohnen, da mit der Öffnung zusätzliche Kosten für Personal, Security und Technik anfallen“, sagt auch Citymanagerin Engler. Zudem bestehe die Gefahr, dass Überbrückungshilfen wegfielen und Mietnachlässe nicht mehr gewährt würden. Allerdings könne sie sich vorstellen, dass Geschäfte in den Bezirken stärker von Click & Meet profitieren können. Das sei auch bei Click & Collect (deutsch: Klicken und Abholen) schon so gewesen. „Für die Geschäfte in der Innenstadt ist es eher ein Mittel zur Kundenbindung.“

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Deutlich besser wird der Einkauf mit Termin schon jetzt von Händlern bewertet, die weniger auf Laufkundschaft setzen. „Wir haben eine Reihe von Anfragen“, sagt Roland Napp vom Einrichtungshaus Bornhold. Allein für Montag waren es sieben Terminbuchungen. „Wir sind sehr sehr glücklich und zufrieden, dass wir wieder loslegen können“, sagt er. Er sagt aber auch: Angesichts der Abstandsmöglichkeiten auf den Verkaufsflächen des Möbelhändler wäre das an sich schon früher möglich gewesen.

Auch Michael Babick, Geschäftsführer der Krüll Gruppe mit sechs Autohäusern in Hamburg, sagt: „Wir arbeiten auch ohne Corona viel mit Terminen. Für uns ist das ein erster Schritt zur Rückkehr zum normalen Geschäft.“ Allerdings hat der Händler für die Marken wie Ford und Volvo am Montagmorgen erst mal eine Rundmail an Kunden verschickt, in der das Prinzip Click & Collect erklärt wird.

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