Angebot aus Hamburg

Wenn die Bestattung wegen Corona live im Internet läuft

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Christian Rentel hat 35.000 Euro investiert und
streamt aus seinem Übertragungswagen Beerdigungen und Hochzeiten.

Christian Rentel hat 35.000 Euro investiert und streamt aus seinem Übertragungswagen Beerdigungen und Hochzeiten.

Foto: Michael Rauhe

Familienfeiern können nur im engsten Kreis stattfinden. Ein Veranstaltungstechniker aus Hamburg bietet die digitale Problemlösung an.

Hamburg.  Die Kameras hat er in einer Ecke positioniert, eine verschwindet fast hinter einer großen Pflanze. Eine knappe Stunde haben sie aufgezeichnet, wie die Trauergäste in die Kapelle auf dem Ohlsdorfer Friedhof kommen und vor der Urne mit Hamburg-Silhouette einen Moment innehalten. Ein Schwenk über den üppigen Blumenschmuck, das Pult der Trauerrednerin, das Foto der Verstorbenen.

„Ich versuche so diskret wie möglich zu sein“, sagt Christian Rentel. Während die Angehörigen im kleinsten Kreis trauerten, saß er in seinem Übertragungswagen hinter der Kapelle. Der Auftrag: die Trauerfeier zu streamen. „Die Familie wollte auch denen die Möglichkeit geben, Abschied zu nehmen, die wegen des Corona-Lockdowns nicht zur Beisetzung kommen konnten“, sagt der 34-Jährige. Sogar beim letzten Weg zum Grab waren seine Kameras dabei. Momente für die Ewigkeit – live im Internet.

Sogar beim letzten Weg zum Grab sind Kameras dabei

Eigentlich arbeitet Christian Rentel als Veranstaltungstechniker. In den vergangenen Jahren war er vor allem im Tourgeschäft gebucht. Der Hamburger war mit Sängerin Angelika Milster unterwegs und dem Karl-Marx-Musical von Prinzen-Frontmann Tobias Künzel. Nicht die ganz großen Sachen, aber der Kalender war gut gefüllt. Bis zum März vergangenen Jahres, als sein Geschäft mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammenbrach.

„Das hat mich komplett zum Umdenken gebracht“, sagt er. Statt bei Konzerten für den guten Ton zu sorgen, streamt er jetzt Hochzeiten und Todesfälle. „Das ist zukunftssicherer“, glaubt der Gründer. Schon seit zwölf Monaten können größere Familienfeierlichkeiten wegen der Ansteckungsgefahr gar nicht oder nur mit Einschränkungen stattfinden. Bei Trauungen und Beerdigungen ist die Teilnehmerzahl stark begrenzt.

Mehr Mischformen bei Veranstaltungen

Im Sommer hatte Rentel angefangen, seinen Umstieg zu planen. „Ich habe eine Idee gesucht, wie ich als Veranstaltungstechniker meine Fähigkeiten in der Corona-Krise sinnvoll einsetzen kann“, sagt er. Nach mehreren Monaten ohne festes Einkommen wurde das Geld bei der vierköpfigen Familie in Altengamme knapp. Rentels Ehefrau, Sonderpädagogin für Hörgeschädigte, war zu dem Zeitpunkt noch in Elternzeit. Immerhin hatte er als Solo-Selbstständiger 7000 Euro Corona-Soforthilfe bekommen.

Bis zum Herbst hielt sich der Familienvater noch mit dem Verleih von Technik für private Partys über Wasser. Aber mit dem Beginn der zweiten Corona-Welle war klar: Das geht so nicht weiter. Nachdem Christian Rentel ein paar Mal als Techniker für das Streaming von größeren Veranstaltungen bei der Universität Hamburg und im Tierpark Hagenbeck angeheuert worden war, kam er auf die Idee, selbst in den Markt einzusteigen. „Ich glaube, dass es in Zukunft bei Veranstaltungen mehr Mischformen geben wird, mit Teilnehmern vor Ort und einer Übertragung ins Netz.“

Rentel ging ins Risiko

Rentel ging ins Risiko und investierte in neues Equipment. Ferngesteuerte Kameras, Hochleistungsrechner, ein digitales Mischpult, große Monitore, sogar Walkie-Talkies kaufte er ein – insgesamt für 35.000 Euro. „Eigentlich war es das Geld, das wir für einen Hauskauf angespart hatten“, sagt er. Jetzt steckt es in seinem weißen Transporter, den er zu einem modernen Übertragungswagen umgerüstet hat.

„Alles ist darauf ausgerichtet, mobil und zeitsparend zu arbeiten.“ Gerade mal 30 Minuten braucht Rentel, um eine Liveübertragung aus dem Auto zu starten. Die ersten Aufträge kamen von freikirchlichen Gemeinden, die ihre Gottesdienste live übertragen wollten. Er streamte auch Weihnachtskonzerte aus Kirchen in Buxtehude und Himmelpforten.

Rentel hat seinen Auftritt professionalisiert

Im Dezember übertrug er zum ersten Mal eine standesamtlichen Trauung. Im Trauzimmer waren nur das Brautpaar und ein Standesbeamter erlaubt, aber am Bildschirm waren 36 Familienmitglieder und Freunde dabei. „Im vergangenen Jahr sind viele Familienfeiern aufgeschoben worden, aber jetzt gibt es immer mehr Menschen, die nicht mehr warten wollen oder können“, sagt Christian Rentel. Seit Januar bietet er seinen Service auch für Beerdigungen an.

Inzwischen hat er seinen Auftritt professionalisiert und firmiert unter dem Namen Elbmeer Veranstaltungen. Für jeden Auftrag erstellt er eine individuelle Homepage mit den Videodateien, auf die er auch Fotos und persönliche Texte hochlädt – vor fremden Blicken geschützt durch Zugangscodes. Es gibt auch die Möglichkeit, dass Gastgeber und Gäste über die Distanz per Konferenzschaltung miteinander kommunizieren. Fast wie im echten Leben. Zwischen 500 und 900 Euro kosten die Online-Feiern.

In Hamburg dürfen höchstens 25 Trauergäste in die Kapelle

Bei Hochzeiten ist es schon länger eine Option, dass die Zeremonie live übertragen wird und sich Gäste virtuell zuschalten können. Inzwischen bieten die ersten Bestatter den Service auch für Beerdigungen an. „Diese digitalen Möglichkeiten haben durch Corona in kurzer Zeit eine ganz neue Bedeutung erfahren“, sagt der Kulturbeauftragte der Stiftung Deutsche Bestattungskultur, Simon J. Walter.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Sie machten Sinn, wenn Trauernde ausgeschlossen seien. „Wichtig ist, dass der Standard würdevoll und professionell ist“, so Walter. Und er sieht Entwicklungsmöglichkeiten: Im Moment sei das Digitale „ein Behelf“, weil das persönliche Abschiednehmen nicht immer möglich sein. In Zukunft könnte es aber eine eigenständige zusätzliche Dienstleistung werden.

Nachfrage nach Livestreams von Beerdigungen ist gestiegen

„Die Nachfrage nach Livestreams von Beerdigungen ist seit Beginn der Corona-Pandemie gestiegen“, sagt auch Bestattungsmeisterin Nathalie Jess vom GBI Bestattungsinstitut, dem größten Anbieter in Hamburg. Etwa 40 Prozent der Kunden seien inzwischen an einer digitalen Aufnahme interessiert, ein zunehmender Teil auch an einer direkten Übertragung ins Netz. Im Einsatz sind dann meist die Mitarbeiter des Unternehmens.

Professionelle Dienstleister seien oftmals zu teuer, so Jess. Trotzdem sieht auch sie Bewegung in dem Bereich. „Früher wurden häufig Fotobücher als Erinnerung gewählt. Das wird inzwischen immer häufiger durch die digitalen Medien ersetzt“, sagt die Bestattungsmeisterin. Im Moment dürfen in Hamburg bis zu 25 Menschen an einer Beerdigung in einem Innenraum teilnehmen, im Außenbereich sind die Teilnehmerbeschränkungen flexibler. Allerdings ändern sich die Regeln laufend.

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Christian Rentel sieht mit dem Streamingangeboten aus seinem Übertragungswagen Potenzial. „Die Hoffnung, dass schnell alles wieder so wird wie vor Corona, können wir vergessen“, sagt er. Und auch für die Zeit nach der Pandemie sieht er Bedarf. Schließlich könnten und wollten nicht immer alle Gäste anreisen. Einige Hochzeiten für das Frühjahr hat Rentel schon im Kalender. Als nächstes plant er auch Einschulungen, Konfirmationen und Taufen als Livestream.

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