Kurts Toolbox

Corona-Pandemie: Warum der Handel jetzt auf Automaten setzt

Die Pandemie gibt der Digitalisierung einen kräftigen Schub. Dadurch kann in Hamburg nun Werkzeug rund um die Uhr ausgeliehen werden.

Lesedauer: 8 Minuten
Fabian Schuster und Marco Ivers (v. l.) von Kurts Toolbox in der Leihstation Rindermarkthalle.

Fabian Schuster und Marco Ivers (v. l.) von Kurts Toolbox in der Leihstation Rindermarkthalle.

Foto: Michael Rauhe

Hamburg. Es musste alles ganz schnell gehen im Frühjahr 2020: Homeoffice, Lockdown, die Menschen entwickelten einen Hang zum Heimwerken, vor Hamburgs Baumärkten bildeten sich Käuferschlangen. Bei Kurt König, Fabian Schuster und Marco Ivers reifte die Erkenntnis, dass dies der richtige Zeitpunkt ist, ihrem Unternehmenskonzept einen ordentlichen Schub zu geben. Und dass Hamburg der richtige Ort dafür ist. „Hier leben immerhin einige Hunderttausend potenzielle Nutzer“, argumentiert Schuster.

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Keine zwei Wochen später stand Mitte April neben der Rindermarkthalle auf St. Pauli die erste Kurts Toolbox in der Stadt. Was sich mit „Kurts Werkzeugkiste“ übersetzen lässt, sieht in etwa aus wie eine Packstation von DHL und funktioniert ganz ähnlich: Die Fächer lassen sich mittels Smartphone öffnen, der Inhalt entnehmen.

Heimwerkergeräte zum Ausleihen – per App

Bei DHL sind es Pakete, bei Kurt sind es Heimwerker­geräte zum Ausleihen. Per App gebucht werden können unter anderem Akkuschrauber und Schlagbohrmaschinen, Trenn- und Bandschleifer, Tauchpumpen und Rohrreinigungswellen – allerlei Gerät in Profiqualität, das ungemein hilfreich sein kann, aber beim Amateur-handwerker zu selten im Einsatz ist, als dass die Anschaffung lohnen würde.

„Wir sind ganz zufrieden, unsere Erwartungen haben sich mehr als erfüllt“, sagt Mitgründer Schuster zehn Monate nach dem Start. Mittlerweile stehen fünf – und damit die Hälfte aller bislang aufgestellten – Toolboxen in der Hansestadt. In Wandsbek, Harburg, Bergedorf und zuletzt Mitte Januar in Eidelstedt wurden sogenannte City-Boxen im Umfeld von Einkaufszentren, Supermärkten und einer Holzhandlung platziert. Jede ist bestückt mit etwa 40 Maschinen.

100 unterschiedliche Geräte zum Ausleihen

Zwischen Rindermarkthalle und Millerntor-Stadion steht seit dem Herbst stattdessen eine zweistöckige Cube-Box mit den Ausmaßen von vier 20-Fuß-Containern. In den mehr als 150 Fächern warten um die 100 unterschiedliche Geräte und Werkzeuge auf Mieter – selbst sperrige Maschinen wie Hochdruckreiniger und Betonmischer. Um die 12.000 Menschen haben die Buchungs-App bislang heruntergeladen, 2020 gab es in Hamburg mehr als 3000 Ausleihen. „300 Prozent Wachstum“, sagt Schuster.

Leihen statt kaufen, Geräte-Sharing, 24/7-Verfügbarkeit, Digitalisierung, wenig Personaleinsatz und kontaktlose Abwicklung – im Geschäftsmodell des Start-ups mit Sitz im niedersächsischen Einbeck und Büro in Hamburg läuft eine ganze Reihe der aktuellen Trends im Handel zusammen. Nicht nur die Gründer glauben daran, dass das zum Erfolgsmodell werden könnte. Kurts Toolbox wurde im vergangenen Jahr als Digital-Champion geehrt, Niedersachsens Wirtschaftsministerium verlieh den Titel „Digitaler Ort 2020“.

Toolbot: Start-up aus Berlin

Vieles, was sie bei Kurt machen, ist in der Branche erprobt: Baumärkte und Landhändler verleihen Maschinen auch an Amateure – aber nur zu den Geschäftszeiten. Der Schraubenhändler Würth betreibt zwei seiner Niederlassungen in Hamburg seit Ende 2019 von montags bis sonnabends als 24-Stunden-Laden. Registrierte Kunden erhalten nachts mittels QR-Code Einlass und scannen den Einkauf selbst ein – aber es sind ausschließlich Gewerbekunden.

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Dem Kurt-Modell recht nahe kommt Toolbot, ein Start-up aus Berlin mit drei Verleih-Standorten für Heimwerker-Maschinen in der Hauptstadt. Die sind allerdings nicht durchgängig geöffnet und in sogenannten Spätis angesiedelt – Abholung und Abgabe laufen also eher nicht kontaktlos. Vor allem im Lebensmittelhandel dagegen ist im ersten Jahr der Corona-Pandemie das Interesse an kontaktlosem, digitalem Rund-um-die-Uhr-Verkauf spürbar gewachsen.

Automaten statt Online-Verkauf

„Oft überlegen kleinere Geschäfte, die keinen Online-Verkauf haben, Automaten in Schaufenster einzubauen“, berichtet eine Sprecherin des Branchenverbands BDV, in dem Hersteller und Betreiber von Snack- und Getränkeautomaten organisiert sind. „Auch Friseure fragen verstärkt nach, um während der Schließung zum Beispiel Färbemittel zu verkaufen.“

An „der ein oder anderen Stelle“ gebe es solche Konzepte bereits, sagt ein Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE). Geeignet seien solche Lösungen vor allem für Dinge des täglichen Bedarfs. „Oft sind es Kleinigkeiten, die man beim Einkauf vergisst, die dann aber dringend benötigt werden“, sagt der HDE-Sprecher – etwa Batterien, Rasierklingen oder Papiertaschentücher. In Hamburg war Ende Mai 2020 bei der Inbetriebnahme des ersten Corona-Schutzmasken-Automaten der frühere Bürgermeister Ole von Beust (CDU) anwesend. Der Hersteller des sogenannten Maskomaten bietet neuerdings sogar eine Automatenlösung für ganze Torten an, die gekühlt werden müssen.

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Lidl und Aldi Süd testen Verkaufsautomaten

Bei Lidl und Aldi Süd begannen vor einigen Monaten Tests mit in die Front einer Filiale integrierten Verkaufsautomaten. „Die großen Handelsunternehmen hatten die Themen Digitalisierung, Automatisierung und Rund-um-die Uhr-Verkauf schon vor Corona auf dem Radar, die Pandemie hat in der Branche aber einen zusätzlichen Digitalisierungsschub ausgelöst“, sagt Ulrich Spaan, Geschäftsführer des Handelsforschungs­instituts EHI.

Auch, weil die Kunden empfänglicher dafür geworden seien, beim Einkauf das Smartphone einzusetzen. Mit Blick auf die neuen Konzepte sagt der Handelsforscher: „Wir werden in den nächsten Jahren weitere solcher Projekte sehen.“ Edeka und Bahn AG etwa eröffneten vor wenigen Tagen nahe Stuttgart einen automatisierten Miniladen. Die per Mobiltelefon vorbestellten Waren werden in ihm von Robotern zusammengestellt und zum Kunden an die Ausgabe gebracht.

Kurt König plant auch einen Lieferservice in Hamburg

Bei Kurts Toolbox soll auf die rasante Expansion der vergangenen Monate in Hamburg nun erst einmal eine Phase des organischen Wachstums und der Optimierung der Abläufe folgen. Es geht um Fragen wie: Welche Geräte und wie viele eines Typs sind an welchem Standort sinnvoll? Welche Preisgestaltung ist die beste? Wie lange hält so ein Profigerät in der Hand von Laien? Wie häufig müssen die mitgelieferten Verbrauchsmaterialien wie Schleifpapier und Bohrer ersetzt und aufgefüllt werden?

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Eine Antwort gibt es bereits: „Wir werden noch in diesem Jahr einen Lieferservice in Hamburg starten“, sagt Geschäftsführer und Namensgeber Kurt König. Er ist zugleich Chef der Kurt König Baumaschinen GmbH, der Mutter­firma hinter den Toolboxen. Und die wiederum gelten als Musterbeispiel dafür, wie ein alteingesessener Mittelständler aus einer Branche, in der es auch mal schmutzt und riecht, die Chancen der Digitalisierung sieht und nutzt.

Hamburg als Modellstadt mit verschiedenen Kundentypen

Weitere Toolbox-Standorte in der Stadt sind vorerst nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen. „Klar ist, dass so etwas sich nur rechnet, wenn man es groß und auch in anderen Städten macht“, sagt König. Das ist das mittelfristige Ziel, Hamburg ist die Modellstadt dafür. Auch, weil man hier auf die ganze Bandbreite der Kundentypen trifft.

Auf den Vergesser, bei dem der Bohrhammer tagelang liegen bleibt und der dann kräftig zahlen muss, weil stundenweise abgerechnet wird. Oder den Kostenoptimierer, der mit Brettern im Auto an der Leihstation vorfährt, schnell ein paar Löcher bohrt und letztlich nur ein paar Euro für eine Stunde Ausleihe zahlt. „Ist alles schon vorgekommen“, sagt Fabian Schuster.

Leihgerät kann zum Gebrauchtpreis gekauft werden

Vorgekommen ist auch, dass ein Kunde das Leihgerät so toll findet, dass er es behalten möchte. Dann kann er es zum Gebrauchtpreis erwerben. Marketingchef Ivers sagt: „Vom Bohrhammer bis zum Tapeziertisch haben wir bisher mehr als 30 Geräte verkauft.“

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