Start-up in Hamburg

Der Hautarzt im Handy: Erstdiagnose und Therapievorschlag

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Leonie Sommer ist die Deutschland-Geschäftsführerin von OnlineDoctor.

Leonie Sommer ist die Deutschland-Geschäftsführerin von OnlineDoctor.

Foto: Michael Rauhe

Schuppenflechte? Neurodermitis? Oder etwas Schlimmeres? Erstdiagnosen gibt es nun mit dem Start-up OnlineDoctor digital.

Hamburg. Wenn Leonie Sommer erzählt, was sie beruflich macht, kann sie sicher sein, dass ihr zugehört wird. „Fast jeder hatte schon mal ein Hautproblem“, sagt sie. „und musste dann länger auf einen Termin beim Facharzt warten.“ Das Start-up OnlineDoctor, dessen Deutschlandchefin die 30-Jährige ist, bietet einen digitalen Hautcheck. Teledermatologie nennt man das. Viele fänden das sehr interessant, sagt Leonie Sommer. Probiert hätten es allerdings die wenigsten.

„Es geht ja um eine Verhaltensänderung, die viel mit Vertrauen zu tun hat“, sagt sie. Oder andersrum eben auch mit Skepsis. Seit das Coronavirus den Alltag bestimmt, steigt die Nachfrage allerdings rasant. Immer häufiger wählen Menschen die kontaktlose Arzt-Konsultation als Alternative zu den oftmals langen Wartezeiten in einer Praxis. „Wir haben jeden Monat ein Plus von 30 Prozent“, sagt Sommer.

OnlineDoctor will von Hamburg aus expandieren

Das Start-up, das 2016 in St. Gallen gegründet worden war, gilt als die führende Plattform für Teledermatologie in der Schweiz, Deutschland und Österreich. In Deutschland wurden seit dem Start der OnlineDoctor 24 GmbH vor eineinhalb Jahren 20.000 Behandlungen durchgeführt. Für 2020 kann Geschäftsführerin Sommer ein Wachstum von 300 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verbuchen. „Dieses Jahr hat den großen Handlungsbedarf für das flächendeckende Angebot von digitalen Anwendungen im Gesundheitsmarkt aufgedeckt und Entscheidungen beschleunigt“, sagt sie.

Das Potenzial sei allerdings noch lange nicht ausgeschöpft. Von Hamburg aus plant die Volkswirtin, die vorher in der Strategieberatung gearbeitet hat, die weitere Expansion. Deutschland ist für die Telemedizin-Plattform der wichtigste Markt. Das Team, das in einem Co-Working-Space in der Nähe der Binnenalster sitzt, soll in den nächsten Monaten von vier auf acht Mitarbeiter wachsen.

Techniker Krankenkasse trägt Kosten für digitalen Hautcheck

Seit November übernimmt als erste gesetzliche Krankenkasse die Techniker Krankenkasse die Kosten für den digitalen Hautcheck. Im Prinzip steckt hinter dem Geschäftsmodell die Idee, dass Patientenanfrage und ärztliche Diagnose auch zeitlich versetzt – also asynchron – stattfinden können.

Das Konzept hatte der Schweizer Dermatologe Paul Scheidegger entwickelt, nachdem ihm Freunde und Bekannte immer häufiger Handyfotos von Hautproblemen geschickt und um seine Einschätzung gebeten hatten. Als er auf der Suche nach einer professionellen Lösung für das Problem nicht fündig wurde, gründete er mit Philipp Wustrow und Tobias Wolf OnlineDoctor.

Innerhalb von 48 Stunden Diagnose und Therapievorschlag

Dabei setzt der elektronische Gesundheitsanbieter auf die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Fachmedizinern. Statt lange auf einen Termin zu warten, können die Patienten sich direkt über die Internetseite einen Wunscharzt, sinnvollerweise am Wohnort, aussuchen. Über einen Chat beschreiben sie ihre Beschwerden von A wie Abszess bis Z wie Zeckenbiss und laden Fotos der betroffenen Hautstellen hoch.

Innerhalb von maximal 48 Stunden schickt der Arzt die Diagnose sowie einen Therapievorschlag. Um den Datenschutz zu gewährleisten, ist das Portal durch eine Zwei-Faktor-Authentifizierung geschützt: Der Link für den Befund kommt per Mail, der Freischaltcode übers Smartphone. Der Preis für den Onlineservice richtet sich nach der ärztlichen Gebührenordnung und liegt bei 38,87 Euro.

400 Hautärzte bieten Begutachtungen an

In Deutschland arbeitet OnlineDoctor eng mit dem Bundesverband der Deutschen Dermatologen zusammen. Inzwischen bieten mehr als 400 Hautärzte Begutachtungen über die Plattform an. Das sind zehn Prozent der niedergelassenen Dermatologen hierzulande. In Hamburg sind acht Mediziner bei On­lineDoctor aktiv, einer ist Philipp M. Buck. „Unser Fach lebt vom Blick“, sagt der Hautarzt, der seit 15 Jahren in Winterhude mit einem Partner die Praxis Goldbek Medical betreibt.

Als erfahrener Facharzt habe er in den meisten Fällen innerhalb von Sekunden eine Diagnose. Das funktioniert auch mit einem Smartphone-Bild. Der 49-Jährige sieht in dem digitalen Hautcheck die Möglichkeit, einfache Diagnosen in hoher Qualität und deutlich schneller abzuarbeiten. „So gewinne ich Zeit für komplizierte Fälle und kann notwendige Praxisbesuche, wie zum Beispiel bei einer Gürtelrose, direkt priorisieren“, sagt Buck.

Angebote im Bereich Urologie oder Kardiologie sind denkbar

Seit die Techniker Krankenkasse die Kosten übernimmt, hat er bis zu zehn Anfragen am Tag. Es geht um Akne, Muttermale, Ekzeme oder auch um Krätze. Zumeist liegt die Diagnose deutlich vor dem 48-Stunden-Zeitfenster vor, weil er freie Zeiten während der Praxiszeiten oder am Abend flexibel nutzt. „In 95 Prozent der Fälle kann ich abschließend aus der Ferne helfen“, sagt der Mediziner. Die Patienten müssen dann maximal ein Rezept in der Praxis abholen.

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In fünf Prozent gibt es eine persönliche Folgebehandlung wie etwa bei schwerer Schuppenflechte oder bei Anzeichen für Hautkrebs. Für Buck ist die Telemedizin ein wichtiges Zukunftsfeld, in dem er weitere Erfahrungen sammeln will. Aber natürlich ist OnlineDoctor auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Bei Selbstzahlern und Privatpatienten bekommt er den Gebührensatz von 38,87 Euro minus einer 30-prozentigen Verwaltungspauschale, die OnlineDoctor erhebt. Bei Kassenpatienten liegt die Erstattung bei 20 Euro.

Verhandlungen mit Krankenkassen über Kostenübernahme

OnlineDoctor betont immer wieder, dass das Angebot per Mausklick eine Ersteinschätzung sei. „Man kann vieles digitalisieren in der Dermatologie, aber niemals einen Arzt ersetzen“, sagt Deutschland-Chefin Leonie Sommer. „Wir haben ein Produkt, das von Fachärzten für Fachärzte entwickelt worden ist.“ Mit dem asynchronen Ansatz solle die Arbeit effizienter gemacht – und es sollen Zeitfenster besser genutzt werden.

Das ist der Unterschied zu anderen Teledermatologie-Anbietern, die auf Pool-Lösungen setzen und das hat auch die Techniker Krankenkasse überzeugt. Aktuell laufen Verhandlungen mit weiteren Krankenkassen für die Kostenübernahme. Parallel wird die Software in der Schweiz weiterentwickelt, unter anderem sollen bis 2022 auch E-Rezepte mit dem Befund verschickt werden können. Mittelfristig sei auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Unterstützung der Ärzte geplant.

OnlineDoctor: Abbau der Berührungsängste durch Corona

Geld für die ehrgeizigen Wachstumspläne ist nach einer dritten Finanzierungsrunde Ende vergangenen Jahres, bei der OnlineDoctor mehr als fünf Millionen Euro eingesammelt hatte, vorhanden. Zum Kreis der Eigentümer gehört neben den Gründern und einigen Ven­ture-Kapitalgebern inzwischen auch die größte Schweizer Krankenversicherung CSS. Für das Jahr 2021 sieht sich die Deutschland-Chefin gut gerüstet. Strategische Partnerschaften mit Krankenkassen und Apotheken hätten 2020 für Auftrieb gesorgt, sagt sie.

Corona habe den Abbau von Berührungsängsten mit digitalen Angeboten herbeigeführt. Sowohl Patienten als auch Ärzte haben in diesem Jahr die digitale Beratung für sich entdeckt. „Unser Ziel ist es, jederzeit und überall Zugang zu einem Facharzt zu ermöglichen.“ Im Moment konzentriert sich das Start-up noch auf die Dermatologie. Aber der weitgefasste Firmenname OnlineDoctor gibt die Richtung vor. Vorstellbar seien zukünftig auch Angebote im Bereich Urologie oder Kardiologie, so Leonie Sommer.

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