Hamburgs Lockdown ungerecht?

Supermärkte und Drogerien bringen Fachhändler in Not

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Hanna-Lotte Mikuteit
Nils Hartfelder allein in seinem Spielzeugladen.

Nils Hartfelder allein in seinem Spielzeugladen.

Foto: Roland Magunia / HA

Blumen, Spielzeug, Technik: Während die einen trotz Corona öffnen dürfen, beklagen andere „Wettbewerbsverzerrung“.

Hamburg. Viel ist nicht los, in der Fußgängerzone vor dem Ottenser Einkaufszentrum Mercado. Wo sich sonst die Passanten drängen, ist kaum jemand unterwegs. Fast. Vor der gläsernen Tür der Müller-Filiale stehen an diesem Sonnabendnachmittag im Februar mehr als 50 Menschen in einer langen Schlange und warten geduldig auf Einlass. Kein Einzelfall. Eigentlich ist Müller ein Drogeriehändler, aber in dem zweistöckigen Geschäft gibt es alles Mögliche zu kaufen.

An der Fassade wirbt das Unternehmen in leuchtend orangefarbenen Buchstaben mit dem Sortiment von Spielwaren bis zu Strümpfen. Außer Shampoo, Duschgel, Waschpulver und Co. liegen Kopfhörer, Langspielplatten, Schals, Strickwolle, Schulranzen, teure Parfüms in den Regalen. Im ersten Stock gibt es zudem eine große Spielzeugabteilung mit allem, was das Kinderherz begehrt. „Gerecht ist das nicht“, sagt Nils Hartfelder. Denn sein Spielzeuggeschäft einige Meter weiter im Einkaufszentrum Mercado ist geschlossen.

Auch alle anderen Fachgeschäfte in der Nachbarschaft, die Parfüms, Elektronik oder Bastelmaterial anbieten, sind dicht, während Müller weiter öffnen darf.

Corona: Supermärkte bringen Einzelhändler in Not

Nach mehr als neun Wochen im verlängerten Corona-Lockdown liegen bei den Einzelhändlern die Nerven blank. Spielzeugläden, Elektronikfachmärkte, Modeboutiquen und Blumengeschäfte – alle diese Läden sind noch mindestens bis zum 7. März in Hamburg geschlossen. Onlinehandel oder Click&Collect-Angebote bringen oft nur einen Bruchteil früherer Umsätze. Für viele ist die Situation existenzbedrohend. Inzwischen wächst der Unmut auch über die, die weiter Geschäfte machen dürfen.

Selten waren in großen Super- und Verbrauchermärkten die Abteilungen, in denen Mode, Fahrräder, Schwingschleifer, Kaffeemaschinen und Fernsehgeräte angeboten werden, beliebter als jetzt. Blumen oder Puzzle kauft man nun im Drogeriemarkt.

Bei Discountern wie Aldi, Lidl oder Penny werden die Verkaufskörbe mit Aktionswaren akribisch nach Schnäppchen durchforstet – und auch die Tchibo-Depots mit ihren wöchentlich wechselnden Angeboten bekommen eine ganz andere Anziehungskraft, wenn man nirgendwo anders shoppen kann.

Grundlage für Verkauf ist Corona-Verordnung

Die rechtliche Grundlage dafür, dass diese sogenannten Non-Food-Produkte weiter angeboten werden dürfen, bildet die Corona-Verordnung der Stadt Hamburg, die in Paragraf 4c die „vorübergehende Schließung der Verkaufsstellen des Einzelhandels“ regelt.

Dabei nehmen die Geschäfte mit gemischten Warensortimenten eine Sonderposition ein. „Wenn ein Händler in der Hauptsache Lebensmittel oder Waren des täglichen Bedarfs anbietet, darf er auch während des Lockdowns das gesamte Sortiment verkaufen“, erklärt eine Sprecherin der Hamburger Wirtschaftsbehörde. Einzige Vorgabe: Eine Erweiterung des Warenangebots der von der Schließung betroffenen Läden ist nicht erlaubt.

Hamburger Einzelhändler: Wettbewerbsverzerrung!

Spielwarenhändler Nils Hartfelder verzweifelt so langsam an der Politik. Sechs Geschäfte betreibt das Familienunternehmen in Hamburg. Überall macht er Bestell- und Abholangebote über Click & Collect. Er hat auch einen Onlineshop. Aber zusammen bringt das gerade acht Prozent der normalen Umsätze. „Wenn man dann hört, dass die Märkte mit gemischten Angeboten so viele Spielsachen verkaufen wie sonst nur an Weihnachten, ist das schon sehr bitter und traurig“, sagt er.

„Ich halte das für Wettbewerbsverzerrung“, sagt auch Marc Böhle. Der Inhaber von Ruhmöller Betten mit drei Standorten in Hamburg ist Präsident des Verbands der Bettenfachgeschäfte. Während des ersten Lockdowns habe er es noch relativ locker genommen, dass Kissen, Decken und Bettwäsche in großen Supermärkten weiterhin verkauft werden dürfen. „Aber inzwischen dauert die Zwangsschließung einfach zu lang. Es reicht“, sagt Böhle.

Dabei richtet sich seine Kritik auch gegen die Stadt Hamburg, deren Regeln strenger seien als in anderen Bundesländern. „Wenn wir in unserem 700-Quadratmeter-Geschäft in Blankenese ein Kundenpaar zur Zeit beraten, wird dadurch das Infektionsgeschehen kaum verschlimmert.“ Da sei die Situation in einem vollen Supermarkt deutlich gefährlicher.

So schlecht geht es den Hamburger Floristen

Eine Branche, die inzwischen gleich mehrfach unter Druck steht, sind die Hamburger Floristen. Schon seit den Ladenschließungen im Dezember kritisieren sie, dass Blumen in Super- und Drogeriemärkten sowie auf Wochenmärkten weiterhin verkauft werden dürfen, aber nicht im – geschlossenen – Fachhandel. Dabei geht es längst nicht mehr um Tulpen in Plastikfolie, die im Supermarkt traurig in einer Ecke stehen.

Fast alle Händler haben ihr Angebot ausgebaut. In der vergangenen Woche hatte der Discounter Lidl für aufwendig gebundene Sträuße zum Valentinstag geworben. „Für uns wird die Lage immer schwieriger. Die Menschen gewöhnen sich daran, im Supermarkt auch Blumen zu kaufen“, sagt Michel Kaiser, der in Hausbruch ein Blumengeschäft betreibt und Leiter der Hamburger Landesgruppe des Fachverbands Deutscher Floristen Nord ist.

Dazu kommt: Inzwischen hat Niedersachsen Blumenläden und Gartencenter wieder geöffnet, in Schleswig-Holstein soll es am 1. März losgehen. Der Verband habe Politik und Behörden schon vorher auf diese Ungleichheit hingewiesen, sagt Kaiser. Eine Antwort habe es nicht gegeben. „Jetzt müssen wir zusehen, wie die Kunden in die Nachbarländer abwandern.“ In dieser Woche haben die Blumenhändler einen weiteren Brandbrief an die zuständigen Senatoren geschickt.

Drogerien und Supermärkte verkaufen Modeartikel

Auch unter den Modehändlern, die Kunden vor allem an den Onlinehandel verlieren, nimmt das Murren zu. Hinzu kommt die Ungleichbehandlung im stationären Handel, wenn Drogerien und Supermärkte plötzlich Stepp­jacken und Mützen im Sortiment haben. „Unternehmen, die vergleich­bare Sortimente an kostengünstiger Mode anbieten, sehen das sehr kritisch“, sagt Axel Augustin vom Bundesverband Textil.

Tatsächlich entdeckt man beim Blättern in Aktionsprospekten großer Ketten wie Real, Lidl oder Kaufland viel Sport- und Kinderbekleidung. Aber auch andere Händler, die weiterhin Waren des täglichen Bedarfs anbieten dürfen, wie etwa Reformhäuser, überraschen mit ihrem Sortiment. So führt etwa das Reformhaus Engelhardt an den Grindel­allee Birkenstock-Sandalen und Portemonnaies aus Rindsleder. Schuhhändler dagegen bleiben weiterhin dicht.

Einzelhandel in Hamburg: Geduld ist am Ende

Ähnlich schlecht ist die Stimmung bei den Elektronikfachhändlern. „Der geschlossene Einzelhandel ist ein Kollateralschaden der Pandemiebekämpfung“, sagt Steffen Kahnt vom Bundesverband Technik des Einzelhandels. Die Politiker hätten damit zeigen wollen, dass sie etwas tun. „Die meisten Studien sehen im Einzelhandel aber kein erhöhtes Infektionsrisiko – im Gegenteil.“

Kahnt erwartet Verschiebungen beim Einkaufsverhalten. Es sei unklar, ob sich diese wieder rückgängig machen ließen. Nach der letzten Lockdown-Verlängerung sei bei vielen Händlern das Verständnis erloschen. Der Verbandsgeschäftsführer rechnet jetzt mit einer steigenden Zahl an Klagen.

Gerichte beschäftigen sich mit Drogerieläden

Dass die sogenannten Nebensortimente bei großen Verbrauchermärkten weiterhin zum Verkauf stehen, hat im vergangenen Jahr schon mehrfach Gerichte beschäftigt. Direkt nach Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 hatte Drogerieunternehmer Müller in Baden-Württemberg die Erlaubnis zur vollständigen Öffnung erstritten – und damit dem Chaos in den Corona-Regeln einen entscheidenden Schub gegeben.

In Hamburg musste das Unternehmen nicht klagen, die Öffnung wurde auch hier umgesetzt. Unterstützung für diese Praxis kommt unter anderem vom Handelsverband Nord. „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass das Hauptsortiment maßgeblich ist, weil es einen enormen Aufwand für die Händler bedeuten würde, Nebensortimente abzugrenzen und aus den Regalen zu räumen oder abzusperren“, sagt die Hamburger Geschäftsführerin Brigitte Nolte.

Die Folge: Die Händler mit gemischtem Angebot registrieren eine erhöhte Nachfrage in Bereichen außerhalb des Kernsortiments, wie Abendblatt-Nachfragen etwa bei der Hamburger Drogeriekette Budnikowsky ergaben. „Darauf versuchen wir, so weit es uns möglich ist, zu reagieren. Allerdings hat dies nicht zu einer wesentlichen Ausweitung der Sortimente geführt, da die Beschaffung gerade in den Non-Food-Bereichen sehr weit im Voraus geplant werden muss“, sagt eine Unternehmenssprecherin.

Auch Edeka-Kaufmann Jörg Meyer, der im Norden mehrere Supermärkte betreibt, sagt für seinen größten Markt in Stade: „Wir haben mehr Umsatz bei Unterhaltungselektronik, Spielwaren sowie Glas und Porzellan.“

Wettbewerbsverzerrung? Supermärkte mauern

Die großen Ketten äußerten sich dagegen nur vage oder äußersten sich wie Müller gar nicht. „Der Verkauf von Non-Food-Artikeln konzentriert sich derzeit vor allem auf lange geplante und disponierte Saisonartikel“, erklärt ein Sprecher von Aldi Nord. Auch Lidl und Kaufland, die zur Schwarz-Gruppe gehören, betonen, dass der Schwerpunkt des Sortiments im Bereich Lebensmittel liege.

„Unser Non-Food-Sortiment bieten wir im bisherigen Umfang an, sofern in den jeweiligen regional gültigen Allgemeinverfügungen keine anderslautenden Vorgaben gemacht werden“, so eine Lidl-Sprecherin. Ähnlich äußert sich die Edeka-Tochter Netto. Wirklich kontrolliert werden kann das allerdings wohl eher nicht.

Auch Tchibo betont, dass das Unternehmen keinen Profit aus der Situation schlage. „Wir sind keine Krisengewinner“, sagt Sprecher Arnd Liedtke. Alle 600 Filialen des Hamburger Kaffeerösters und Konsumwarenhändlers in Deutschland sind geschlossen. „Wir sind froh, dass wir das, was wir in den Läden nicht anbieten können, über die Supermarkt-Depots und online verkaufen können.“

Besonders gut laufen Sportbekleidung und Kochutensilien. Konkrete Zahlen nennt Liedtke nicht. Das Geschäftsergebnis veröffentlicht das Unternehmen traditionell im August.

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Politiker kritisieren Drogerien und Supermärkte

Auch wenn Experten wie Dörte Nitt-Drießelmann vom Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI die aktuellen Verschiebungen im stationären Handel eher als „Mitnahmeeffekte“ sehen, gibt es inzwischen erste Politiker, die die Verkaufsstrategien der Lebensmittel- und Drogeriewarenhändler kritisieren.

Die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) hat für die Zeit des Lockdowns ein Werbeverbot für Produkte angekündigt, die nicht zum täglichen Bedarf oder zur Grundversorgung gehören – und damit eine Kontroverse ausgelöst. Begründung: Besonders vor dem Valentinstag habe es trotz Selbstverpflichtung zahlreiche Werbeaktionen und Kaufanreize gegeben. Das seien Kontakte, die wir vermeiden wollen, so die Politikerin.

Dem Hamburger Spielzeughändler Nils Hartfelder reicht das nicht. Er fordert eine klare Reglung. „Wenn wir Fachgeschäfte nicht öffnen dürfen, müssen auch die anderen diese Warengruppen absperren.“

Hilfe für Einzelhandel? Hamburg blockt ab

Doch in Hamburg werde gegenwärtig nicht einmal mehr ein Werbeverbot für Produkte, die nicht zum täglichen Bedarf gehören, diskutiert, heißt es auf Abendblatt-Anfrage im Rathaus. Die Senatskanzlei verweist auf die geltende Verordnung und macht angesichts der bekannten Virusmutationen auch wenig Hoffnung auf Lockerungen.

Deutliche Kritik an diesem Kurs kommt aus der Opposition. „Dieser Zustand ist für den spezialisierten Fachhandel unerträglich“, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Götz Wiese. Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz müsse faire Rahmenbedingungen setzen.

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