Corona-Krise

Airbus-Chef über die Zukunft: "Alle wollen wieder fliegen"

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Volker Mester
Airbus-Chef Guillaume Faury bei der Jahrespressekonferenz im Februar 2020 – damals noch ohne Corona-Schutzmaske. Dieses Jahr lief alles digital.

Airbus-Chef Guillaume Faury bei der Jahrespressekonferenz im Februar 2020 – damals noch ohne Corona-Schutzmaske. Dieses Jahr lief alles digital.

Airbus verzeichnet einen Milliardenverlust und einen Rückgang der Auslieferungen um 34 Prozent. Trotzdem herrscht Optimismus.

Hamburg. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Vor einem Jahr kündigte Airbus-Konzernchef Guillaume Faury im Bilanzpressegespräch eine Rekord-Dividende an, er berichtete über einen neuen Höchststand an Flugzeug-Auslieferungen – und er tat das in Anwesenheit zahlreicher Journalisten. Doch schon wenige Wochen später musste er angesichts der sich immer schneller ausbreitenden Corona-Pandemie die Dividende streichen.

An diesem Donnerstag, bei der Vorlage der Bilanz für 2020, stand angesichts der bisher schwersten Luftfahrtkrise eine Gewinnausschüttung gar nicht zur Diskussion – und Faury hatte einen Rückgang der Auslieferungen um 34 Prozent zu erklären, natürlich per Videokonferenz zusammen mit Finanzvorstand Dominik Asam und Pressechefin Julie Kitcher aus einem Studio.

Monatliche Fertigungsrate bei Airbus im dritten Quartal erhöht

Bei der Beantwortung jeder Frage der zugeschalteten Journalisten setzte Faury die hellblaue OP-Maske wieder ab. Das musste er recht häufig tun, denn es gab etliche Nachfragen allein zu seiner unerwartet vorsichtigen Prognose für 2021: Airbus werde mindestens die gleiche Zahl von Flugzeugen (566) an die Kunden übergeben wie 2020.

Dabei hatte der Vorstand des Konzerns im Januar beschlossen, die monatliche Fertigungsrate für die Jets der A320-Typenfamilie von derzeit 40 auf 43 Maschinen im dritten Quartal und weiter auf 45 Flieger im Schlussquartal anzuheben.

Auslieferungen von Kunden-Nachfrage abhängig

Warum also gab Faury dennoch einen so zurückhaltenden Ausblick auf die Produktionszahlen? Gerade für den Fertigungsstandort Hamburg ist das von hoher Bedeutung, denn gut jeder zweite aller Kurz- und Mittelstreckenjets der A320-Familie wird auf Finkenwerder endmontiert.

„Die Auslieferungen werden von der Nachfrage unserer Kunden abhängig sein“, sagte der Airbus-Chef. Aus seiner Sicht hellen sich zwar angesichts steigender Zahlen von Corona-Impfungen die mittel- bis langfristigen Perspektiven für die Branche allmählich auf. Kurzfristig gesehen habe sich die Situation aber eher wieder verschlechtert – womit Faury die Virus-Mutationen gemeint haben dürfte.

Entwicklung im Luftverkehr hängt von Einreisebestimmungen ab

Jedenfalls hänge die Erholung des Luftverkehrs ganz wesentlich auch von den weiteren Entscheidungen der Politiker über Einreisebestimmungen ab: „Es bleiben viele Unwägbarkeiten.“ Der Airbus-Vorstand habe mit seiner Prognose dennoch wenigstens etwas Orientierung geben wollen, sagte Faury.

An der Börse kamen die Botschaften zunächst nicht gut an. Im frühen Handel sackte die Airbus-Aktie zwischenzeitlich um mehr als vier Prozent ab. Analyst Chris Hallam von der US-Bank Goldman Sachs wertete die Ziele des Managements als extrem konservativ, auch andere Experten hatten mit einer mutigeren Prognose gerechnet.

1,1 Milliarden Euro Verlust im Corona-Jahr 2020

Für das Corona-Jahr 2020 weist der Luft- und Raumfahrtkonzern einen Verlust von 1,1 Milliarden Euro nach Steuern aus. Das ist sogar eine leichte Verbesserung gegenüber dem Fehlbetrag von 1,4 Milliarden Euro im Vorjahr, in dem allerdings Strafzahlungen von 3,6 Milliarden Euro wegen Korruptionsvorwürfen verbucht werden mussten.

Während die Ziviljet-Sparte für 2020 ein Betriebsergebnis von minus 1,3 (Vorjahr: plus 1,8) Milliarden Euro meldet, erzielten die beiden anderen Unternehmensbereiche – das Hubschrauber-Geschäft sowie die Sparte Rüstungs- und Raumfahrttechnik – einen Gewinn von jeweils mehr als 400 Millionen Euro. Der sogenannte bereinigte Betriebsgewinn, der 2020 im Konzern bei 1,7 (2019: 6,9) Milliarden Euro lag, soll nach der Pro­gnose von Faury in diesem Jahr auf zwei Milliarden Euro steigen.

In Hamburg sollten mehr als 2200 Stellen wegfallen

Wegen der im vorigen April beschlossenen Produktionskürzung um etwa 40 Prozent hatte der Vorstand im Sommer den Abbau von weltweit 15.000 seiner damals 135.000 Arbeitsplätze bis zum Sommer 2021 beschlossen. In Hamburg sollten mehr als 2200 Stellen wegfallen.

Wie Faury am Donnerstag sagte, kann jedoch etwa ein Drittel des ursprünglich angekündigten konzernweiten Abbaus mittels Kurzarbeiterregelungen und neuer, staatlich geförderter Forschungs- und Entwicklungsvorhaben vermieden werden. Ein weiteres Drittel sei bis jetzt schon umgesetzt worden. In Hamburg hat Airbus im vorigen Jahr die Mitarbeiterzahl allerdings sogar noch um 300 auf 15.000 Personen ausgebaut.

Airbus-Chef rechnet mit vielen Flugreisen nach Corona

Faury ließ aber keinen Zweifel daran, dass gespart werden muss: „Die Pandemie erhöht den Druck auf die Flugzeugpreise noch.“ Offenbar ist auch daran gedacht, die Zulieferer an die kürzere Leine zu nehmen. Ohnehin sei im Hinblick auf die Pläne, bis 2035 ein Flugzeug mit völlig neuartigem Wasserstoff-Antrieb auf den Markt zu bringen, eine noch engere Entwicklungspartnerschaft erforderlich.

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An pessimistische Vorhersagen, wonach es auch langfristig viel weniger Flugreisen als vor Corona geben wird, glaubt der Airbus-Chef nicht: „Alle wollen wieder fliegen – geschäftlich wie auch privat, um Urlaub zu machen oder um Freunde und Verwandte zu besuchen.“

Umweltaspekte werden künftig größere Rolle spielen

Mit einer Rückkehr zu einem Geschäftsniveau wie vor der Krise rechnet Faury aber erst zwischen 2023 und 2025. Und er ist sicher: „Umweltaspekte werden künftig eine noch größere Rolle spielen als vor der Pandemie.“ Darum habe sich Airbus zum Ziel gesetzt, „langfristig zum Pionier einer nachhaltigen Luftfahrt zu werden.“

Damit könnten sich die Europäer von kleineren, aufstrebenden Wettbewerbern ebenso absetzen wie vom Erzrivalen Boeing. Der steht aktuell jedenfalls viel schlechter da als Airbus: Für das Jahr 2020 wiesen die US-Amerikaner einen Verlust von umgerechnet fast zehn Milliarden Euro aus.

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