Verkehr

Leere Parkhäuser – wie geht es nach Corona weiter?

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Hanna-Lotte Mikuteit
Forderte eine Perspektive für sein Unternehmen: Lars Schütze, Chef der Reeperbahngaragen.

Forderte eine Perspektive für sein Unternehmen: Lars Schütze, Chef der Reeperbahngaragen.

Foto: Roland Magunia

Derzeit stellen nur wenige Autofahrer ihr Fahrzeug dort ab. Anbieter entwickeln Alternativkonzepte.

Hamburg. Es ist früher Abend, ein Freitag im Februar. Kurzer Stopp vor der gelb-schwarzen Schranke in die Reeperbahngaragen, danach die große Freiheit bei der Suche nach einem Parkplatz. Man könnte auch sagen: die große Leere. Wo sonst kaum eine Lücke zu finden ist, verliert sich ein halbes Dutzend Autos.

„Die Lage ist dramatisch“, sagt Lars Schütze, Geschäftsführer der wohl ältesten Tiefgarage Hamburgs. Seit Theater, Clubs und Bars auf dem Kiez wegen Corona geschlossen sind, sieht es auch für den Parkhausbetreiber düster aus. „Die Besucher sind die Grundlage unseres Geschäfts“, sagt der 52-Jährige. Um 85 Prozent sind seine Umsätze eingebrochen. Von den wenigen Dauerparkern kann Schütze nicht leben. „Wir verdienen unser Geld nachts.“

Bundesverband Parken schlägt Alarm

Egal wo man hinschaut: An Einkaufszentren, Bahnhöfen, Restaurants, Museen oder Sportanlagen – überall herrscht in Parkhäusern und Tiefgaragen seit Monaten graues Nichts. Gerade hat der Bundesverband Parken erneut Alarm geschlagen. „Es geht um die Existenz der Parken-Branche“, sagt Michael Kesseler, Vorsitzender im Vorstand des Verbandes, der bundesweit 200 Mitglieder mit 1,2 Millionen Stellplätze vertritt. Unter den Unternehmen mit dem Ruf, eine Lizenz zum Gelddrucken zu haben, geht die Angst um.

Allein im Januar sind die Umsätze, die mit Kurzzeitparkern erzielt werden, um 85 Prozent eingebrochen, heißt es. Das Problem: Die Parkanlagen dürfen zwar öffnen, aber durch die Schließungen fast aller Bereiche des öffentlichen Lebens sind sie massiv vom Lockdown betroffen. Der Bundesverband Parken fordert schnelle Hilfen für die Branche, die vor Corona 1,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr machte.

Mitarbeiter in Kurzarbeit

Die Ausfälle treffen große Anbieter wie Apcoa, Contipark oder Q-Park mit Millionen Stellplätzen genauso wie die städtische Sprinkenhof oder die inhabergeführten Reeperbahn-Garagen. 200 Stellplätze gibt es in dem ehemaligen Luftschutzbunker mit zwei Etagen, den der Großvater von Lars Schütze 1949 von der Stadt gepachtet hatte. Seitdem können Nachtschwärmer, Kiezgänger und Beschäftigte in Hamburgs bekanntestem Amüsierviertel hier rund um die Uhr ihr Auto sicher abstellen.

„Der größte Kostenblock bei Parkflächen ist die Pacht“, sagt Schütze, dessen Mutter die Inhaberin ist. Zur Pacht kommen Betriebs- und Wartungskosten. Sich selbst und seine fünf Mitarbeiter hat der Parkhauschef seit März größtenteils in Kurzarbeit geschickt. Im Sommer lief das Geschäft wieder besser. Aber es reicht nicht, um die Verluste wettzumachen. „Wir bieten eine Dienstleistung an, die nicht nachgeholt werden kann“, sagt Schütze. Staatliche Hilfen hat er nicht bekommen.

Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum Vor-Covid-19-Zustand

Auch bei der ECE-Gruppe, die in Hamburg vier Parkhäuser an Standorten von Einkaufszentren mit 8000 Stellplätzen betreibt, parken deutlich weniger Kunden. „Die Auslastung lag 2020 ein Drittel unter dem üblichen Niveau“, sagt ECE-Sprecher Lukas Nemela. Dabei seien Unterschiede zwischen Nahversorger-Standorten und Center-Standorten mit stärkerem Freizeit- und Erlebnis-Charakter feststellbar. Im zweiten Lockdown seit Mitte Dezember ist das Minus im Parkgeschäft des Immobilienentwicklers, der bundesweit 60 Parkhäuser managt, auf 80 Prozent gestiegen. Nur bei der Vermietung von Dauerstellplätzen sei die Situation weitgehend stabil.

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Noch überwiegt in der Branche die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum Vor-Covid-19-Zustand. „Nicht nur in Ballungsgebieten ist die Bedeutung von ausreichenden und sicheren Parkmöglichkeiten für die individuelle Mobilität hoch. In der Pandemie zeigt sich dies besonders“, heißt es etwa bei Contipark, mit 570 Parkeinrichtungen in Deutschland und 28 in Hamburg eines der Schwergewichte der Branche.

Teure Expansionspläne

Ähnlich wie der europäische Marktführer Apcoa feilt der Betreiber auch für die nächsten Jahre an teuren Expansionsplänen. Apcoa hat aktuell 24 Objekte in Hamburg und will 2023 die Bewirtschaftung des Parkhauses des geplanten Sport-Domes übernehmen. Gerade hat das Unternehmen angekündigt, die Zahl der Standorte bis 2030 europaweit jedes Jahr um 1000 auszubauen.

Aber auch schon vor der Pandemie war klar, dass die Zeit der vorrangig auf das Auto ausgerichteten Verkehrsplanung zur Ende geht. Nicht nur Stadtplaner denken darüber nach, wie sich die Verkehrswende und das veränderte Mobilitätsverhalten vieler Menschen auf das Management des ruhenden Verkehrs und der dafür vorgehaltenen Flächen niederschlagen. So hatte etwa Contipark 2017 ein Parkdeck des Einkaufszentrums Hamburger Meile zum Beachclub umfunktioniert.

Neue Eigentumswohnungen

In Köln hat das Unternehmen vier Decks eines Parkhauses abreißen lassen und auf der Fläche 31 Eigentumswohnungen gebaut. Auch die ECE-Gruppe hat schon länger neue Konzepte für Parkflächen in der Schublade. Das Unternehmen schaue sich immer an, welche neuen und innovativen Logistik- und Mobilitätsdienstleistungen, wie etwa Mikro-Logistik-Standorte, Carsharing, E-Ladepunkte oder anderweitige Nutzungen, in Parkhäusern ergänzt werden könnten, sagt Nemela.

In Berlin hat ECE auf dem Parkdach eines Einkaufscenters ein Hotel errichtet. Im Alstertal-Einkaufszentrum wäre auf einer nicht mehr benötigten Parkfläche der Bau von Wohnungen denkbar, hatte ECE-Chef Alexander Otto kürzlich gesagt.

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Einiges spricht dafür, dass die Corona-Auswirkungen diesen Entwicklungen Schub geben. So treibt Apcoa-Chef Philippe Op de Beeck sein Projekt voran, aus Parkhäusern digital vernetzte Servicedrehscheiben zu machen. Frühmorgens und spätabends, wenn Parkplätze leer stehen, könnten Paketdienste die Flächen zum Umladen der Sendungen nutzen. Der Ausbau zu Mobilitäts-Hubs mit Lademöglichkeiten für E-Autos ist geplant, Umsteigemöglichkeiten auf Carsharing-Dienste oder Fahrräder sind denkbar, aber auch Drohen-Startplätze, Imbissbuden oder Drive-in-Kinos. Es soll ein Netz von hunderten Urban Hubs entstehen – auch in Hamburg.

Lars Schütze hat auch schon über alternative Nutzungsideen in den Reeperbahngaragen nachgedacht – zumindest temporär. Unter anderem gab es den Plan, das Corona-Testzentrum vom Zelt auf dem Spielbudenplatz in das Parkhaus darunter zu verlegen. „Die Idee haben wir wieder verworfen.“ Schütze fordert nun Öffnungsperspektiven. „Man macht sich ja schon Gedanken, ob das alles noch Sinn macht“, sagt er. Grundsätzlich versucht er optimistisch zu bleiben. „Ich gehe davon aus, dass St. Pauli wiederaufersteht. Die Frage ist nur, wann.“Seite 2 Kommentar

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