Nachhaltigkeit

Jetzt bei Budni und Edeka: Seife in Mehrwegflaschen

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Wolfgang Horch
Sea-Me-Gründer Lars Buck mit Seife und Desinfektionsmittel in Mehrwegflaschen.

Sea-Me-Gründer Lars Buck mit Seife und Desinfektionsmittel in Mehrwegflaschen.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die Hamburger Firma Sea Me setzt auf Nachhaltigkeit bei Hygieneartikeln – und kämpft gegen den Verdacht des "Greenwashing".

Hamburg. Manche Leute singen unter der Dusche – Lars Buck kommt dort auf eine Geschäftsidee. Im Sommer 2019 lässt sich der Hamburger morgens das Wasser auf den Kopf prasseln und sieht die Shampooverpackungen aus Plastik. „Da habe ich mich gefragt: Warum gibt es Seife und Co. nicht in der Mehrwegflasche?“, erinnert er sich.

Nachhaltigkeit ist durch die Friday-for-Futures-Demonstrationen und Gesprächen mit seiner Tochter ohnehin ein Thema in der Familie. Also beginnt der 45 Jahre alte studierte Mathematiker, der im Hauptberuf Geschäftsführer der Unternehmensberatung Nord Nord mit Sitz in den Tanzenden Türmen ist, zu recherchieren. Gleich in der Anfangsphase holt er sich Rat beim Arbeitskreis Mehrweg und der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Doch statt mit offenen Armen wird er mit Gegenwind begrüßt.

Buck gründet 2019 das Start-up Sea Me

Den Verdacht, nur Greenwashing betreiben zu wollen, muss er beiseite räumen. Er denkt, zum Spülen seiner Mehrwegflaschen auf Mostereien im Alten Land zurückgreifen zu können. Doch das sei nicht möglich, weil der Lebensmittelbereich klar von nicht verzehrbaren (Nonfood) Gütern getrennt werden müsse, wird er aufgeklärt. Die DUH habe sein Konzept ziemlich „gechallenged“, sagt Buck: „Das hat mir total geholfen.“ Als er nicht locker ließ, sei ihm dann aber volle Unterstützung zugesichert worden.

Dass seine Pläne im Prinzip funktionieren können, weiß er im Herbst 2019. Er gründet sein Start-up Sea Me. Der Name soll zum einen den Bezug zur Verschmutzung mit Plastik der Meere (englisch sea) herstellen, zum anderen darauf hinweisen, dass es um mich (englisch me) geht, also jeder etwas tun kann. Es sei eine Marke, die nicht belehren möchte, keine Greta 2.0, sagt Buck.

Düfte wurden im Alsterhaus gekauft und dann nachgebaut

Er scharrt aus seinem privaten Netzwerk ein Team von acht Leuten zusammen. Zwei von ihnen werden in Teilzeit beschäftigt, andere erhalten eine Beteiligung. Um einen Duft auszuwählen, geht der Lokstedter pragmatisch vor. Im Alsterhaus werden 20 Parfüms gekauft und einer Schnupperprobe unterzogen. Ein Freund stellt dann den Kontakt zu einem Unternehmen her, das Düfte nachbauen kann. Labore entwickeln schließlich die Rezepturen nach seinen Wünschen, wie zum Beispiel vegan, frei von Mikroplastik und ohne Tierversuche.

Zwei deutsche Fremdfirmen stellen sie im Auftrag her. Es folgen weitere Gespräche mit potenziellen Lieferanten für Packmittel, Etikettenherstellern und Glashütten. Urlaub und Wochenende habe es nicht mehr gegeben, viele Tage und Nächte habe er durchgearbeitet, sagt Buck: „Zum Glück habe ich viel Rückhalt meiner Familie bekommen.“

Mehrwegflasche sollte rund sein und einen dicken Boden haben

Besonderen Fokus legte er auf die Mehrwegflasche. Als Schüler jobbte er in einem Getränkemarkt und sammelte erstes Wissen über Pfandautomaten. „Die Glasflasche muss rund sein, damit sie im Pfandautomaten erkannt wird“, sagt Buck. Sie soll so gestaltet sein, dass es möglichst wenig Abrieb gibt. Und sie brauche einen dicken Boden, damit sie sich nach dem Pfandautomaten aufstellt und nicht umfällt.

Schließlich findet er in Süddeutschland eine Glashütte, die die Flasche nach seinen Wünschen herstellt. Er lässt 60.000 Stück fertigen und muss dafür 40.000 Euro bezahlen. Der Gründer steckt sein eigenes Geld ins Unternehmen, findet aber auch reiche Privatinvestoren und mit der GLS eine Bank mit sozial-ökologischem Anspruch.

Geschäftmodell soll zur Umstellung auf Mehrweg anregen

Sein Geschäftsmodell besteht aus drei Säulen. Erstens möchte er die Mehrwegflasche als Dienstleistung anderen Unternehmen quasi in Lizenz für ihre Kosmetikprodukte anbieten und so zur Umstellung auf Mehrweg anregen. Zweitens will er die Sea-Me-Produkte im eigenen Onlineshop an Geschäftskunden verkaufen. Diese erhalten einen Karton mit 24 Flaschen. Wenn die leeren Flaschen wieder zurück sind, wird der volle Karton per Retourenschein direkt an die Spülstraße geschickt. Drittens will er in den Einzelhandel.

Den ersten Versuch unternimmt Buck im März 2020. „Wir haben an alle vier großen Drogerieketten und Lebensmitteleinzelketten Produktboxen verschickt“, sagt er. Auch große Biomärkte erhalten Pakete. Per Telefon will er das Feedback einsammeln – und platzt mitten in das Corona-Wirrwarr hinein. Der Tenor laut Buck: „Spülmittel – lass mal. Seife – melde dich mal in vier Monaten. Aber habt ihr Desinfektionsmittel?“ Schnell findet er einen zertifizierten Hersteller dafür.

Vorstellung des Start-ups auf der ersten Deutschen Mehrweg-Konferenz

Auf der ersten Deutschen Mehrweg-Konferenz der DUH stellt er Ende Oktober sein Start-up vor Politikern und Lobbyisten vor. „Wir sind das erste Nonfood-Produkt, das das Extrasiegel Mehrweg für die Umwelt erhalten hat“, sagt Buck. Anfang Dezember schafft er den Sprung in erste Geschäfte, in acht Hamburger und Wedeler Edeka-Märkte von Struve und Volker Klein. In Aufstellern, die die Größe einer Vierteleuropalette haben, stehen Desinfektionsgel und Seife.

„Ich bin richtig stolz darauf, dass wir es in einem Jahr geschafft haben, eine Marke mit Produkt in den Handel zu bringen“, so Buck. Zwischen Weihnachten und Neujahr liefert er selbst noch ein paar Kisten mit Nachschub. Mitte Januar steht ein Deal mit 20 Rewe-Märkten in Baden-Württemberg.

Zehn Budni Filialen nehmen Flaschen ins Sortiment auf

Und in Hamburg wird er bei zehn Filialen von Budni ins Sortiment genommen. „Wir sind mit den Verkaufszahlen sehr zufrieden“, sagt Buck. Einige Tausend Flaschen seien abgesetzt worden. Budni sei gewillt, Sea Me in mehr Filialen anzubieten. Um für weiteres Wachstum gewappnet zu sein, will er zum April und Juli jeweils eine Vollzeitkraft neu einstellen.

Günstig sind die Produkte aber nicht. Für 250 Milliliter Seife werden dem Handel als unverbindliche Preisempfehlung 5,49 Euro mit auf den Weg gegeben – ein Vielfaches zu den günstigsten Anbietern. Für das Desinfektionsgel sind es 7,49 Euro. Buck räumt das gehobene Preisniveau ein.

Desinfektionsgel überzeugt im Vergleich mit anderen Anbietern

Aber man habe beispielsweise bei der Wirksamkeit des Desinfektionsgels einen überdurchschnittlichen Schutz gegen Viren (auch gegen Coronaviren) und schneide im Vergleich mit anderen Produkten gut ab. Zudem sei das Desinfektionsgel dermatologisch getestet und feuchtigkeitsspendend. Durch den Zitrusduft rieche es nicht nach Krankenhaus. Generell würden nur hochwertige Rezepturen für seine Produkte verwendet.

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Das Pfand liegt bei 50 Cent pro Flasche. Die Behälter werden nur von Händlern zurückgenommen, die sie auch verkaufen. „Das Mehrwegsystem lebt vom Mitmachen. Deswegen ist die Skalierung so wichtig“, sagt Buck. Die Mehrwegflaschen kommen bei Edeka und Rewe in den Leergutautomaten, bei Budni werden sie an der Kasse abgegeben. Ist der Sechser-Karton gefüllt, kommt er mit dem Lastwagen, der neue Ware liefert, auf dem Rückweg ins Zentrallager der Drogeriekette nach Allermöhe.

Spülmittel könnte Mitte April in den Handel kommen

Dort werden die Kartons auf einer Europalette gestapelt. Ist diese voll, kommt sie zu einem Spülservice, der die Flaschen reinigt. Bis zu 20-mal sollen die Flaschen wiederverwertet werden. Das Etikett, dessen Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft stamme, soll bei 60 Grad Celsius in einem Stück abgehen.

Mitte April könnte das Sortiment um ein weiteres Produkt erweitert werden. Das Spülmittel soll dann auf den Markt kommen. Statt einer Plastikpumpe – die in der Waschstraße entfernt, über den Grünen Punkt sortenrein getrennt und dem Recycling zugeführt wird – soll es mit einem Korkstopfen verschlossen werden. Auch eine Hand- und Bodylotion sowie Badeöl wären als weitere Artikel denkbar. Und das Duschgel? „Glas in der Dusche wird von vielen Verbrauchern skeptisch beäugt“, sagt Firmengründer Buck: „Aber wir sind dabei, uns etwas zu überlegen.“

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