Corona-Pandemie

Opel-Chef: „Das Auto könnte der Gewinner der Krise sein“

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Oliver Schade
Opel-Chef Michael Lohscheller hofft, dass die Autohäuser bald wieder öffnen.

Opel-Chef Michael Lohscheller hofft, dass die Autohäuser bald wieder öffnen.

Foto: Sergej Glanze

Michael Lohscheller über die Bedeutung des Hamburger Marktes, Fahrzeuge der Zukunft und den beschlossenen Stellenabbau.

Hamburg. Opel-Chef Michael Lohscheller war gerade in Hamburg, hat an der Alster Autohändler besucht, sich informiert, wie es im Norden läuft. Kurz danach steht er in einer Videoschalte dem Abendblatt Rede und Antwort. Der 52-jährige kennt Hamburg, hat in den 1990er-Jahren bei Jungheinrich gearbeitet und ist seine beste Marathonzeit (2:54 Stunden) an der Alster gelaufen.

Hamburger Abendblatt: Wie arbeitet der Opel-Chef in der Corona-Krise? Vor allem im Homeoffice?

Michael Lohscheller: Ich bin viel im ­Homeoffice, aber nicht jeden Tag. Denn ich lege auch großen Wert darauf, die Werke und Händler zu besuchen, um mich vor Ort über die Situation zu informieren und im Dialog zu bleiben – aber selbstverständlich unter Beachtung der strengen Hygieneregeln und Abstandsgebote.

Arbeiten die deutschen Opel-Werke noch im Normalbetrieb?

Lohscheller: Alle unsere Werke sind in Betrieb, alle Beschäftigten tragen Maske und halten sich an strenge Hygienevorgaben. Auf der Absatzseite hatten aber auch wir im vergangenen Jahr zu kämpfen, obwohl wir gegen Ende des Jahres Marktanteile dazugewonnen haben. Deshalb sind Teile der Belegschaft in den Werken, der Verwaltung und teilweise auch bei unseren Händlern in Kurzarbeit.

Leidet auch Opel unter den Lieferproblemen der Elektronikchip-Hersteller?

Lohscheller: Davon ist die ganze Industrie betroffen, wir auch. Wir arbeiten beim Management unserer Lieferketten mit unserem globalen Netzwerk an Zulieferern zusammen. Ziel ist, die Auswirkungen der globalen Knappheit an Halbleitern so gering wie möglich zu halten. Um den Bestand an Teilen in unseren Produktionswerken zu steuern, kooperieren wir eng mit Continental. Wir mussten die Produktion in unserem Werk in Eisenach allerdings anpassen.

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Wie verkauft man überhaupt noch Autos, wenn fast alle Autohäuser mit Ausnahme der Reparatur geschlossen sind?

Lohscheller: Der Verkauf spielt sich jetzt vor allem digital ab. Sie können Ihr gewünschtes Auto bei uns nun direkt über das Internet kaufen, Ihr Lieblingsmodell online konfigurieren. Zudem arbeiten die Kundenberater in den Autohäusern viel über Videochats und das Telefon. Das funktioniert ziemlich gut, kann aber natürlich die Beratung und den Verkauf vor Ort nicht komplett ersetzen.

Bekommt Opel direkte Corona-Hilfen vom Staat?

Lohscheller: Nein, wir erhalten keine direkten Hilfen und haben auch nie welche gefordert. Allerdings profitieren wir natürlich – wie viele andere auch – von der Kurzarbeit. Dieses Instrument, das vorübergehenden Arbeitsausfall überbrückt, ist für uns in dieser Krise sehr hilfreich.

Wie ist 2020 beim Umsatz, Absatz und Ergebnis für Opel gelaufen?

Lohscheller: Zum Finanzergebnis des Gesamtjahres 2020 kann und darf ich noch nichts sagen, die Zahlen veröffentlichen wir am 3. März. Im ersten Halbjahr haben wir uns vergleichsweise gut geschlagen – mit einem operativen Gewinn von 110 Millionen Euro. Damit waren wir eine der ganz wenigen Marken, die trotz Corona in den schwarzen Zahlen geblieben sind. Das zeigt, wie wetterfest wir inzwischen aufgestellt sind und dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben. Beim Absatz haben wir im Gesamtjahr – wie alle Hersteller – verloren, was mit Blick auf die Pandemie nicht verwundern kann. Was mir aber besonders wichtig ist, dass wir den Flottenverbrauch wie von der EU vorgegeben reduzieren konnten. Das hat uns viel Kraft gekostet. Dafür haben wir unser Portfolio umgestellt, schwere Fahrzeuge mit hohem Verbrauch aus dem Markt genommen und durch andere ersetzt. Und diesen Prozess werden wir fortsetzen. Denn CO2 ist die neue Währung, und wir haben auch eine moralische Verpflichtung, unseren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Haben Sie eigentlich Verständnis dafür, dass Ihre Autohäuser schließen mussten?

Lohscheller: Auf der einen Seite habe ich großes Verständnis für die politischen Vorgaben in der Pandemie. Gesundheitsschutz hat für uns alle oberste Priorität. Andererseits sehe ich auch, dass wir sehr viel Platz in den Showrooms der Autohäuser haben. Dort kann man sehr gut Abstand halten, das Infektionsrisiko ist extrem gering. In Thüringen haben die Autohäuser übrigens geöffnet, hier handeln die Bundesländer also unterschiedlich. Ich habe nun die Hoffnung, dass wir spätestens ab März die Autohäuser bundesweit unter Einhaltung strenger Vorgaben wieder öffnen dürfen.

Wie wichtig ist Hamburg für Opel?

Lohscheller: Sehr wichtig. Hamburg ist ein großer Markt mit zuletzt rund 100.000 Fahrzeugen im Jahr – über alle Marken hinweg. Und für uns bei Opel ist Hamburg die Nummer 1 – mit dem höchsten Marktanteil von allen deutschen Großstädten. Insgesamt verkaufen wir hier sogar mehr Fahrzeuge als zum Beispiel in Berlin. Zudem setzen wir in der Region Hamburg überdurchschnittlich viele Hybrid- und reine Elektroautos ab und verkaufen insgesamt gut ausgestattete Fahrzeuge. Auch das Thema Wasserstoff, welches vom Hamburger Senat ja sehr forciert wird, ist für uns von großer Bedeutung. Diese Technologie setzen wir jetzt im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge ein. Da ist eine Metropole wie Hamburg mit ihren kurzen Wegen in der Logistik besonders spannend. Wir bauen jetzt eine Testflotte mit dem Opel Vivaro auf, verkaufen im vierten Quartal dann die ersten Fahrzeuge – und wollen schauen, welche Kunden für diese Wasserstoff-Fahrzeuge offen sind.

Wie hoch ist der Anteil der verkauften Hy­brid- und Elektroautos an der Gesamtflotte?

Lohscheller: 2020 haben wir rund 34.000 Opel mit Hybrid- und reinem Elektromotor verkauft, das ist ein hoher einstelliger Prozentsatz aller unserer Fahrzeuge. Und der Trend zeigt klar nach oben. Opel wird bis Ende dieses Jahres neun elektrische Modelle im Angebot haben, damit ist unser Portfolio in diesem Bereich bereits sehr breit. Wir setzen für die Zukunft voll auf Elektromobilität.

Haben Sie ein Ziel, ab wann Opel keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr verkaufen will?

Lohscheller: Das entscheiden die Kunden. Wir bieten unsere Modelle als Benziner, Diesel oder elektrisch an – das Angebot richtet sich dann nach der Nachfrage. Opel ist bereit, denn von 2024 an wird jedes unserer Modelle auch elektrifiziert verfügbar sein – ohne Ausnahme. Als Teil unseres Mutterkonzerns Stellantis arbeiten wir auf das langfristige Ziel der CO2-Neutralität hin – über alle Produkte, in allen Werken und anderen Einrichtungen hinweg. Wir wollen ein wichtiger Akteur der Branche sein, um eine saubere, sichere und erschwingliche Mobilität zu gewährleisten – so wie es Konzernchef Carlos Tavares jüngst angekündigt hat. Schon heute ist Stellantis mit 29 verfügbaren elektrifizierten Modellen sehr gut positioniert; bis Ende dieses Jahrzehnts kommen zehn weitere dazu.

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Opel ist nach der Fusion von PSA mit Fiat Chrysler noch eine von 14 Marken im neuen, riesigen Stellantis-Konzern. Wird dieser Zusammenschluss weitere Jobs über den beschlossenen Personalabbau hinaus kosten?

Lohscheller: Zunächst einmal ist Stellantis eine große Chance für Opel. Wir sind die einzige deutsche Marke im Konzern und werden sehr von der Größe des neuen Unternehmens profitieren. Zum Thema Personal: Wir haben bereits im Januar 2020 mit unseren Sozialpartnern einen Abbau von 2100 Stellen vereinbart, der freiwillig erfolgen soll. Dieser Prozess ist im Corona-Jahr ins Stocken geraten und muss nun zügig abgeschlossen werden.

Bleibt es bei den 2100 Stellen?

Lohscheller: Das ist der heutige Stand. Mit Blick auf Corona weiß natürlich niemand, wie sich die nächsten Monate, vielleicht Jahre entwickeln. Niemand kann heute sagen, wie lange der Lockdown dauert, ob es weitere Lockdowns geben wird. Oder ob uns womöglich noch eine weitere Pandemie droht. Die Unsicherheit ist schon sehr groß.

Sehen Sie die Pandemie auch als Chance für den Individualverkehr?

Lohscheller: Ja, auf jeden Fall. Die Menschen fühlen sich gerade in dieser Corona-Zeit sicher in ihrem eigenen Auto. Das haben wir besonders nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gemerkt, als die Nachfrage nach unseren Fahrzeugen stark anzog. Das Auto könnte der Gewinner dieser Krise sein – insbesondere kleinere Elek­trofahrzeuge.

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