Jump House Hamburg

"Scholz und Altmaier sind Weltmeister der Ankündigungen"

| Lesedauer: 11 Minuten
Wolfgang Horch
Die Jump-House-Geschäftsführer Till Walz (r.) und Christoph Ahmadi.

Die Jump-House-Geschäftsführer Till Walz (r.) und Christoph Ahmadi.

Foto: Michael Rauhe

Die Chefs der Trampolinhallen über ein "obermieses Jahr", stockende Corona-Hilfen sowie ihr Wiedereröffnungskonzept.

Hamburg. Zum zweiten Mal während der Pandemie ist der Betrieb für viele Unternehmen untersagt. Seit Anfang November sind die Trampolinhallen des Jump Houses wieder geschlossen. Der Staat will mit mehreren Corona-Hilfsprogrammen die Not der Unternehmen lindern. Warum diese Gelder beim Jump House bisher kaum angekommen sind, erzählen die beiden Geschäftsführer Florian Ruckert und Till Walz im Abendblatt-Interview.

Hamburger Abendblatt: Herr Ruckert, Herr Walz, wie ist das Jump House durch das Corona-Jahr 2020 gekommen?

Till Walz: Wir gehören in der Corona-Krise zu den Unternehmen, die am ex­tremsten auf die Nase bekommen haben. Die beiden angeordneten Lockdowns haben wir in vollem Umfang mitgenommen. Und in dieser Zeit konnten wir – im Gegensatz zum Beispiel zur Gastronomie mit dem Außer-Haus-Verkauf – überhaupt keinen Umsatz machen. Wir haben 2020 ein obermieses Jahr hingelegt: Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent gesunken. In absoluten Zahlen sind das mehr als zehn Millionen Euro, die an Umsatz fehlen. In den fünf Monaten der Schließung haben wir einen Verlust im mittleren einstelligen Millionenbereich eingefahren. Um gesundheitliche Schäden von der Gesellschaft abzuwenden, sind unsere Trampolinhallen zugemacht worden – den Verlust aber tragen wir zu 100 Prozent.

Die Hilfsprogramme der Regierung sollen diese doch mildern ...

Walz: Die Corona-Hilfen der Ankündigungsweltmeister Olaf Scholz und Peter Altmaier sind bei uns erst in Teilen und sehr spät angekommen. Die beschlossenen Wirtschaftspakete benachteiligen das Jump House massiv. Unsere bundesweit sechs Standorte sind jeweils eigenständige Gesellschaften. Darüber liegt eine Holding als Verwaltungseinheit. Das ist für sehr viele mittelgroße Firmen in Deutschland eine typische Konstruktion. Aber es ergibt sich daraus für uns – und für viele andere Mittelständler – ein großes Problem: Wir werden als ein verbundenes Unternehmen bewertet.

Was bedeutet das konkret?

Walz: Wir dürfen nicht für jedes Unternehmen einzeln die Corona-Hilfen beantragen, sondern nur für den Gesamtverbund einmal. Beispielsweise konnten wir 50.000 Euro pro Monat für die Überbrückungshilfe II nur ein- statt sechsmal beantragen. Also fehlen uns pro Monat 250.000 Euro. Zur Einordnung: Allein unsere Mieten machen pro Monat knapp 200.000 Euro aus. Es kommt ein nachgelagertes Problem dazu: Denn die maximale Unterstützungshöhe war lange Zeit bei einer Million Euro pro Firma gedeckelt. Als Einzelunternehmen komme ich damit wohl gut hin, und die staatliche Regelung ist sehr großzügig – für uns als verbunden bewertete Firma mit sechs Einzelunternehmen darin aber nicht, weil diese Höhe sehr schnell erreicht ist und dann keine weiteren Hilfen ankommen. Das erschwert uns das Leben sehr.

Florian Ruckert: Die politische Rhetorik von Bazooka und Wumms versetzt uns mittlerweile nur noch in Verwunderung und löst verständnisloses Erstaunen aus. Bei den Begriffen würde man ja denken, dass es schnell, unbürokratisch, in der Menge ausreichend und halbwegs gerecht zugeht – das ist alles nicht der Fall. Die Bearbeitung ist nicht schnell und alles andere als unbürokratisch. Und die Verbundregelung ist nicht gerecht, weil der Mittelstand über die Maßen belastet und systematisch schlecht gestellt wird – obwohl er sonst immer als Rückgrat der Volkswirtschaft bezeichnet wird und wichtiger Steuerzahler ist.

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Welche Gelder haben Sie bekommen?

Ruckert: Wir haben Soforthilfen an allen damals noch sieben Standorten beantragt. Erhalten haben wir jeweils 25.000 Euro für die beiden Hallen in Hamburg und 10.000 Euro für die Halle in Bremen. Von den anderen Ländern nichts – entweder, weil es keine Programme gab, oder wir wiederum als Verbundunternehmen ausgeschlossen waren. Dann haben wir Überbrückungshilfe I für Juni und August beantragt, bei der aber die Soforthilfe wieder abgezogen wurde. Ein Mietkostenzuschuss in Berlin über 10.000 Euro hat elf Rückfragen bedeutet – so viel zum Thema Bürokratie. Die Überbrückungshilfe II für September bis Dezember von 50.000 Euro beantragten wir am 22. Oktober. Nach mehrfacher Intervention beim Senat haben wir an diesem Dienstag – nach zusammen 14 Wochen Schließzeit – endlich die Auszahlung erhalten. Das ist für ein Unternehmen, das um Liquidität ringt, in doppelter Hinsicht eine Kata­­strophe: Zum einen muss man teuer zwischenfinanzieren. Zum anderen gibt es bei den Hilfen immer wochenlange Ungewissheit, weil man nicht mal eine Perspektive hat, ob, wann und in welcher Höhe das Geld ankommt. Das löst bei uns existenzielle Sorgen aus. Bei den Novemberhilfen, bei denen bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats erstattet werden sollen, konnten wir erst Wochen nach der Ankündigung den Antrag stellen. Die Bearbeitung dauerte wochenlang und war fehlerhaft. Im Dezember haben wir eine Abschlagszahlung bekommen. Das waren 10.000 Euro – völlig unabhängig von der Antragshöhe.

Walz: Herr Altmaier verkündete vor Kurzem, dass 1,3 Milliarden Euro an Firmen ausgezahlt wurden. Das sind aber nur die Abschlagszahlungen multipliziert mit der Anzahl der Unternehmen. Bezogen auf die Antragssumme sind nur acht Prozent ausgezahlt worden. Was de facto bei den Firmen ankommt, ist schlichtweg nicht ausreichend. Von einer Kostendeckung können wir bei Weitem nicht sprechen. Der Schaden, der angerichtet wurde, wird dadurch nicht kompensiert.

Wie viel Geld können Sie maximal erhalten?

Ruckert: Als verbundenes Unternehmen galt für uns zunächst die Beihilfe-Obergrenze nach EU-Recht von einer Million Euro. Nach 14 Wochen Wartezeit sind nun endlich die Novemberhilfen und Überbrückungshilfe II auf dem Konto eingegangen, womit diese Grenze ausgeschöpft ist. Vor wenigen Tagen wurde nun die Beihilfegrenze auf 1,8 Millionen Euro erhöht. Wegen der alten Obergrenze hätten wir gar keine Dezemberhilfen erhalten. Nun hoffen wir, für den Monat doch noch staatliche Hilfszahlungen beantragen zu können. Aktuell ist das aber technisch noch nicht möglich. Die Politiker brachten weitergehende Plus-Programme ins Gespräch – aufgelegt sind sie bis heute nicht. Und die Überbrückungshilfe III, die ab Januar greift, ist derzeit ebenfalls noch gar nicht zu beantragen, weil die Beantragungssoftware nicht vorliegt. Im Anschluss muss noch die Bearbeitungssoftware entwickelt werden. Wir rechnen nicht damit, vor März Überbrückungshilfe III erhalten zu können. Diese Maximalankündigungen mit Kraftausdrücken wie Bazooka und Wumms wirken wie der blanke Hohn.

Was bedeutet ein Lockdown-Monat für Sie?

Ruckert: Wir haben null Einnahmen, aber fast alle Fixkosten laufen weiter. Pro Monat sind das mehr als eine halbe Million Euro. Fast alle Mieten laufen weiter. Stundungen helfen uns zwar heute bei der Liquidität und sind daher wünschenswert. Aber sie bleiben in voller Höhe bestehen, wirken also in der Zukunft nach. Instandsetzungen müssen gemacht werden. Am meisten hilft uns die Entlastung beim Personal durch das Kurzarbeitergeld, ohne das wir heute nicht mehr überlebensfähig wären. Wir hätten keine Mitarbeiter mehr, weil wir sie nicht mehr bezahlen könnten.

Kamen Ihnen denn Vermieter entgegen?

Walz: Es gab Vermieter – wie zum Beispiel die Hamburger ECE – die das als gesellschaftliches Problem sehen, uns sehr entgegengekommen sind und Mietnachlässe gewähren. Aber andere bleiben knallhart. Warum verpflichtet der Staat nicht die großen Immobilienkonzerne? Da muss doch eine klare gesetzliche Ansage gemacht werden: Wir haben eine Pandemie, ein gesellschaftliches Pro­blem – die Lasten müssen auf alle und damit auch zum Beispiel auf die Immobilienkonzerne abgewälzt werden.

Das ist viel Kritik an der Berliner Politik. Wie läuft es in Hamburg?

Ruckert: Es gibt einen Dialog mit Finanzsenator Andreas Dressel, den wir als sehr hilfreich ansehen. Hamburg hat auch eine Reihe von zusätzlichen Programmen aufgesetzt. Es ist eine gute Intention da – aber das Umsetzungsmanagement hat Schwächen: Dafür ist die Hamburgische Investitions- und Förderbank zuständig. Die Bearbeitungszeiten finde ich besorgniserregend. Und Mitte Januar wurde uns von einem Sachbearbeiter die Frage gestellt, warum wir im November mit einem Rückgang des Umsatzes rechnen – das löst bei uns nur noch blankes Entsetzen aus. Bei der Leistungsfähigkeit der regionalen Bürokratie gewinnt Hamburg nicht den ersten Preis. Mitbewerber in Süddeutschland hatten bei der Überbrückungshilfe II Bearbeitungszeiten von zwei bis vier Wochen – wir zwölf.

Wie viele Mitarbeiter mussten gehen?

Ruckert: Wir waren vor der Krise circa 300 Mitarbeiter. Jetzt sind wir noch etwa 100. Wir mussten uns von studentischen Aushilfen und Minijobbern trennen. Wir haben Restrukturierungen und Entlassungen vorgenommen und ein knappes Dutzend Vollzeitstellen abgebaut, verteilt auf alle sechs Standorte plus Holding. Zudem gab es auch eine Reihe von freiwilligen Abgängen. Das ist ja auch zu verstehen: Wer über acht Monate in Kurzarbeit ist, dem fehlt ein beträchtlicher Teil des Einkommens. Es kommt die hohe psychologische Unsicherheit hinzu. Wir wissen nicht, wann wir wieder öffnen und die Mitarbeiter voll arbeiten können. Derzeit liegt die Arbeitszeit bei fast allen Beschäftigten bei null.

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Wie lange halten Sie den Lockdown durch?

Walz: Wir sind sehr gesund in die Krise gegangen und hatten sehr hohe Rücklagen. Die haben wir nun aufgebraucht, haben uns KfW-Kredite besorgt zur Finanzierung. Wenn wir im Mai wieder aufmachen dürfen, werden wir es schaffen. Wenn wir im Juni noch zu haben, wird es schwierig. Wir hoffen, dass der Staat noch für uns greifende Programme aufsetzt und vor allem die Unternehmensverbund-Regelung kippt ...

Ruckert: … sonst geht der Mittelstand in die Grätsche.

Wie sieht Ihr Wiedereröffnungskonzept aus?

Ruckert: Wir sehen uns mit unserem Hygienekonzept gut aufgestellt, maßen am Eingang schon Fieber per Funkthermometer auf der Stirn. Wir hatten keinen Corona-Fall im Jump House während der Öffnung. Wir haben für einen hohen fünfstelligen Betrag Luftfilteranlagen gekauft, die Viren rausfiltern. Sie stehen zum Einbau bereit. Schnelltests wären noch eine Möglichkeit. Springen mit FFP2-Masken wird aber nicht funktionieren. Uns ist klar, dass wir nicht die Ersten sein werden, die wieder aufmachen dürfen. Aber nach dem langen Lockdown könnten wir als Unternehmen den Kindern wieder etwas Freude bringen – wir wünschen uns, dass das von der Politik nicht vergessen wird.

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