Handel

Chaos auf See – darum kommen Waren so spät

| Lesedauer: 8 Minuten
Melanie Wassink und Martin Kopp
Container warten auf ihre Verladung am Containerterminal Tollerort der Hamburger HHLA. Viele Schiffe haben      Verspätung, die Lager sind voll, leere Container hingegen kaum verfügbar.

Container warten auf ihre Verladung am Containerterminal Tollerort der Hamburger HHLA. Viele Schiffe haben Verspätung, die Lager sind voll, leere Container hingegen kaum verfügbar.

Foto: Marcelo Hernandez

Die Reedereien haben ihre Kapazitäten reduziert und es fehlen Container. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die Konsumenten.

Hamburg. Die Spülmaschine machte bereits einige Zeit lang blubbernde Geräusche, wenn das Programm startete. Teller und Tassen verrieten mit übrig gebliebenen Essensresten noch nach dem Spülgang, dass es am Vortag Lasagne gegeben hatte: Eine neue Maschine musste her.

Doch die Verkäuferin im Fachhandel dämpft gleich die Erwartungen, sich jetzt aus Hunderten Modellen eine neue Maschine aussuchen zu können. „Viele der Produkte sind nicht verfügbar“, sagte die Angestellte im Shop in der Altstadt.

Kühlschränke und Spülmaschinen derzeit Mangelware

„Es gibt massive Probleme“, bestätigt Manfred Ludwig, Geschäftsführer des Hamburger Elektrohauses Buddenhagen. „Wir liefern jetzt Ware aus, die wir bereits Ende November/Anfang Dezember bestellt haben“.

Auch Henning Gautsch von Pommerenke Küchen macht die Erfahrung, dass verschiedene Gerätetypen bei weißer Ware wie Kühlschränken oder Spülmaschinen derzeit nicht zu bekommen sind. Das Problem betreffe jeden Hersteller. Die Produzenten begründeten den Engpass mit hoher Nachfrage und Corona, sagt der Fachmann des Küchenanbieters in Tonndorf.

Leere Regale bei Druckern und Laptops

Die Knappheit bei etlichen Haushaltsgeräten ist derzeit ein weit verbreitetes Problem. Auch im Internet sehen Interessenten immer wieder den Hinweis „Leider derzeit keine Lieferung möglich“, wenn sie Haushaltsgeräte von Bosch, Siemens und Co. suchen.

In den vergangenen Wochen waren Verbraucher bereits auf leere Regale bei Druckern oder Laptops gestoßen. Auch Spielekonsolen waren zwischenzeitlich nicht mehr zu bestellen. Sie waren vergriffen, weil die Tendenz zum Home­office und die Kontaktreduzierungen die Menschen zum Arbeiten und Spielen daheim zwangen – mit entsprechenden Nachfragespitzen.

Chips aus China sind rar

Derzeit legt zudem eine Knappheit an Halbleitern die Fabriken vieler Autohersteller lahm. Die Chips aus China sind rar, weil der Aufschwung in vielen Bereichen wie etwa der Unterhaltungselektronik überraschend kommt und die Hersteller in Asien erst wieder die Produktion hochfahren müssen. Die Krise offenbart die Anfälligkeit moderner Lieferketten in der globalisierten Welt. Manche Produkte haben eine Lieferzeit von zwei Monaten.

Die Tendenz, sich während der Pandemie zu Hause mit modernem Komfort zu umgeben, beflügelt die Nachfrage nach Produkten für Küchen oder Bäder schon seit Monaten. Bei den Haushaltsgeräten verzeichnete die Branche von Juli bis Oktober Umsatzzuwächse von bis zu 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

"Signifikanter Anstieg beim Bedarf und der Nachfrage nach Hausgeräten"

Die BSH Hausgeräte GmbH, die Marken wie Bosch, Neff, Gaggenau und Siemens vereint und Europas größter Anbieter in diesem Segment ist, beobachtet einen „europaweiten, signifikanten Anstieg beim Bedarf und der Nachfrage nach Hausgeräten“, so ein Firmensprecher.

Die bereits zuvor bestehenden Trends, wieder verstärkt selbst zu kochen und sich ins häusliche Privatleben zurückzuziehen, führten zu einer deutlich stärkeren Nutzung des eigenen Wohnraums und insbesondere der Küche.

Bei Geschirrspülern übersteigt Bedarf aktuell die Kapazitäten

„Insbesondere bei Geschirrspülern übersteigt der Bedarf aktuell die indus­triellen Kapazitäten“, heißt es von BSH. Ein Grund sei hier, dass Geschirrspüler noch nicht die hohe Durchdringung in den europäischen Haushalten hätten, wie dies zum Beispiel bei Waschmaschinen der Fall sei. Dies trifft auch auf Deutschland zu.

Für die langen Lieferzeiten ist aber nicht der Einzelhandel verantwortlich, auch nicht die Spediteure haben Schuld, die Ursachen liegen vor allem auf See. Auf den Weltmeeren sind infolge der Corona-Pandemie die gesamten Logistikketten durcheinandergeraten. Probleme, die sich beim ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr bereits anbahnten, schlagen jetzt voll durch. Es fehlt massiv an Transportkapazitäten.

"Die Lage ist geradezu dramatisch"

„Die Lage ist nicht nur angespannt, sie ist geradezu dramatisch“, sagt Willem van der Schalk, Geschäftsführer der Spedition A. Hartrodt und Vorsitzender des Vereins Hamburger Spediteure. Er warnt vor schwerwiegenden Folgen nicht nur für deutsche Spediteure und ihre Kunden, sondern für die gesamte europäische Wirtschaft, die auf zuverlässige und stabile Lieferketten auch auf dem Seeweg angewiesen sei.

Nachdem der Welthandel mit Beginn der Krise ausgebremst worden war, hatten die Schifffahrtsunternehmen ihre Transportkapazitäten gedrosselt und Schiffe aus dem Linienbetrieb herausgenommen. Die Frachter fahren zwar wieder, aber nun fehlen Container.

Container türmen sich in Amerika

„Wir müssen derzeit sehr viel länger auf leere Container warten, bevor wir sie wieder in den Umlauf geben können als vor der Krise“, sagt Nils Haupt, Sprecher von Deutschlands größter Linienreederei Hapag-Lloyd. Hauptursache sei immer noch die Corona-Pandemie. „Entweder es fehlen Waren oder Lkw-Fahrer. Oder an den Terminals Personal, sodass die Container nicht verladen werden können.“

Als Folge von Produktionsstopps und Werkschließungen türmten sich die Container in Amerika und stünden für andere Transportaufträge nicht zur Verfügung. Vor Los Angeles warten derzeit 28 Schiffe auf ihre Abfertigung. In den Häfen in China und Singapur stehen ganze Berge an Waren, die dringend abtransportiert werden müssten.

Lager sind leer, Produktionen geraten ins Stocken

Gerade in Asien sind Stahlboxen rar, weil es ein Ungleichgewicht in den Warenströmen gibt. Denn es geht mehr Ladung aus China nach Europa als umgekehrt. Die Folge ist, dass immer mehr Schiffe mit leeren Containern nach Asien aufbrechen, um die Schieflage an Transportboxen auszugleichen. Zudem hat auch die hierzulande produzierende Industrie einen hohen Bedarf an Fertigungsteilen.

Beim ersten Lockdown 2020 hatten viele Firmen ihre Lagerbestände aufgelöst, weil sie befürchteten, dass eine schwere Rezession droht. Jetzt sind die Lager leer, und Produktionen geraten ins Stocken, weil Teile fehlen.

Nicht nur der Import, auch der Export ist ins Stocken geraten. Im Hamburger Hafen sorgen durcheinandergewirbelte Fahrpläne der Schiffe und zusätzlich das Brexit-Chaos in den britischen Häfen um die Jahreswende für einen Seegüterstau. „Bei uns kommen viele Schiffe derzeit mit rund zweiwöchiger Verspätung an“, sagt Hans-Jörg Heims, Sprecher des größten Hamburger Hafenbetriebs HHLA. „Unsere Lager mit Exportware sind weit über 90 Prozent gefüllt. Die Container warten darauf, endlich verladen zu werden.“

Das Problem ist nicht über Nacht aufgetaucht. Der Chef der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, Rolf Habben Jansen, hatte bereits im vergangenen Jahr vor bevorstehenden Engpässen beim Frachtraum gewarnt. Wegen der knappen Kapazitäten müsse sich die europä-ische Kundschaft auf verspätete Lieferungen von Waren wie Unterhaltungselektronik, Fitnessgeräten und Möbel einrichten, sagte Habben Jansen damals. Diese Güter seien derzeit besonders gefragt, da viele Menschen wegen der Einschränkungen bei der Bekämpfung der Pandemie zu Hause bleiben müssten und viel Zeit im Internet verbrächten.

Spediteur van der Schalk sieht die Verantwortung für die Schwierigkeiten eher bei den Reedern. „Sie stellen schlichtweg keine ausreichenden Transportkapazitäten zur Verfügung“, sagt er. Er wirft den Reedern vor, mit einer künstlichen Verknappung die Preise in die Höhe zu treiben. Ein Blick in den Shanghai-Containerfracht-Index nährt diesen Verdacht: Ein Richtung Europa verschiffter 20-Fuß-Standardcontainer (TEU) kostete im Juni 2020 noch etwas weniger als 1000 Dollar (umgerechnet 815 Euro) pro Abfahrt. Derzeit sind es knapp 4500 Dollar. „Gerade bei Aktionsware mit vereinbartem Preis kann das dazu führen, dass sie stehen gelassen wird, weil die Marge einfach zu gering ist“, sagt van der Schalk.

So erklärt sich, warum viele Spülmaschinen derzeit kaum lieferbar sind. Und warum der Kunde warten muss.

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