Reformhäuser

Wie sich Engelhardt von Drogerie- und Biomärkten absetzt

| Lesedauer: 7 Minuten
Heiner Schmidt
Prokurist Torben Falkenhagen (links) und Juniorchef Franz Engelhardt stehen in der neuen Reformhaus-Filiale an der Grindelallee.

Prokurist Torben Falkenhagen (links) und Juniorchef Franz Engelhardt stehen in der neuen Reformhaus-Filiale an der Grindelallee.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Hamburger Kette eröffnete trotz Krise Filialen, ist mittlerweile eine der größten in Deutschland und setzt nun auf Verjüngung.

Hamburg. Die Wiedereröffnung am neuen Standort ist kaum drei Wochen her, doch Cathrin Engelhardt weiß bereits, dass es sich gelohnt hat, die Filiale Grindelallee in neue Räume in besserer Lage auf der anderen Seite der Straße zu verlegen. „Der Umsatz ist schon jetzt etwas höher als am alten Standort, obwohl die Verkaufsfläche in etwa dieselbe ist“, sagt die Chefin der Hamburger Reformhauskette Engelhardt.

In der nur wenige Hundert Meter entfernten Firmenzen­trale an der Bogenallee (Rotherbaum) wird derweil das nächste Projekt vorangetrieben: Die erst 2018 eröffnete Filiale in Buxtehude wird im März vorübergehend geschlossen und Anfang April in einem größeren Ladengeschäft in der Stadt wiedereröffnet.

Der Umsatz stieg 2020 um elf Prozent

„Weitere Umzüge und Neueröffnungen sind für 2021 vorerst nicht geplant“, sagt Juniorchef Franz Engelhardt. Aber in die Umgestaltung und Modernisierung einiger der insgesamt 35 Filialen werde investiert, sagt der Sohn der Inhaberin. Ohnehin hat das Unternehmen gerade einen kräftigen Wachstumsschub hinter sich. Trotz Corona-Pandemie kamen 2020 allein drei Filialen hinzu: eine Neueröffnung im Februar in Barmbek, eine Übernahme im April in Heide, eine weitere Neueröffnung im August in Rendsburg. „Es gab zeitweise durchaus den Gedanken, dass es nicht gerade das günstigste Jahr für eine solche Expansion ist“, sagt Franz Engelhardt.

Sie dennoch wie geplant zu vollziehen, erwies sich als richtig. Denn wie im Bio-Fachhandel und in der gesamten Reformhaus-Branche, deren bundesweit gut 850 Geschäfte in den Lockdowns durchgehend geöffnet blieben, sind auch bei Engelhardt im Jahr der Pandemie die Umsätze gestiegen. „Ohne die drei neuen Filialen um drei bis vier Prozent“, sagt die Inhaberin, insgesamt sogar um elf Prozent auf etwa 24 Millionen Euro. Der Trend zu einer bewussteren Ernährung, die Bereitschaft vieler Verbraucher, mehr Geld für hochwertige, vegetarische und vegane Lebensmittel auszugeben, und auch die Furcht vor dem Virus trieben die Erlöse nach oben.

„Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel, alles, was die Immunabwehr des Körpers kräftigt, ist stark gefragt“, sagt der Juniorchef. Auch in den Engelhardt-Filialen gab es Hamsterkäufe, Kunden deckten sich mit Demeter-Mehl, Biohefe, Brotbackmischungen, lange haltbaren Hülsenfrüchten und Konserven ein. „Die Hersteller kamen zeitweise mit den Lieferungen nicht mehr hinterher. Inzwischen hat sich die Situation aber beruhigt.“ Geblieben ist: Die Kunden kommen seit einem Jahr deutlich seltener ins Geschäft, kaufen aber sehr viel mehr ein.

Corona-Auswirkungen: kürzere Öffnungzeiten und Kurzarbeit

Der Umsatz mit Produkten wie Omega-3-Leinöl und Curcumin-Extrakt, Mariendistelkapseln und naturreinem Artischocken-Heilpflanzensaft steigt. Dennoch hinterließ fast ein Jahr Pandemie deutliche Spuren: Die Öffnungszeiten vieler Filialen sind vorerst verkürzt, erneut ist ein Teil der fast 200 Mitarbeiter in Kurzarbeit, Naturkosmetik ist in Zeiten von Maskenpflicht und Homeoffice wenig gefragt, und Beschäftigte müssen zeitweise die Arbeitsstelle wechseln, weil in knapp zehn Filialen in großen Hamburger Einkaufszentren weniger Kunden da sind, an den sogenannten Straßen-Standorten aber mehr zu tun ist.

Trotz allem sei 2020 für die Branche „sehr positiv“ gelaufen, sagt Rainer Plum, Vorstand der Reformhaus-Genossenschaft, der sämtliche Betriebe in Deutschland angehören. Er erwartet sogar ein Umsatzplus von bis zu acht Prozent und ist auch für die Zukunft trotz aller Unwägbarkeiten über die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie optimistisch. „Die Reformhäuser liegen mit ihren Sortimenten voll im Trend. Als Fachgeschäfte mit kompetenter Beratung in Gesundheits- und Ernährungsfragen sind sie sehr gut positioniert.“

Drogerie-, Bio- und Supermärkte führen mittlerweile auch Produkte aus Reformhäusern

Mit dem Hinweis auf das geschulte Fachpersonal versucht die Branche sich von der wachsenden Konkurrenz durch Drogerie-, Bio- und Supermärkte abzusetzen. Dort finden Kunden inzwischen viele Produkte, die einst nur in Reformhäusern angeboten wurden. Die Folge: Ab Ende der 90er-Jahre gaben zahlreiche alteingesessene Fachgeschäfte auf, Insolvenzen häuften sich. Cathrin Engelhardt ging den umgekehrten Weg, setzte auf moderne Ladenkonzepte, übernahm und eröffnete Jahr um Jahr neue Filialen.

Lesen Sie auch:

Die Inhaberin hatte Ende der 1980er-Jahre als Auszubildende in dem von Norbert Engelhardt in Bergedorf kurz zuvor eröffneten ersten Geschäft begonnen. Aus Azubi und Chef wurde ein Ehepaar, zwei Söhne kamen zur Welt, das Unternehmen wuchs beständig. Als Norbert Engelhardt 2001 überraschend starb, hatte es neun Standorte. Cathrin Engelhardt und ihre Co-Geschäftsführerin Agnes Wiebicke blieben auf Expansionskurs. Mit mittlerweile 20 Filialen allein in Hamburg, 14 in Schleswig-Holstein und der einen in Buxtehude ist Engelhardt der unangefochtene Platzhirsch im Norden und Deutschlands drittgrößte Reformhauskette.

Experte: Reformhäuser sollten jüngere Kunden gewinnen

„Seit einigen Jahren ist die Branche weitgehend stabil“, sagt Fabian Ganz vom Marktforschungsinstitut Bio Vista, das speziell den Bio- und Naturkosthandel im Blick hat. Zwar gebe immer mal wieder ein Reformhaus auf, doch eher selten aus wirtschaftlicher Not, sondern zumeist, weil es keinen Nachfolger für den Betrieb gebe. „Die guten Standorte werden übernommen“, sagt Ganz. Engelhardt ist auch durch solche Übernahmen gewachsen. „Manchmal kommen die Inhaber gezielt auf uns zu“, sagt der Juniorchef. Gut möglich, dass die Hamburger Kette weiter expandiert. Wenn sich aussichtsreiche Standorte finden, betonen Mutter und Sohn, fest definierte Wachstumsziele gebe es nicht.

Neben der Konkurrenz durch Bio-, Drogerie- und Supermärkte sieht Marktforscher Ganz eine zweite große Herausforderung für die Reformhäuser: „Die Kundschaft ist überdurchschnittlich alt“, sagt er. „Es muss der Branche gelingen, mehr jüngere Leute in die Geschäfte zu holen, ohne die Stammkundschaft vor den Kopf zu stoßen.“ Bei Engelhardt gibt es neuerdings auch Kosmetik zum Selbermachen, loses Mehl und Getreide im Pfandglas.

Cathrin Engelhardt will es ruhiger angehen

Zudem hat sich die Führungsebene verjüngt. Sohn Franz (27), nach einer kaufmännischen Ausbildung bei einem Naturkosthändler seit 2017 im Unternehmen, ist kürzlich in die Geschäftsführung aufgerückt. Er verantwortet jetzt den Einkauf. Marketingchef Torben Falkenhagen (34) hat Prokura erhalten. „Zwei Frauen über 50 und zwei Männer unter 35, das ist doch eine gute Mischung“, sagt Cathrin Engelhardt.

Sie will es nach 20 Jahren in Dauerverantwortung ruhiger angehen. „Ich bin jetzt 53 und fühle mich fit genug für längere Reisen und Übernachtungen im Dachzelt auf einem Geländewagen.“ Mit ihrem zweiten Mann Sven Bürgel, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Firma und das Kundenmagazin verantwortet, gönnt sie sich gerade eine mehrwöchige Auszeit. Steht da womöglich bald ein Generationswechsel an? Das dann doch nicht, eher ein vorübergehendes leichtes Herunterfahren. „Ich möchte mehr Zeit für mich“, sagt Cathrin Engelhardt. „Wenn mein Sohn in einigen Jahren vielleicht mehr Zeit für eine Familie haben möchte, werde ich da sein.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft