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3,80 Euro pro Bio-Gurke: Gemüse in Hamburg immer teurer

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Melanie Wassink
Salatgurken sind in manchen Supermärkten derzeit ein rares und daher hochpreisiges Gemüse. Der Nachschub aus den Anbauländern stockt.

Salatgurken sind in manchen Supermärkten derzeit ein rares und daher hochpreisiges Gemüse. Der Nachschub aus den Anbauländern stockt.

Foto: Patrick Pleul/ZB

Schlechtes Wetter in Südeuropa verzögert Ernte von Gurken, Paprika, Tomaten. Corona-Regeln bremsen Importe.

Hamburg. Wer in diesen Tagen einkaufen geht, blickt in der Frischeabteilung oft in verdutzte Gesichter. Da wird das Schild an der Gemüsekiste noch einmal gegengecheckt, denn die Preise sind überraschend hoch. Bei Lidl mussten Kunden für eine Gurke zuletzt 1,40 Euro zahlen, bei Aldi 1,59 Euro. Im Gemüse-Abo des Bio-Lieferanten Sannmann am Ochsenwerder Norderdeich schlägt eine Bio-Gurke gar mit 3,80 Euro zu Buche.

Auch Tomaten oder Paprika kosten jetzt häufig mehr als bisher – der Grund liegt im Süden Europas. „Wärmeliebende Produkte, die in Spanien unter unbeheizten Plastiktunneln angebaut werden, sind derzeit knapp“, sagt Rudolf Behr, Vorstandschef der Behr AG. Die Firma baut europaweit Gemüse an und hat ihren Hauptsitz in Seevetal. Neben den Sorten, die Behr in Deutschland anbaut, bietet er Produkte aus dem Mittelmeerraum an. Und dort gab es zuletzt Probleme: „Der Kälteeinbruch in Spanien verlangsamte das Wachstum, wodurch bei allen Gemüsearten eine verzögerte Ernte ansteht“, so Behr. Dazu komme ein weiteres Wetterphänomen: „In Italien hat es in den letzten Monaten sehr viel geregnet. Die Felder sind durchnässt und die im Folientunnel angebauten Produkte haben unter der geringen Sonneneinstrahlung gelitten. Eine spürbare Entlastung wird nicht vor dem letzten Drittel des Februars erwartet.“

Kunden stehen vor leeren Regalen

In einzelnen Supermärkten stehen die Kunden bereits vor leeren Regalen, so waren Gurken etwa bei Edeka in der Rindermarkthalle zuletzt kaum noch zu bekommen. Beim Gut Wulksfelde in Tangstedt, das derzeit einen besonders erfolgreichen Lieferservice für Lebensmittel anbietet, wird ebenfalls auf schwer erhältliche Waren hingewiesen: „Wir stellen uns in den nächsten Wochen auf Lieferschwierigkeiten ein und möchten Sie um Verständnis bitten“, heißt es mit Blick etwa auf Tomaten, Zucchini und Auberginen aus Spanien.

Beim Tiefkühlanbieter Iglo betrifft der Mangel beim Gemüse vor allem den Spinat. Einige Sorten der beliebten Rahmspinat-Produkte seien im Handel zwischenzeitlich nicht erhältlich, sagte ein Sprecher. Der Grund: Die Verbraucher kaufen viel Tiefkühlware ein, zumal sie jetzt wieder die meiste Zeit zu Hause verbringen und nicht auswärts essen gehen können. Zudem decken sich viele Menschen mit tiefgekühlten Speisen ein, weil die Ware lange haltbar und gut geeignet ist, Vorräte anzulegen. Dauere der erneute Lockdown noch lange an, seien weitere Engpässe zu befürchten, so der Sprecher. Schon jetzt gebe Iglo seine Produkte nur in begrenzten Kontingenten an den Einzelhandel, um trotz der sehr großen Nachfrage eine gerechte und breite Versorgung sicherzustellen. Die Felder im Münsterland, auf denen Iglo anbauen lässt, seien ausgeweitet und zum Teil auch Spinat auf dem freien Markt dazugekauft worden.

Begrenzte Verfügbarkeit bei frischen Gemüsen

Bei Tiefkühl-Lebensmitteln gehört auch Frosta zu den großen Anbietern. „Auch wir sehen eine deutlich gestiegene Nachfrage, insbesondere nach Gemüseprodukten“, sagt Friederike Ahlers von der Frosta Tiefkühlkost GmbH mit Sitz in Hamburg. Einen Mangel befürchtet Frosta allerdings nicht: „Da unsere Ware zum großen Teil aus eigenem Anbau in Deutschland stammt, haben wir zum Glück keine Engpässe.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Die begrenzte Verfügbarkeit bei frischen Gemüsen aus dem Süden führt zu höheren Kosten für die Kunden, wie auch die Erzeuger bestätigen. „Die Verbraucherpreise sind gestiegen“, sagt Rudolf Behr. „Das ist nichts Ungewöhnliches, denn wir haben es mit Naturprodukten zu tun, die durch Wetterfaktoren beeinflusst werden“, sagt der Gemüseanbauer. „Im November und Dezember gab es zu viel Gemüse am Markt, sodass die Preise permanent unter Druck standen und bei den Produzenten tiefe Löcher in die Kassen gerissen wurden. Von Produzentenseite hofft man nun, wenigstens einen Teil der Verluste wieder ausgleichen zu können.“

Ungewöhnlich starker Wintereinbruch

Carsten Bargmann, Geschäftsführer des Bauernverbands Hamburg e.V., kennt die Probleme und erklärt die Zusammenhänge: „Derzeit kommt das meiste Gemüse aus Italien und Spanien. Der ungewöhnlich starke Wintereinbruch in diesen Ländern hat nicht nur viele Plantagen beschädigt. Darüber hinaus wachsen vor allem im Freiland die Pflanzen nicht so schnell heran wie geplant“, sagt der studierte Gartenbauer. Oftmals lägen die Ursachen bereits zwei bis drei Monate zurück. „Denn so lange benötigen Salate, Kohlrabi oder Brokkoli auch im spanischen Winterklima, bis sie erntereif werden“, ergänzt Bargmann, und weiter: „Wenn im Oktober oder November nicht wie geplant gepflanzt werden kann, etwa auf von Starkregen verschlämmten Böden, fehlen die Erntemengen im Januar. Dies kann sich bis Mitte März hinziehen.“

Unter Glas oder in Folientunneln wachsende Kulturen wie Tomaten, Gurken oder Paprika seien von den Schwankungen aber weniger betroffen als reine Freiland-Gemüse. Zu Letzteren zählen etwa Eisbergsalat, Mini-Romana und Kohlrabi. Klassische Lagerprodukte wie Weiß- oder Rotkohl seien weiter lieferbar, ergänzt Bargmann. Er warnt allerdings auch: „Chinakohl wird jetzt knapp, da er nicht mehr so lange lagerfähig ist.“

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Die Wetterkapriolen, aber auch strengere Corona-Bestimmungen begrenzen die Versorgung mit den Vitaminlieferanten. Die Einreisebedingungen für Transporteure von Lebensmitteln seien jetzt verschärft worden, sagt Andreas Brügger, Geschäftsführer des deutschen Fruchthandelsverbands. Nun sei es kaum noch möglich, Obst und Gemüse nach Deutschland zu importieren.

Brügger berichtet, die Fahrer aus Hochrisikogebieten wie Portugal und Spanien müssten seit Sonntag beim Grenzübertritt einen negativen PCR-Corona-Test vorlegen, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. In der Praxis sei das allerdings kaum machbar. Brügger warnt: „Wir brauchen auch in Corona-Zeiten einen Versorgungskorridor für frisches Obst und Gemüse, sonst drohen leere Regale im Handel.“

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