Pandemie

Wie Licht Corona-Patienten helfen soll

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Wolfgang Horch
Im Corona-Behandlungszentrum in Berlin fanden bereits Schulungen für das Personal statt.

Im Corona-Behandlungszentrum in Berlin fanden bereits Schulungen für das Personal statt.

Foto: Reto Klar

Hamburger Start-up Jetlite entwickelt Konzept für Berliner Behandlungszentrum. Arzt erhofft sich schnellere Genesung der Erkrankten.

Hamburg. Die riesige Halle auf dem Berliner Messegelände ist für den Ernstfall vorbereitet. Desinfektionsmittelspender, Nachttische, mit einer Stellplatznummer versehene Betten und vieles mehr sind zum Einsatz bereit. Das Corona-Behandlungszentrum in Charlottenburg ist startklar. In einigen Metern Höhe über den Gängen verläuft eine Metallkonstruktion, wie man sie über Veranstaltungsflächen kennt. In regelmäßigen Abständen sind daran rund 200 dimmbare LED-Strahler montiert. Die Neonröhren in luftiger Höhe unterm Dach sollen aus bleiben. „Sie wären zu hell für den Krankenhausbetrieb“, sagt Achim Leder. Stattdessen soll der Chef des Hamburger Start-ups Jetlite mit seiner Technik für das richtige Licht in der Notfallklinik sorgen – und bei der Genesung der Patienten helfen.

Im Jahr 2016 gründete der promovierte Wirtschaftspsychologe das Unternehmen mit dem Ziel, den Jetlag bei Langstreckenflügen zu verringern. Denn mit dem richtigen Lichtkonzept könne man diesen um drei bis vier Stunden reduzieren. Er entwickelte einen auf wissenschaftlichen Daten basierenden Algorithmus. Generell wirkt blaues Licht aktivierend, man wird wach, und es wird weniger Schlafhormon Melatonin freigesetzt. Rotes Licht wirkt hingegen deaktivierend. Leder kooperierte mit dem Flugzeugbauer Airbus und gewann die Lufthansa als ersten Kunden.

In vergangenen Frühjahr waren mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und dem Einbruch des Flugverkehrs aber auch die Dienste von Jetlite wenig gefragt. Aus dem Beirat des Unternehmens sei dann die Idee gekommen, ob man nicht beim Lazarettaufbau helfen könne.

Gearbeitet wird mit fünf Farben

In Berlin wurde an der Jafféstraße das Corona-Behandlungszentrum errichtet. Mit bis zu 1000 Betten soll es die Krankenhäuser entlasten, wenn die Fallzahlen der Covid19-Patienten zu stark ansteigen. Das Projekt leitet mit Albrecht Brömme der langjährige Präsident des Technischen Hilfswerks (THW) und frühere Landesbranddirektor der Berliner Feuerwehr. „Den kannte ich noch von meiner früheren Tätigkeit, als ich bei Airbus im Hauptstadtbüro gearbeitet habe“, sagt Leder. Kontakte wurden geknüpft, Präsentation und Angebot erstellt – und Jetlite erhielt den Zuschlag.

Im Mai war das Zentrum fertig, im Oktober das grobe Lichtkonzept von Jetlite, im November das Feintuning. Gearbeitet wird mit fünf Farben: Rot, Grün, Blau, Warmweiß und Kaltweiß. Sie können gemischt werden und weitere Farbtöne erzeugen. „Das Licht wird über ein iPad gesteuert. Die Szenarien sind auf einem Server gespeichert und laufen in Dauerschleife“, sagt der 42-Jährige. Das Personal müsse nichts machen, könne aber manuell nachsteuern, falls es zu hell oder dunkel ist. Beim Drücken des Notfallknopfs wird es ganz hell.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Der Ärztliche Leiter des Zentrums hält die Technik aus Hamburg für sehr wichtig. „Ich gehe davon aus, dass mit der Lichtsteuerung die Erholung der Patienten gefördert wird“, sagt Professor Wulf Pankow, früherer Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Pneumologie und Infektiologie im Vivantes Klinikum Neukölln. Der Rhythmus des Körpers – die innere Uhr – werde über Hormone wie Melatonin sehr stark durch Licht gesteuert. In einer Halle mit Kunstlicht ohne Kontakt zur Außenwelt als Patient zu liegen oder als Arzt oder Pflegekraft zu arbeiten, sei schädlich für die Gesundheit, sagt der Mediziner. Die Anlage versuche, die Lichtverhältnisse in der Halle an den Tag-Nacht-Rhythmus anzugleichen, bei dem Helligkeit und Ultraviolettanteile entsprechend dem Tageslicht simuliert werden. Das könne bei der psychischen und körperlichen Erholung helfen.

50 Langstreckenflugzeuge haben Jetlite-Technik an Bord

Leder möchte sich zu den finanziellen Details des Vertrags nicht konkret äußern: „Das ist vor allem ein Referenzthema für uns, aber wir haben schon Geld verdient.“ Das kam im Corona-Jahr ansonsten zu kurz. Statt wie erhofft beim Umsatz an der Marke von eine Million Euro zu kratzen, werde man nur im niedrigen sechsstelligen Bereich Erlöse generieren und unterm Strich rote Zahlen schreiben. Die vier Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden. Leder und sein Co-Geschäftsführer und Mitgründer Felix Brüggemann verzichteten fünf Monate lang auf ein Einkommen. Für 2021 ist der Firmengründer aber optimistisch. Wenn sich nur die Hälfte der Aufträge bewahrheite, die derzeit in der Pipeline seien, würde es auf ein gutes Jahr hinauslaufen, sagt Leder. Das liegt auch daran, dass man im vergangenen Frühjahr das vor allem auf die Luftfahrt konzentrierte Spektrum erweitert habe. Im Fokus stehe nun nicht mehr die Reduzierung des Jetlags, sondern generell das Thema Licht.

Zunächst wurde mit einem Hamburger Kreuzfahrtunternehmen die Ausstattung einiger Innenkabinen beschlossen, damit Passagiere die Tageszeiten besser nachempfinden können. Weil allerdings auch dieser Tourismuszweig von der Corona-Krise hart erwischt wurde, liegt das Projekt derzeit auf Eis. Besser sieht es in der Gesundheitsindustrie aus. So werde zum Beispiel mit der Stresstherapieklinik Schloss Gracht bereits kooperiert. Mit Zahnarztpraxen gebe es Gespräche, die Lichttechnik zur Angstreduktion von Patienten einzusetzen.

Weitere Aufträge könnten aus der Fitnessbranche kommen

Weitere Aufträge könnten aus der Fitnessbranche kommen. Mehrere Projekte laufen bereits. Jetlite setzt an zwei Punkten an. Die Beleuchtung kann sowohl an den chronobiologischen Rhythmus des Sportlers als auch an die Form des Trainings angepasst werden. Für Fitness, Yoga oder Krafttraining sind unterschiedliche Lichtszenarien geeignet. Dazu ist auch die Entwicklung einer App geplant, in die der Nutzer seine Daten und Eigenschaften eingeben kann.

So ein Handy-Programm war auch für die Luftfahrt geplant. Es sollte Passagieren einige Tage vor, während des Fluges und danach helfen, den Jetlag zu verringern. Indem beispielsweise per Push-Nachrichten Tipps zum Schlafen, Sport und Essen versandt werden. „Das haben wir zurückgestellt“, sagt Leder. Es habe zwar immer wieder Anfragen von Airlines gegeben, aber die Zahlungsbereitschaft der Airlines dafür sei gering gewesen und die Integration in die App der Fluggesellschaften sehr aufwändig. Der auf wissenschaftlichen Daten basierende Algorithmus der Hamburger für ein stimmiges Beleuchtungskonzept über den Wolken ist aber bei rund 50 Flugzeugen an Bord. Das Lichtkonzept wird im Airbus A350 sowie in Boeings 787 Dreamliner und Jumbo-Jet 747-8 eingesetzt. Neben der Lufthansa greift auch die indische Fluggesellschaft Air Vistara darauf zurück – ab 18. Februar zum Beispiel auf der Strecke von Delhi nach Frankfurt. Eine europäische und eine asiatische Fluggesellschaft sollen in diesem Jahr hinzukommen.

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Weitere Aufträge würde Leder auch gern bei anderen Städten einsammeln, die ähnlich wie Berlin ein Corona-Behandlungszentrum aufbauen. Er wolle nun aktiv auf die Kommunen zugehen und seine Hilfe anbieten. All zu viele solcher Sondereinrichtungen gebe es aber nicht, sagt Leder. Und ohnehin wäre für ihn die beste Lösung, wenn seine Technik an der Berliner Jafféstraße gar nicht zum Einsatz kommen würde, sagt er: „Ich hoffe, dass das Behandlungszentrum nicht in Betrieb gehen muss.“

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

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