Corona-Krise

Ver.di-Chef: "Homeoffice darf nicht zur Pflicht werden"

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Heiner Schmidt
Berthold Bose (57) leitet seit 2014 den Landesbezirk Hamburg von Ver.di.

Berthold Bose (57) leitet seit 2014 den Landesbezirk Hamburg von Ver.di.

Foto: Marcelo Hernandez

Berthold Bose spricht über Vor- und Nachteile mobiler Arbeit sowie das überraschende Plus an Gewerkschaftsmitgliedern.

Hamburg. Berthold Bose führt das Gespräch per Videokonferenz aus seinem Büro im Hamburger Gewerkschaftshaus. Im Abendblatt-Interview sagt der Landesbezirksleiter, warum die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di nach einem Jahr Corona-Pandemie mehr Mitglieder hat und wieso Firmen ihren Mitarbeitern im Homeoffice einen Kostenausgleich dafür bezahlen sollten.

Hamburger Abendblatt: Herr Bose, wie hat sich ein Jahr Corona-Pandemie auf Sie persönlich ausgewirkt?

Berthold Bose: Ich habe lernen müssen, mehr zu Hause zu arbeiten und gemerkt, dass mir das schwerer fällt als gedacht. Und ich habe mir Beschränkungen im Umgang mit anderen Menschen auferlegt. Jemandem die Hand zu geben, jemanden in den Arm zu nehmen, wenn er große Sorgen hat – das geht ja alles nicht. Diese persönliche Nähe fehlt mir sehr. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, regelmäßig Sport zu Hause zu machen, musste aber feststellen, dass ich da nicht sehr konsequent bin.

Sie arbeiten jetzt häufiger zu Hause, arbeiten Sie auch mehr?

Bose: Etwa 90 Prozent unserer Beschäftigten arbeiten aktuell wechselnd von zu Hause aus, um die Infektionszahlen nach unten zu bringen. Ich habe meine mobile Arbeit nach Hause verlagert. Früher ist es mir besser gelungen abzuschalten, sobald ich das Büro verlassen hatte. Jetzt stelle ich fest, dass der Abstimmungsbedarf ohne persönliche Kommunikation größer ist, und dass die Arbeit häufig bis in den Abend geht. Da findet eine Entgrenzung statt.

Es wird über ein Recht auf Homeoffice diskutiert. Ist Ver.di dafür?

Bose: Ich muss bei dieser Diskussion erst mal daran erinnern, dass unsere Gewerkschaft auch die Interessen sehr vieler Beschäftigter vertritt, für die Homeoffice gar nicht infrage kommt, weil sie zum Beispiel in Verkehrsunternehmen arbeiten, in Gesundheitseinrichtungen oder im Handel. Das sind die Leute, die dafür sorgen, dass Hamburg in der Pandemie funktioniert. Aber dort, wo mobiles Arbeiten möglich ist, soll es auch ein Recht darauf geben, wenn die Arbeit auf diese Weise erledigt werden kann.

Gibt es denn beim Arbeitgeber Ver.di ein Recht auf mobiles Arbeiten?

Bose: In der Praxis läuft es für einen Teil der Beschäftigten bereits seit Jahren so. Sie starten morgens von zu Hause mit ihrem Dienst-Laptop, sind den ganzen Tag von Termin zu Termin unterwegs und kommen nur kurz oder gar nicht ins Büro. Das haben wir bisher nicht genau geregelt, aber jetzt, wo wir sehen, dass es gut funktioniert, planen wir, auch den Beschäftigten in der Verwaltung die Möglichkeit zu geben, mobil zu arbeiten. Und sie sollen auch ein Recht darauf haben. Das muss dann ordentlich mit dem Betriebsrat abgestimmt werden.

Sehen Sie Nachteile und Gefahren des mobilen Arbeitens?

Bose: Wir müssen sehr darauf achten, dass aus einem Recht auf mobiles Arbeiten keine Pflicht wird. Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass massiv Arbeitsraum im Unternehmen selbst abgebaut und bei Neueinstellungen erwartet wird, dass die Leute ihr Büro quasi selbst stellen müssen und nur noch von zu Hause arbeiten. Damit würde der Wohn- und Erholungsraum auf Dauer zur Arbeitsstätte. Das ist etwas, was wir in dieser Form sicher nicht wollen, zumal bei Weitem nicht alle Beschäftigte einen geeigneten Wohnraum für Arbeit von zu Hause haben.

Forderungen, das Unternehmen solle einen Kostenausgleich für Homeoffice zahlen, mehren sich….

Bose: … das ist eine absolut berechtigte Forderung. Es braucht einen vernünftigen Ausgleich. Wenn Homeoffice dauerhaft stattfindet, dann müssen die Kosten auch ausgeglichen werden, dann muss sich der Arbeitgeber auch dauerhaft an den Miet- und Verbrauchskosten beteiligen. Das muss im gesetzlichen Rahmen und in Tarifverträgen geregelt werden.

Ver.di hat 2020 in Hamburg erstmals seit Jahren wieder Mitglieder gewonnen. Trotz oder wegen der Corona-Pandemie?

Bose: Die mehr als 6500 Eintritte in Hamburg zeigen, dass Solidarität als Weg in der Krise gesehen wird. Wir haben im vergangenen Jahr gezeigt, dass wir auch in einer schwierigen Situation wie einer Pandemie den Zusammenhalt stärken können, indem wir uns für die Kolleginnen und Kollegen gerade in Krisenzeiten weiter einsetzen. Beim Pflegepersonal in den Krankenhäuser, bei den Busfahrern und insgesamt bei der Hochbahn ist das besonders sichtbar geworden. Wir sind aber auch in Arbeitskämpfe gezwungen worden, die wir vermeiden wollten.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Der Warnstreik bei der Hochbahn am Tag vor dem dritten Advent hat heftige Kritik ausgelöst. War er ein Fehler?

Bose: Nein. Wir haben die Streiks bei der Hochbahn als wirklich allerletztes Mittel genutzt, im öffentlichen Dienst ebenso. In beiden Fällen haben die Arbeitgeber nach unserer Einschätzung damit kalkuliert, dass Ver.di mitten in einer Pandemie einen Streik mit den Mitgliedern nicht organisiert bekommt. Wir haben gezeigt, dass wir ihn sehr gut und unter den Umständen auch sicher organisieren können. Ich glaube daher, dass wir im Gegenteil eher gestärkt aus den Streiks hervorgehen, weil sie gezeigt haben, dass man eine Gewerkschaft auch unter widrigen Umständen nicht in die Knie zwingen kann.

Führt Corona also zu einer Renaissance der Gewerkschaften?

Bose: Ich glaube, dass die große Krise, in der Existenzen bedroht sind, zeigt, dass wir nur in Gemeinschaft uns dem entgegenstellen können. Wenn ein Einzelner sagt, mir geht es wirtschaftlich schlecht, ich bin in Not, wird er eher nicht gehört werden. Wenn wir als Gewerkschaft für alle Betroffenen sprechen, dann werden wir gehört. Es werden zwar nicht alle unsere Wünsche erfüllt, aber immerhin können wir Einfluss nehmen.

In diesem Jahr stehen allein in Hamburg Tarifverhandlungen mit 120 Unternehmen und Branchen an. Werden die wegen der Krise härter?

Bose: Die Positionen vieler Arbeitgeber etwa in der Tarifrunde für den Einzel- und den Großhandel werden schwieriger werden. Sie werden argumentieren: Wir haben eine Krise, wir haben nix, wir geben nix. Auf der anderen Seite haben wir aber auch viele Beschäftigte, die lange Zeit in Kurzarbeit waren und von 60 Prozent ihres Einkommens leben mussten. Es gibt also ein Bedürfnis nach mehr Gehalt. Insofern: Ja, die Bedingungen, die durch die Pandemie entstanden sind, werden die Tarifverhandlungen schwieriger machen. Aber deshalb werden wir uns bei unseren Forderungen nicht zurückhalten.

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Die Forderungen werden also höher sein?

Bose: Nicht höher als das, was wir für nötig halten. Ich glaube aber, dass es sehr harte Auseinandersetzungen werden.

Erwarten Sie, dass vermehrt Arbeitgeber aus der Tarifbindung aussteigen, wie zuletzt die Buchhandelskette Thalia?

Bose: Der Fall Thalia zeigt jedenfalls, dass die Skrupel, zur Gewinnmaximierung das Boot der Gemeinschaft zu verlassen und die Beschäftigten an den unternehmerischen Risiken zu beteiligen, geringer geworden sind. Tatsächlich haben 2020 bereits Unternehmen den Anlauf unternommen, die geltenden Tarifverträge zu unterlaufen. Real und Galeria Kaufhof sind Beispiele dafür. Amazon wehrt sich bis heute, eine Tarifbindung einzugehen. Jedes Unternehmen, das Tarifbindungen aufkündigt, richtet damit eine Kampfansage an die zuständige Gewerkschaft.

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

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