Arbeitsmarkt

Lehre im Lockdown – wie Corona die Ausbildung erschwert

| Lesedauer: 10 Minuten
Heiner Schmidt
Annette Bätjer (l.), Chefin des Mövenpick-Hotels, mit den Azubis Lisa Reese und Giacomo Guadagno.

Annette Bätjer (l.), Chefin des Mövenpick-Hotels, mit den Azubis Lisa Reese und Giacomo Guadagno.

Foto: Marcelo Hernandez

Einen Beruf lernen in Zeiten der Pandemie? Viele junge Hamburger müssen diesen Weg gehen. Das Abendblatt schaute vorbei.

Hamburg. Das Mövenpick-Hotel im alten Wasserturm an der Sternschanze wirkt wie ausgestorben und geschlossen. Nur ein Plakat mit den üblichen Corona-Hygieneregeln, welches an der Scheibe der stillgelegten Drehtür klebt, signalisiert, dass hier weiterhin Gäste empfangen werden. Bitte den Klingelknopf der Rezeption betätigen. Dann ertönt aus der Sprechanlage eine junge Stimme: „Ziehen Sie die Tür links von sich bitte nach außen auf.“ Oben am Empfang freundliche Begrüßung in der ansonsten menschenleeren Lobby. In den nächsten 80 Minuten wird man im Haus genau einem Gast begegnen.

In die Zimmer dürfen sich seit Beginn des zweiten Lockdowns in der Hotellerie Anfang November nur noch Geschäftsreisende einmieten. Doch es gibt kaum Buchungen. „Zwischen drei und zehn Zimmer“ seien in diesen Wochen belegt, sagt Direktorin Annette Bätjer. Als über Weihnachten für zwei Nächte auch Privatreisende im Mövenpick logieren durften, waren es 15. Gastronomie und Küche, Fitnessbereich, Sauna – all das ist geschlossen. Die wenigen Gäste bekommen statt eines üppigen Frühstücksbüfetts einen Kaffee aus dem Automaten und eine Provianttüte mit Sandwich, Obst und Müsliriegel. Der Großteil der 52-köpfigen Stammbelegschaft ist in voller Kurzarbeit, nur eine Hand voll Beschäftigter kommt stundenweise für Buchhaltung und Wartung der Haustechnik an den Arbeitsplatz.

Hotel läuft auf minimaler Sparflamme

Das Hotel läuft auf minimaler Sparflamme, selbst das lohnt sich finanziell nicht. „Man kann ein Haus dieser Größenordnung schon aus technischen Gründen nicht komplett herunterfahren“, sagt Direktorin Bätjer. Das ist der eine Grund, warum sie nicht einfach abschließt und nach Hause geht. Der andere Grund sind die elf Auszubildenden, die im Mövenpick eine Lehre absolvieren. Die angehenden Hotelfacheute, Köche und Fachkräfte im Gastgewerbe sind weiter Vollzeit im Hotel. Vor allem sie sind es, die den Betrieb gemeinsam mit der Chefin aufrechterhalten. Das Mövenpick ist da keine Ausnahme in der Stadt, weiß Annette Bätjer aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Häusern.

Kurzarbeit wäre zwar auch für Auszubildende möglich, aber es ist eine eher theoretische Option hinter hohen Hürden. Zunächst muss das Unternehmen alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen, die Ausbildung fortzusetzen. Etwa den Lehrplan umwerfen und einen angehenden Küchenbauer, der keine Küchen einbauen kann, weil sein Arbeitgeber im Lockdown keine mehr verkauft, früher und länger als vorgesehen in die Buchhaltung abordnen. Erst wenn 30 Arbeitstage lang gar nichts mehr geht im Betrieb, geht Kurzarbeit für den Lehrling. Finanziell aber hat das Unternehmen davon trotzdem keinen Vorteil, weil es sechs Wochen lang weiter das volle Ausbildungsgehalt zahlen muss.

Berufsausbildung unter erschwerten Bedingungen

In Hamburg kommt das trotz allem offenbar so gut wie gar nicht vor: „Nach unseren Erkenntnissen halten die Unternehmen mit Kurzarbeit ihre Azubis davon fern“, sagt Knut Böhrnsen, der Sprecher der Arbeitsagentur Hamburg. In einer Umfrage der Handwerkskammer im Oktober vergangenen Jahres gab ein verschwindend geringer Anteil von 3,9 Prozent der Betriebe mit Kurzarbeit an, deswegen auch für Auszubildende Geld von der Agentur erhalten zu haben. Die Handelskammer hat schlicht keine Erkenntnisse, ob Mitgliedsunternehmen Azubis in Kurzarbeit geschickt haben.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Klar ist: Hunderte junge Leute in Hamburg absolvieren derzeit eine Berufsausbildung unter mindestens höchst ungewöhnlichen und teils erschwerten Bedingungen, weil es im Betrieb wegen des Lockdowns keinen normalen Arbeitsalltag mehr gibt. Es sind angehende Friseurinnen und Friseure, die seit Mitte Dezember keinem einzigen Kunden die Haare schön gemacht haben, Veranstaltungstechniker und –kaufleute, deren Arbeitgeber seit dem Frühjahr kaum noch Aufträge abarbeitet, künftige Verkäuferinnen und Einzelhandelskaufleute in Schuh- und Modeläden, die kein Kunde betreten darf. Wohl am stärksten betroffen sind die angehenden Köche, Gastgewerbe-Fachkräfte und Fachleute in Restaurants und Hotels, die seit Ende März alles in allem schon gut fünf Monate Ausbildung im Lockdown hinter und – mindestens – zwei weitere Wochen vor sich haben. Wahrscheinlich mehr.

Klassische Hauswirtschaftsarbeit

Was machen sie jetzt? Im Mövenpick-Hotel machen sie, sobald die wenigen Gäste versorgt und deren Zimmer hergerichtet sind, meist das sogenannte Housekeeping – klassische Hauswirtschaftsarbeit. Die Vorhänge der unbewohnten Zimmer reinigen, ganz besonders intensives Putzen bis in die hintersten Winkel. „Im Frühjahr haben wir viel genäht“, sagt Lisa Reese, Auszubildende zur Hotelfachfrau im dritten Lehrjahr. Damals war das Haus neun Wochen lang komplett geschlossen. Und auch jetzt wieder muss jeder Warmwasserhahn im Abstand von höchstens 48 Stunden aufgedreht werden. „Damit sich in den Leitungen keine gefährlichen Legionellen-Bakterien bilden können“, sagt Annette Bätjer.

Die Direktorin bereitet gerade ein Schulungsprogramm vor. Die Ausbilder aus der Stammbelegschaft kehren vorübergehend ins Haus zurück, um dem Berufsnachwuchs nahezubringen, was der im Alltag jetzt gar nicht kennenlernen, ausprobieren und verinnerlichen kann: Die Weinberatung am Restauranttisch steht unter anderem auf dem Programm, das korrekte Eindecken eines Tisches. Es geht um die Frage, was alles beim Wiederherrichten eines vermieteten Zimmers zu tun ist, und es geht um die Arbeit im Bankettbüro, das größere Festivitäten im Haus organisiert – wenn sie denn stattfinden dürften.

Abschlussprüfungen mit ausgefeilten Hygienekonzepten

Dass Ausbildungsinhalte in der Pandemie vielfach auf der Strecke bleiben, belegt eine Umfrage des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo vom Herbst 2020 für das Zeitarbeitsunternehmen Randstad. „In 72 Prozent der Unternehmen, die durch Corona von betrieblichen Einschränkungen betroffen waren, entstanden Lücken in der Wissensvermittlung für Auszubildende“, lautete das Fazit der Forscher nach der Befragung von Personalverantwortlichen in 1000 Unternehmen. Nur in der Hälfte der Fälle hätten die Wissenslücken wieder geschlossen werden können, und: „Fast ein Viertel der Unternehmen bescheinigte seinen Azubis bleibenden Nachholbedarf.“ Bei Hjalmar Stemmann, dem Präsidenten der Hamburger Handwerkskammer, wächst die Sorge. „Klar ist: Je länger der Lockdown dauert, desto mehr wird die Ausbildung in betroffenen Betrieben erschwert. Die bisher genutzten Alternativen, wie die Arbeit an Modellen, können den fehlenden Kundenkontakt nur für begrenzte Zeit ersetzen“, sagt er.

Mit der Arbeit an Kopfmodellen statt am Haar von Kunden oder eines Übungspartners behelfen sich derzeit wie schon im Frühjahr die Azubis und Ausbilder in den seit Mitte Dezember erneut geschlossenen Friseurbetrieben. „Eine Zeit lang hilft das schon weiter“, bestätigt Birger Kentzler, der Obermeister der Hamburger Friseur-Innung. Die Branche habe aber ein spezielles Problem: In den zumeist gut einsehbaren Salons dürfe überhaupt nichts stattfinden, was wie Berufsausübung aussieht, so Kentzler, auch keine Ausbildung. „Es ist schon vorgekommen, dass die Polizei aufgetaucht ist.“

Aus geschlossenen Ausbildungsbetrieben treten in diesen Tagen und Wochen zudem Hunderte Hamburger Azubis zu ihren Abschlussprüfungen an. Den theoretischen und schriftlichen Teil haben die meisten schon absolviert, die praktischen und mündlichen Prüfungen haben begonnen – mit ausgefeilten Hygienekonzepten. „Das ist für Auszubildende, Betriebe, Prüfer und auch für uns als Handelskammer eine große Herausforderung“, sagt Vizepräses Astrid Nissen-Schmidt. Beide großen Kammern in der Stadt betonen, dass sich an den Prüfungsanforderungen nichts geändert habe, einen Corona-Jahrgang 2021, der weniger kann und weiß, soll es nicht geben. Die Resultate der bisherigen Prüfungen seien nicht auffällig anders als in Nicht-Corona-Jahrgängen, heißt es in der für Ausbildungsfragen zuständigen Abteilung der Handelskammer.

Auszubildende übernehmen sogar mehr Verantwortung

„Ein bisschen aufgeregt bin ich schon“, sagt die künftige Hotelfachfrau Lisa Reese wenige Tage vor ihrer praktischen Prüfung. Sie ist eine von drei Azubis aus dem Mövenpick, die jetzt den Abschluss machen. Die 23-Jährige ist trotz der vielen Lockdown-Monate optimistisch. „Das Einzige, was ich im Sommer an der Rezeption nicht erlebt habe, ist die Ankunft einer großen Reisegruppe, aber das dürfte kein Problem sein.“ Sie sieht die Zwangspause im Hotel sogar eher positiv. „Es gab viel Zeit, um meine Fragen zu besprechen.“ Und an diesem Nachmittag hat Direktorin Bätjer Zeit für ein Übungs-Rollenspiel zur Auffrischung. Thema: Gespräch mit einem Gast, der sich beschwert. Könnte in der Prüfung drankommen.

Koch Giacomo Guadagno hat die Praxisprüfung schon hinter sich. Rund viereinhalb Stunden Zeit hatte er für die Zubereitung eines Drei-Gänge-Menüs für sechs Personen unter den Augen der Prüfer in der Berufsschulküche. Wolfsbarsch als Vorspeise, Hirschrücken für den Hauptgang, Birnen zum Dessert – das wusste er, daraus hat er seine Gerichte entwickelt. „Die Kollegen, die jetzt in Kurzarbeit sind, haben mich dabei super unterstützt und nach dem Probedurchlauf wertvolle Tipps gegeben“, sagt Guadagno. Im normalen Tagesbetrieb hätten die Kollegen dafür wohl weniger Zeit gehabt.

Lockdown hat für Auszubildende auch positive Effekte

Annette Bätjer sieht die Lockdown-Folgen für ihre Auszubildenden denn auch nicht ausschließlich als ein Problem, sie sieht auch Chancen. „Einerseits können wir bestimmte Inhalte nicht vermitteln, weil viele Bereiche geschlossen sind. Andererseits bleibt mehr Zeit, um auf die individuellen Bedürfnisse der Azubis einzugehen und Prüfungen intensiv vorzubereiten“, sagt sie. Und weil das Stammpersonal nicht da ist, würden die Auszubildenden nun mehr Verantwortung übernehmen und sehr viel häufiger selbst Entscheidungen treffen.

Auf ihre Abschlussnoten warten Lisa Reese und Giacomo Guadagno noch. Was die beiden Azubis mit ausführlicher Lockdown-Erfahrung jetzt schon wissen: Sobald sie ihr Abschlusszeugnis in der Hand haben, werden sie sich arbeitslos melden. Selbst für Berufsnachwuchs mit Spitzennoten gibt es in einem Hotel im Corona-Notbetrieb nichts zu tun und keinen Arbeitsplatz.

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft