Corona-Pandemie

Hamburger Unternehmer klagen über die Corona-Hilfen

Friseur Frank Köster darf in seinem Salon derzeit nicht arbeiten und fühlt sich bei den Finanzhilfen ungerecht behandelt.

Friseur Frank Köster darf in seinem Salon derzeit nicht arbeiten und fühlt sich bei den Finanzhilfen ungerecht behandelt.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

In vielen Firmen wird auf Geld vom Staat für geschlossene Betriebe gewartet. Handwerkskammer kritisiert schleppende Bearbeitung.

Hamburg. In normalen Zeiten steht Frank Köster in seinem Salon an der Binnenalster. Die Schere in der Hand, bedient er Kunden, schneidet und stylt. Doch der Friseur darf seit Mitte Dezember wegen der Corona-Zwangsschließungen nicht mehr arbeiten. Und nicht nur das, er fühlt sich ungerecht behandelt.

„Das Jahr 2021 stellt uns leider weiter vor große Herausforderungen“, sagt der Hamburger, der bereits im Frühjahr 2020 vom Lockdown betroffen war. Die staatlichen Finanzhilfen deckten weder den Unternehmerlohn ab, noch seine Krankenversicherung oder die betriebliche Altersvorsorge. „Vom entgangenen Gewinn mal ganz abgesehen“, sagt Köster. „Gerecht finde ich das nicht“.

Hohe Messlatten, Bürokratie-Dschungel und überlastete Behörden

Der Friseur ist nicht der einzige Unternehmer, der die Corona-Hilfen kritisiert. Auch von Reisebüros und aus dem Einzelhandel kommen Klagen über die staatliche Unterstützung in der Pandemie. Ihre Gemeinsamkeit: Die Politik verspreche, dass die Betriebe nicht allein gelassen würden. Doch die Möglichkeiten, ausreichend Geld zur Existenzsicherung zu bekommen, seien in Wirklichkeit begrenzt und die Hürden vielfältig: zu hoch angesetzte Messlatten für die Förderungsfähigkeit, ein Bürokratie-Dschungel und überlastete Behörden.

Als herausfordernd sehen insbesondere Mode- und Schuhgeschäfte ihre Situation. Der Handelsverband Nord verdeutlichte unlängst die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Der Einzelhandel insgesamt habe 2020 Überbrückungshilfen in Höhe von 90 Millionen Euro bekommen. „Der vom Lockdown betroffene Non-Food-Handel aber verzeichnete im selben Zeitraum 36 Milliarden Euro Umsatzminus durch Pandemie und Schließungen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Dierk Böckenholt, mit Blick auf die Geschäfte, die keine Lebensmittel verkaufen.

64 Prozent der Shops in norddeutschen Innenstädten sehen sich laut einer Umfrage in ihrer Existenz bedroht. Die schwierige Lage betrifft auch in Hamburg zahlreiche Geschäfte.Die Winterware, die derzeit nicht verkauft werden könne, sei im Frühjahr praktisch wertlos, sagt Andreas Bartmann, Geschäftsführer des Outdoor-Spezialisten Globetrotter. Zugleich benötigten die Kaufleute Geld, um die neuen Kollektionen zu bezahlen.

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„Wir leben auch von den Touristen“, ergänzt Silke Griebel, Geschäftsführerin von Secondella. Die Lage für ihr Secondhandgeschäft sei daher im November und Dezember schlimmer als etwa in der gut geförderten Gastronomie, denn auswärtige Besucher seien in der Stadt zuletzt ausgeblieben.

„Wenn die staatlichen Hilfen erst Ende März kommen, wie es die Länderchefs angekündigt haben, kann das Geld in vielen Fällen gleich an die Insolvenzverwalter fließen“, so Böckenholt. „Der da Stacheldraht in der Hose hat, ist unser Finanzminister“, kritisierte der Branchenfunktionär mit Blick auf Olaf Scholz (SPD). Es würden Milliardenhilfen in Aussicht gestellt, die aber nicht abgerufen werden könnten.

Hohe Rabatte vor Weihnachten sorgen für zu hohen Umsatz

Ein Modehändler erläutert, warum: Vor Weihnachten habe er mit hohen Rabatten zumindest etwas Umsatz machen können. Das habe nun den Nachteil, dass er keine Hilfe beantragen könne, da im Dezember 40 Prozent Umsatzminus zum Vorjahresmonat Voraussetzung seien für einen Antrag.

Eine andere Hürde beklagt Böckenholt für große Firmen wie etwa Ernsting‘s Family. Hilfen für Unternehmen mit mehr als 500 Millionen Jahresumsatz seien nicht vorgesehen. „Es handelt sich um ein inhabergeführtes Unternehmen. Dass hier keine Unterstützung greift, ist Willkür.“

Schwierig ist die Situation auch für Reisebüros. Christian Müller von CM-Reisen in Heimfeld hat immer wieder Briefe an Politiker geschickt, um auf die Misere aufmerksam zu machen: Kaum noch Buchungen und nach wie vor keine Perspektive. Die Kunden würden durch den Appell aus Berlin, möglichst zu Hause zu bleiben, von Ferienplanungen abgehalten.

Die Reisebüros müssten Mitarbeiter bezahlen, die in den vergangenen Monaten nur noch Stornierungen bearbeiteten, aber keine Umsätze generierten. „Wir haben monatelang für die Hilfen gekämpft“, sagt der Geschäftsführer von CM-Reisen. „Aber noch immer werden unsere Kosten nicht durch die Unterstützung gedeckt.“

Förderung inzwischen nur durch Profis für Steuern zu beantragen

Die Förderung ist inzwischen nur noch durch Profis für Steuern zu beantragen. „Wir erarbeiten die Anträge zur Überbrückungshilfe II“, sagt Steuerberaterin Anja Holzapfel, die jetzt viel mit der Corona-Unterstützung für Firmen beschäftigt ist. „Wir kommen kaum nach“, sagt die Hamburgerin. Mit Blick auf Reisebüros ist sie wenig optimistisch: „Ich befürchte, dass viele aufgeben müssen“.

Für Friseure wie Frank Köster ist auch die Überlastung der Behörden eine Erschwernis. „Die Novemberhilfen sind Ende November gestartet, die Dezemberhilfen Ende Dezember. Die Überbrückungshilfe III noch gar nicht. Rechnungen sind aber bereits Anfang eines Monats zu zahlen“, sagt Christiane Engelhardt, Sprecherin der Handwerkskammer Hamburg.

Selbst Abschlagszahlungen seien vielfach noch nicht angekommen. Kammerpräsident Hjalmar Stemmann kennt die Not der Betriebe: „Täglich rufen verzweifelte Kosmetiker und Friseure an, deren Rücklagen aufgebraucht sind. Die Kammer kann helfen, Anträge auf Finanzhilfe zu stellen“, sagt er. „Einfluss auf die Schnelligkeit der Zahlung haben wir leider nicht“.