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Hamburger Start-up bringt älteren Menschen Instagram bei

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Hanna-Lotte Mikuteit
Cross-Media-Studentin Monia Pichinot hat in Corona-Zeiten das Start-up "Bleibe Modern" gegründet, in dem sie Tutorials für die Instagram-Nutzung anbietet.

Cross-Media-Studentin Monia Pichinot hat in Corona-Zeiten das Start-up "Bleibe Modern" gegründet, in dem sie Tutorials für die Instagram-Nutzung anbietet.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

"Bleibe Modern" erstellt Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Gründerin Monja Pichinot war selbst Influencerin.

Hamburg. Dass Monja Pichinot mit 20 Jahren Unternehmerin geworden ist, hat auch mit ihrer Mutter zu tun. Schon mit 14 Jahren hatte sie angefangen, in den Sozialen Medien aktiv zu werden. Auf Instagram veröffentlichte die Schülerin ihre Fotos aus dem Fitness-Studio, in dem sie jobbte.

Schnell hatte die junge Fitness-Bloggerin damals mehrere tausend Internet-Nutzer (Follower) eingesammelt, über Produktvorstellungen verdiente sie sich zusätzliches Taschengeld.

„Meine Mutter hat mein öffentliches Leben ziemlich skeptisch gesehen und wollte verfolgen, was ich im Internet mache.“ Gar nicht so einfach, wenn man keine Ahnung von Instagram & Co hat. Also stellte sie ihrer Teenager-Tochter viele Fragen. Auch andere Familienmitglieder und Bekannte klopften an, um sich den Umgang mit dem Online-Dienst erklären zu lassen. „Schon damals habe ich gedacht, dass es einen Bedarf für ein professionelles Angebot gibt“, sagt sie.

Instagram: Schritt-für-Schritt-Anleitungen für den Einstieg

Inzwischen studiert Monja Pichinot Cross Media Production and Publishing am privaten SAE Institute in Hamburg – und hat aus der privaten Nachhilfe ein Geschäftsmodell gemacht. „Bleibe Modern“ heißt ihr Start-up, mit dem sie Schritt-für-Schritt-Anleitungen für den einfachen Einstieg in Instagram anbietet. „Gerade jetzt in der Corona-Zeit kann es wichtig sein, über digitale Kanäle zu kommunizieren“, sagt die Social-Media-Expertin.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitcom aus dem April 2020 nutzen drei Viertel der Befragten Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter seit Ausbruch des Virus intensiver. Allerdings ist das, was für die Generation der Digital Natives normal ist, mit zunehmendem Alter der Ausnahmefall.

Unter den monatlich etwa 25 Millionen Instagram-Nutzern in Deutschland sind nicht mal fünf Prozent über 50 Jahre alt. Das ist die Zielgruppe von Bleibe modern: Menschen, die keine oder wenig Erfahrungen mit der Nutzung der Facebook-Tochter haben. „Wir möchten jedem ermöglichen, soziale Netzwerke zu verstehen und ein Teil davon zu sein“, sagt Monja Pichinot.

Drei Produkte zum Einstieg mit Instagram

Die Studierende sitzt in einem der Produktionsräume des SAE-Instituts im zweiten Stock des Hochbunkers an der Feldstraße. Auf einem Tisch stehen zwei große Bildschirme, auf denen Pichinot die Homepage von Bleibe Modern geöffnet hat. Aktuell ist sie im dritten Semester, schon im nächsten Jahr will die junge Frau nach drei Jahren mit einer verkürzten Studiendauer ihren Bachelor-Abschluss in der Tasche haben. Ein ehrgeiziges Ziel. Vor allem, wenn man parallel noch ein Unternehmen aus der Taufe hebt. „Ich war immer mit Abstand die Jüngste“, sagt sie.

Im September hat sie mit Unterstützung ihres Freundes angefangen, ein Konzept für ihre Geschäftsidee zu entwickeln – während ihres Urlaubs im Harz. „Wir haben uns überlegt, dass wir erstmal mit digitalen Handbüchern starten, die genau erklären, wie man bei Instagram anfangen kann“, sagt Monja Pichinot. Aktuell bietet sie drei Produkte an: einen Einsteigerkurs, Fotos bearbeiten und posten und – für fortgeschrittene Nutzer – Stories. Das sind im Social-Media-Sprech kurze, zeitlich begrenzte Clips auf Social-Media-Kanälen, in denen über Fotos und Videos eine Geschichte erzählt wird.

Auf dem Bildschirm öffnet die 20-Jährige eine Seite aus dem Tutorial für die Erstellung von Instagram-Stories. „Jedes Kapitel startet mit einer Übersicht, um was es geht und was der Nutzer nach der Bearbeitung kann“, erklärt Pichinot. Sie ist für die Inhalte verantwortlich, ihr Freund, ein Betriebswirt, hat bei der technischen Umsetzung geholfen.

Monja Pichinot verwendet dabei vor allem deutsche Wörter

Wie poste ich ein Bild? Was ist ein Hashtag? Kann auf Instagram jeder meine Daten sehen? Für jeden einzelnen Schritt gibt es eine Visualisierung mit einem Bildschirmbild, dazu eine Erklärung. „Ich habe versucht, es so einfach und verständlich wie möglich zu halten“, sagt die Gründerin.

Dabei verwendet sie vor allem deutsche Wörter. Keine einfache Sache, weil es in der Technologie-Branche viele englische Fachbegriffe gibt. Auch über das Layout, die Farbauswahl und die Schriftgröße hat sich die Start-up-Unternehmerin viele Gedanken gemacht. „Die Handbücher sollen ja möglichst leicht zu lesen sein.“

Gut drei Monate nach dem Start waren die ersten drei Tutorials fertig. „Wir haben teilweise die Nächte durchgearbeitet“, sagt Pichinot. Eltern und Großeltern waren die Testleser. Inzwischen kann man die Handbücher im Online-Shop unter bleibe-modern.de kaufen. Die Preise liegen wischen 9,99 Euro und 14,99 Euro. „Wir haben uns erstmal gegen eine gedruckte Version entschieden. Es gibt einen Link, mit dem sich die PDF-Dateien ganz einfach herunterladen lassen“, sagt sie.

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Das größte Problem für die Jungunternehmerin ist im Moment, ihr Produkt bei älteren Nutzern bekannt zu machen. „Es waren schon mehrere Hundert Nutzer auf unserer Webseite, und es gab positive Resonanz“, sagt sie. Allerdings offenbar vor allem Menschen, die bereits bei Instagram unterwegs sind. „Wir haben bislang kaum was verkauft.“

Als Influencerin auf der Fashion Week in Berlin

Für Pichinot ist das Projekt aber auch eine Herzenssache. Sie kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts im Netz. 2017 war sie an einer Schilddrüsenüberfunktion erkrankt und musste ihren Instagram-Kanal als Fitness-Bloggerin aufgeben. Sie fing an, über Mode zu posten, baute sich eine neue Community auf und war auf dem besten Weg, als Influencerin Karriere zu machen.

Auf der Straße war sie für einen Werbespot für Hundefutter gecastet worden, kurz darauf wurde sie für den Test eines neuen Formats beim TV-Sender Pro7 ausgewählt und als Influencerin auf die Fashion Week nach Berlin eingeladen. Alles lief gut, bis Anfang 2019 ihr Instagram-Profil geklaut wurde. „Ich habe keine Ahnung, wer das war und warum“, sagt sie.

Instagram sperrte daraufhin den gekaperten Account – aber auch ihren. Von einem Tag auf den anderen war ihre virtuelle Präsenz verloren, eine Aufklärung scheiterte bisher. Heute sagt sie: „Ich kenne mich aus mit Instagram. Es geht mir darum zu zeigen, wie man den Online-Dienst richtig nutzt.“

Monja Pichinot möchte ihr Angebot ausweiten

Es gibt natürlich auch schon andere Anbieter. Bei der Suche im Internet findet man aber vor allem Vermarktungsstrategien für Menschen, die mit Instagram Geld verdienen wollen. Für den Privatgebrauch gibt es zudem kostenlose Kurzanleitungen, außerdem verschiedene YouTube-Videos zur Smartphone-Nutzung sowie Kursangebote etwa bei der Volkshochschule oder sozialen Trägern.

Monja Pichinot kann sich für die Zukunft vorstellen, Coachings anzubieten und Online-Kurse. „Das Unwissen ist immer noch groß“, sagt sie. Auch weitere Themen sind schon angedacht. Online-Banking, sicherer Online-Einkauf oder auch ein Leitfaden zur Einrichtung eines neuen Handys. Aber erstmal will sie ihren Abschluss machen. Für die Bachelor-Arbeit hat sie schon ein Thema: ihr Start-up Bleibe Modern.

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