Pandemie

Corona-Lockdown: Welche Branchen jetzt noch arbeiten dürfen

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Tobias Kisling und Beate Kranz
Masken auf der Arbeit: Kann der Chef darauf bestehen?

Masken auf der Arbeit: Kann der Chef darauf bestehen?

Das Arbeitsgericht in Siegburg sorgte mit einem Urteil nun für reichlich Aufmerksamkeit, denn es ging um das Thema Maskenpflicht auf der Arbeit. Kann der Chef oder Arbeitgeber wirklich darauf bestehen, dass Angestellte Masken tragen? Die Antwort gibt’s in unserem Video.

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Mindestens bis Ende Januar bleiben Geschäfte und Restaurants dicht. Ein Überblick, welche Branchen wie betroffen sind – und wo es hakt.

Berlin. Ersten Unternehmern reicht es. Seit Monaten haben Restaurants geschlossen, dürfen Hotels keine Touristen mehr empfangen. Die meisten Einzelhändler mussten ihre Geschäfte schließen. Und dies bleibt bis mindestens Ende Januar so. Manche Händler setzen nun auf Konfrontation.

Unter dem Hashtag #wirmachenauf fordern Kritiker des neuen Lockdowns in den sozialen Netzwerken, ab Montag die Läden wieder zu öffnen. Vorbild ist ein Sportartikelhändler in Bayern.

Udo Siebzehnrübl schreibt derzeit mit 100 Mitarbeitern Millionenverluste, bekommt aber nur 15.000 Euro Staatshilfe. Nun hatte er genug, wollte am kommenden Montag trotz Lockdown öffnen.

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Nachdem er für diese Ankündigung viel Applaus von Corona-Leugnern bekam, beendete der Intersport-Filialist seine Aktion. Auch Intersport distanzierte sich.

Klar aber ist: „Durch den staatlich angeordneten Hausarrest kippt die Stimmung in der mittelständischen Wirtschaft“, sagt Markus Jerger, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) unserer Redaktion. Der Druck auf die Wirtschaft wächst. Ein Überblick.

Gastronomie und Hotels

Restaurants bleiben geschlossen – mit Ausnahme des Außer-Haus-Verzehrs. Hotels dürfen nur Geschäftsleute beherbergen. Das reicht nicht, um die Läden profitabel zu betreiben. Viele Betriebe waren innerhalb des vergangenen Jahres schon fünf Monate geschlossen.

„Durch die Verlängerung des Lockdowns nimmt die Existenzgefährdung der Branche weiter zu“, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), Ingrid Hartges, unserer Redaktion.

Manche hätten bereits ihren Betrieb aufgegeben, zahlreiche Insolvenzen seien zu erwarten. Das betrifft den Italiener an der Ecke, könnte aber auch große Filialketten treffen. „Vieles hängt deshalb davon ab, wie schnell die November- und Dezemberhilfen ausgezahlt werden“, so Hartges.

Einzelhandel und Online-Händler

In keiner Branche liegen Gewinner und Verlierer so nah beieinander wie im Handel: Während Online-Händler während der Pandemie ihre Umsätze um 24 Prozent kräftig erhöhen konnten, verzeichneten Ladenbesitzer in Städten oder Einkaufszentren deutliche Umsatzeinbußen.

Insgesamt konnte die Branche 2020 laut Statistischem Bundesamt sogar ein Plus von 5,3 Prozent erzielen – der größte Zuwachs seit gut 25 Jahren.

Gut lief es im stationären Handel vor allem im Lebensmittelhandel, bei Drogerien, in Möbelhäusern und Baumärkten. Mode- oder Schuhhändler hatten dagegen das Nachsehen.

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Den Lockdown können jene am besten bewältigen, die neben ihrem Laden auch einen Online-Shop betreiben. Der Handelsverband Deutschland (HDE) fürchtet eine Pleitewelle im Handel, „wie wir sie noch nicht erlebt haben“, sagt der HDE-Geschäftsführer Stefan Genth.

Die staatlichen Hilfen reichten nicht annähernd für die Begleichung der Fixkosten. Erhalten hätten die Händler 90 Millionen Euro, gebraucht würden 12 Milliarden Euro.

„Wenn die Hilfen nicht angepasst werden, gibt es für viele Händler keine Zukunft mehr.“ Die Folgen werden künftig in verödeten Innenstädten sichtbar. Der Handel wünscht sich zudem Ausnahmen bei der Bewegungsfreiheit, um auch Waren im Click & Collect-Verfahren weiter verkaufen zu können.

Handwerk

Friseure, Kosmetikstudios, Massagepraxen: Sie allen bleiben dicht. „Das bedeutet, dass viele Betriebe in ihrer Existenz ernsthaft bedroht sind – ich befürchte eine Insolvenzwelle in unserem Handwerk in den nächsten Monaten“, sagte Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Friseurhandwerks.

Baumärkte bleiben geschlossen, dürfen aber in der Regel ein Abholsystem von telefonischen oder über das Internet bestellten Waren anbieten. Werkstätten, etwa für Autos oder Fahrräder, dürfen geöffnet bleiben.

Auch dürfen wohl mehrere Handwerker aus unterschiedlichen Haushalten weiter zu Kunden. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) teilte unserer Redaktion mit, dass nach Verbandseinschätzung Handwerker nicht von der Ein-Personen-Regel betroffen seien, da es sich nicht um private Zusammenkünfte handele.

Allerdings gebe es dazu noch keine Rechtskonkretisierung, die Einzelheiten müssten die Länder festlegen, so der ZDH.

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Industrie

Die Industrie kann weiterproduzieren. Im Gegensatz zum Frühjahr, als Lieferketten zusammenbrachen, läuft die Produktion. „Bei einem Schließen der Industrie würden Kosten und Nutzen in keinerlei Verhältnis stehen“, sagte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), unserer Redaktion.

Das produzierende Gewerbe trage ein Viertel zur Bruttowertschöpfung bei, die Gastronomie dagegen keine zwei Prozent.

Beim Verkauf ihrer Güter allerdings muss auch die Industrie zurückstecken: So bleiben beispielsweise auch geräumige Autohäuser geschlossen.

Dies gelte es zu respektieren, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), unserer Redaktion. „Jetzt zahlt sich aus, dass Händler und Hersteller bei der Präsentation und Konfiguration von Produkten seit langer Zeit digital sehr gut aufgestellt sind“, sagte Müller.

Dennoch sei die Situation schwieriger. Müller warnte, dass der Lockdown nicht dazu führen dürfe, dass bestellte und produzierte neue Fahrzeuge nicht ausgeliefert werden können. „Auch die Zulassungsstellen müssen normal weiter arbeiten, wie andere Bereiche der staatlichen Verwaltung auch“, mahnte die Autopräsidentin.

Staatshilfen

Eine Woche Lockdown kostet bis zu fünf Milliarden Euro, rechnet Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus Köln vor.

Immer wieder kündigte die Bundesregierung üppige Hilfen an. Für viele Unternehmen bleibt es bisher bei Versprechen. So kritisiert Dehoga-Chefin Hartges, dass viele Beträge bislang noch keinen Cent erhalten hätten.

Laut Hüther seien von den zugesagten 127 Milliarden Euro bisher nur rund 17 Milliarden Euro tatsächlich geflossen. „Die Aussage von Finanzminister Scholz, wir halten das finanziell lange durch, kann man zynisch zu beantworten: ja, weil das Geld nicht abfließt und daran auch kein Interesse besteht. Die Rettungspolitik ist mehr Erzählung und Propaganda als Realität“, sagte Hüther unserer Redaktion.

Auch Mittelstands-Geschäftsführer Markus Jerger ärgert sich: „Die bereits zugesagten Hilfen müssen zudem endlich ausgezahlt werden.“

Bis zum 10. Januar wollen Bund und Länder nun immerhin die Novemberhilfen auszahlen, erste Gelder aus der Dezemberhilfe fließen laut Bundeswirtschaftsministerium seit dieser Woche.

Für die weitaus weniger üppige Januarhilfe, die sogenannte Überbrückungshilfe III, die Fixkosten wie etwa die Miete erstattet, rechnet der Handelsverband frühestens mit einer Auszahlung im März.

Ringen um Arbeitsplätze und Lebensunterhalt

Gewerkschaften fürchten einen weiteren Stellenabbau, weil Unternehmen zunehmend existenziell bedroht sind. Verträge würden nicht verlängert, Menschen auf die Straße gesetzt.

Vor allem im Handel, der Gastronomie, in Hotels und im Tourismus befinden sich weiterhin Hunderttausende in Kurzarbeit. Mitarbeitern im Niedriglohnbereich reichen die gekürzten Bezüge oft nur schwer, um ihre Alltagskosten zu bestreiten.

Die Gewerkschaften Verdi und Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) fordern deshalb eine schnelle und stärkere staatliche Unterstützung für die Betroffenen.

„Wir fordern ein Mindestkurzarbeitergeld von 1200 Euro und eine Corona-Sofortnothilfe von einmalig 1000 Euro“, sagte der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler unsere Redaktion.

„Die Löhne von Kellnern oder Köchinnen sind ohnehin niedrig – das Kurzarbeitergeld reicht da auf Dauer einfach nicht.“ Insgesamt sind derzeit 2,7 Millionen Menschen arbeitslos – 480.000 mehr als im Vorjahr.

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