Verkehr

Hamburg macht Tempo bei Taxis mit Elektroantrieb

| Lesedauer: 7 Minuten
Heiner Schmidt
Free-Now-Deutschland-Chef Alexander Mönch prescht vor: Das Unternehmen zahlt bald einen Zuschuss für die Anschaffung von Elektrotaxis.

Free-Now-Deutschland-Chef Alexander Mönch prescht vor: Das Unternehmen zahlt bald einen Zuschuss für die Anschaffung von Elektrotaxis.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Vermittlungsdienst Free Now zahlt ab Januar 2400 Euro Kaufprämie. Die Branche rechnet zu Beginn 2021 mit Zuschuss von der Stadt.

Hamburg. Die Hochbahn beschafft nur noch Busse, die keine klimaschädlichen Abgase ausstoßen, schon seit fast zwei Jahren transportieren die vollelek­trischen Fahrzeuge von Moia und Ioki Passagiere in Hamburg – und beim Fahrdienstvermittler Uber können Kunden in der Hansestadt eine Fahrt im E-Mietwagen mit Chauffeur buchen. Hamburg gilt als Vorreiter bei der Umstellung von Verkehrsangeboten auf alternative Antriebsarten. Mit einer Ausnahme: Das Taxigewerbe hinkt in Sachen Elektromobilität weit hinterher. Der allergrößte Teil der knapp 3000 Wagen der elfenbeinfarbenen Flotte wird immer noch von Diesel- oder Benzinmotoren bewegt. Ausschließlich mit Strom aus der Batterie fährt dagegen nicht einmal eine Handvoll. Eine Statistik der Behörde von Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) weist derzeit genau vier vollelektrische Taxis in Hamburg aus.

Doch nun soll die Branche einen kräftigen Schub bekommen. Die Planungen der Stadt für ein Förderprogramm zur Elektrifizierung der Taxiflotte sind weit gediehen. Nach Informationen des Abendblatts wird voraussichtlich bereits im Januar oder Februar ein Konzept präsentiert, wie Hamburg die gut 2000 Taxiunternehmen bei der Anschaffung von E-Autos unter die Arme greift. Dass sie das tun wird, ist zwischen den Regierungsparteien fest vereinbart. Im rot-grünen Koalitionsvertrag steht der Satz: „Mit einem Förderprogramm soll die Umstellung der Hamburger Taxiflotte auf elektrischen Antrieb unterstützt werden.“

Free Now zahlt Hamburger Taxi-Unternehmen 2400 Euro Zuschuss

Dass die Stadt einen Zuschuss zahlen wird, will Dennis Heinert, der Sprecher der Verkehrsbehörde, auf Abendblatt-Anfrage nicht bestätigen. Aber in der Branche rechnet man fest damit. „Wenn Hamburg auf den Kaufzuschuss vom Bund noch etwas drauflegt, kann es losgehen mit der Elektrifizierung“, sagt Christian Brüggmann, der Vorsitzende der Taxen-Union Hamburg – und er betont: „Ich bin sicher, dass uns ein guter Deal und eine attraktive Förderung angeboten wird.“

Lesen Sie auch:

Beschlossen ist noch nichts, deshalb bleiben die offiziellen Statements zumeist im Ungefähren. Behördensprecher Heinert sagt: „Für die Verkehrsbehörde ist die Elektrifizierung der Taxiflotte ein wichtiges Thema. Hierbei sind wir seit Monaten intensiv im Gespräch mit vielen Beteiligten.“ Branchenverbände wie die Taxen-Union gehören dazu, Ladesäulenbetreiber, die Taxizentralen und -Vermittlungsplattformen.

Einer aus diesem Kreis prescht jetzt mit einem eigenen Förderprogramm vor. „Free Now zahlt Hamburger Taxi-Unternehmen ab Januar etwa 2400 Euro Zuschuss für die Anschaffung eines Elek­troautos“, kündigt Alexander Mönch, der Deutschlandchef der Vermittlungsplattform mit Sitz in der Hansestadt, gegenüber dem Abendblatt an. Das Unternehmen, das bis 2019 MyTaxi hieß und über seine Smartphone-App gebuchte Fahrten an einen Großteil der Taxi-Unternehmen in der Stadt vermittelt, will mit der Geldspritze die derzeit größte Hürde für die Firmen mit aus dem Weg räumen: den immer noch vergleichsweise hohen Preis eines E-Autos.

Mindestens 100 Elektrotaxis könnten schon im Herbst in Hamburg unterwegs sein

„Bei den als Taxi geeigneten und beliebten Modellen liegt der Unterschied zwischen herkömmlichem und Elektroantrieb bei 10.000 bis 15.000 Euro. Das können und wollen sich die meisten nicht leisten“, weiß Mönch. Zusammen mit der E-Autoförderung des Bundes von bis zu 9000 Euro könne der Zuschuss von Free Now ein Anreiz sein, es doch zu tun, hofft er.

Voraussetzung für die Auszahlung ist, dass auf dem neuen E-Taxi der Free- Now-Schriftzug prangt. Für solcherlei Werbung zahlt der Vermittler dem Taxiunternehmen für gewöhnlich 35 Euro pro Monat. „Wir stocken diesen Betrag voraussichtlich auf circa 100 Euro auf und zahlen ihn für zwei Jahre im Voraus aus“, sagt Mönch. Das Angebot sei Teil des gemeinsamen Projekts mit der Stadt, betont der Manager.

Die Beteiligten wollen es jetzt zügig starten, weil der für den Oktober geplante internationale Mobilitätskongress ITS näher rückt. Ob der stattfindet, steht wegen der Corona-Pandemie zwar auf der Kippe, doch wenn die Kongressbesucher aus aller Welt tatsächlich anreisen, sollen sie zumindest eine Chance haben, in einem Elektrotaxi vom Flughafen in die Innenstadt zu gelangen. „Mindestens 100“ davon könnten im Herbst bereits auf Hamburgs Straßen unterwegs sein, sagen Mönch und Behördensprecher Heinert.

Die Pandemie hinterlässt tiefe Spuren im Taxigewerbe

Christian Brüggmann von der Taxen-Union hält das ebenfalls für realistisch. „Das Interesse der Unternehmen an Elektromobilität ist in jedem Fall da“, sagt er. Obwohl die Branche eigentlich gerade ganz andere Sorgen hat. Die Pandemie hinterlässt tiefe Spuren im Taxigewerbe und zwingt immer mehr Unternehmer zum Aufgeben. Die Zahl der Taxi-Konzessionen in Hamburg ist im Dezember auf unter 3000 gefallen, zudem werden Hunderte Konzessionen vorübergehend nicht genutzt. Tatsächlich sind nur etwa 2600 bis 2700 Wagen in der Stadt unterwegs, schätzt Brüggmann. Manche Unternehmen kommen mit nur 30 Prozent Umsatzeinbuße noch vergleichsweise glimpflich davon, bei anderen sind zwei Drittel der Einnahmen weggebrochen.

„Das gesamte Jahr war für die Branche und für uns als Vermittler katastrophal“, sagt Free-Now-Chef Mönch mit Blick auf die vom Unternehmen vermittelten Fahrten. Während des ersten Lockdowns im März brach deren Zahl zeitweise um rund 90 Prozent ein, ab November lag das Minus bei etwa 30 Prozent. Wie stark die Einbußen im zweiten harten Lockdown sein werden, ist noch unklar. Ein anderes E-Auto-Vorhaben von Free Now jedenfalls wurde durch Corona bereits gestoppt. Vor einem Jahr hatte Mönch den Aufbau einer Flotte von elektrisch angetriebenen Mietwagen in Hamburg angekündigt, ein Partnerunternehmer werde 60 Tesla anschaffen, hieß es damals. „Wegen der Pandemie ist es dazu nicht gekommen. Noch nicht, die Flotte ist für 2021 in Planung“, sagt Mönch.

„Wie intensiv das Förderprogramm angenommen wird, hängt natürlich von der weiteren Entwicklung der Pandemielage ab“, sagt Taxi-Funktionär Brüggmann. Zugleich ist er überzeugt, dass ein hoher Kaufzuschuss insbesondere Un­ternehmen mit einer großen Fahrzeugflotte dazu bewegen wird, ihre ältesten Dieselmodelle auszumustern und neue Elektrotaxis anzuschaffen. „Sicher wird nicht gleich die ganze Flotte ausgetauscht, sondern zunächst ein, zwei Wagen, um den neuen Antrieb in der Praxis zu erproben.“

Bis zum Jahr 2030 soll die gesamte Taxiflotte in der Stadt auf Elektroantrieb umgestellt sein

Tatsächlich sind der Anschaffungspreis und die Branchenkrise nicht die einzigen Hürden. Die Firmen wollen Sicherheit haben, dass die E-Taxis zwischendurch aufgeladen werden können. Möglichst schnell und verlässlich und ohne, dass der Fahrer lange nach einer freien Ladesäule suchen muss. Auch die Ladesäuleninfrastruktur sei ein wichtiges Thema in der Vorbereitungsphase, heißt es in der Verkehrsbehörde. Im Gespräch sind unter anderem Ladesäulen, die ausschließlich von Taxis genutzt werden dürfen.

Wie das Förderprogramm der Stadt im Detail aussehen wird, wann genau es startet, das bleibt vorerst zwar unklar. Was Hamburg sich für die Branche vorgenommen hat, ist aber im Klimaplan festgeschrieben: Bis zum Jahr 2030 soll die gesamte Taxiflotte in der Stadt auf Elektroantrieb umgestellt sein.

Hier können Sie den täglichen Corona-Newsletter kostenlos abonnieren

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft