Gerüstet für die Zukunft?

Handelskammer: „Hamburg muss raus aus der Komfortzone“

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Wolfgang Horch
Stehen für „Hamburg 2040“: Hauptgeschäftsführer Malte Heyne (l.) und Präses Norbert Aust in der Hamburger Handelskammer.

Stehen für „Hamburg 2040“: Hauptgeschäftsführer Malte Heyne (l.) und Präses Norbert Aust in der Hamburger Handelskammer.

Foto: Marcelo Hernandez

Wirtschaftsvertretung stellt Leitlinien für neue Standortstrategie für 2040 vor. Hafen soll Testlabor für modernen Güterverkehr werden.

Hamburg. Am ersten Tag des harten Lockdowns in Deutschland startete der Handelskammer-Präses bewusst in der Gegenwart. „Das ist vielleicht der wichtigste Tag bei der Bekämpfung der Pandemie“, sagte Norbert Aust am Mittwoch in der Handelskammer, auch angesichts der Höchstzahl an Corona-Toten in Deutschland.

Viele Händler hätten Existenzängste, die von der Politik versprochenen Hilfen müssten schnell gezahlt werden. Eine langfristige Strategie sei in der Corona-Krise notwendig, Impfungen müssten möglichst noch dieses Jahr beginnen. „Klar ist: Die Stadt wird sich verändern. Die Gesellschaft hat sich schon verändert“, sagte Aust. „Wir brauchen einen Blick in die Zukunft“ – und das war auch der Grund für die Veranstaltung.

Ist Hamburg nicht gut auf die Zukunft vorbereitet?

Die Kammer stellte ihre Leitlinien der Standortstrategie „Hamburg 2040“ vor. Knapp 3200 Mitglieder und mehr als 70 Experten wurden dafür befragt. Das Ergebnis: Die Hansestadt müsse innovativer, dynamischer und wettbewerbsfähiger werden, sagte Hauptgeschäftsführer Malte Heyne. „Zwei Drittel der befragten Unternehmer halten Hamburg für nicht ausreichend auf die Zukunft vorbereitet.“

Grundsätzlich sei die Basis der Stadt zwar gut, aber sie verharre zu sehr in der Komfortzone und sei zu zufrieden mit dem Status quo. Durch die Corona-Krise seien strukturelle Probleme verschärft worden. Wichtige Branchen wie Handel, Hafen und Luftfahrt kämpften mit diversen Schwierigkeiten. Daher müsse jetzt das Signal für Aufbruch und Veränderung gestellt werden, so Heyne. „Die Leitmaxime im Jahr 2040 muss sein: Wer Ideen hat, kommt zur Umsetzung nach Hamburg.“

Ziel: Hamburg als wirtschaftliches Zentrum Nordeuropas

Damit das gelinge, soll sich die Hansestadt eine Reihe von Zielen setzen. „Wir müssen Integrationsmotor für Norddeutschland werden und uns als wirtschaftliches Zentrum für Nordeuropa begreifen“, sagte Heyne. Um das zu erreichen, brauche man eine starke weltweite Vernetzung und müsse über die Grenzen der Bundesländer hinaus denken, also mit den Nachbarländern kooperieren.

Um innovativer zu werden, solle man sich auf Schwerpunkttechnologien konzentrieren wie Wasserstoff, Künstliche Intelligenz und 3D-Druck. Bisher gebe es nur wenige Leuchtturmprojekte mit internationaler Strahlkraft wie zum Beispiel das DESY. Die Zahl der Patente sei in Bayern und Baden-Württemberg viermal so hoch wie im gesamten norddeutschen Raum. Der Innovations- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft müsse daher verstärkt und die Gründung von Start-ups finanziell besser gefördert werden, sagte Heyne. „Wenn wir das nicht wahrnehmen, wird das auch Folgen für den Wohlstand und die Lebensqualität in unserer Region haben.“

Hamburg müsse klimaneutral und zur 15-Minuten-Stadt werden

Neben wirtschaftlichen Forderungen wurden auch gesellschaftliche Ziele formuliert. Bildung müsse als lebenslange Aufgabe verstanden werden, die für alle zugänglich sei. Dadurch werde die internationale Anziehungskraft für Fachkräfte und Firmen gestärkt.

Hamburg müsse bis 2040 klimaneutral und in Europa eine Metropole des nachhaltigen, grünen Lebens werden. Die Hansestadt solle wie Paris zu einer 15-Minuten-Stadt werden. „Ziele wie Einkaufen, Grünflächen, Behörden, Schulen oder ärztliche Versorgung sind dank der Mobilität und Digitalisierung in 15 Minuten zu erreichen“, so Heyne: „Dies erhöht die Lebensqualität und verringert den Verkehr.“ Gewerbe müsse man enger mit attraktivem Wohnraum verzahnen.

Mit Lufttaxis könnte sich Mobilität radikal verändern

Bei der Mobilität müsse die Hansestadt Vorreiter werden. Das gelte zum einen für den Hafen, der sich zum Testlabor für Güterverkehre entwickeln solle. Diese müssten digital gesteuert werden, Künstliche Intelligenz nutzen und dadurch später Treiber der industriellen Entwicklung der Stadt sein. Dies gelte auch für die Innenstadt. Diskussionen um Autofreiheit und Fahrradverkehre würden 2040 keine Rolle mehr spielen. Vielmehr sei entscheidend, was man mit den Parkplätzen mache, die nicht gebraucht würden, so Heyne. „Es gibt so viele dynamische Entwicklungen im Bereich Mobilität wie Lufttaxis, die bereits in Dubai und Singapur in den nächsten Jahren an den Start gehen. Das wird unsere Mobilität radikal verändern.“

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