Pandemie

Yoga online – der Trend in Corona-Zeiten

Henrike Fröchling hat YogaEasy 2009 gegründet. Mittlerweile findet man auf der Online-Plattform mehr als 1000 Yoga- und Meditationsübungsvideos.

Henrike Fröchling hat YogaEasy 2009 gegründet. Mittlerweile findet man auf der Online-Plattform mehr als 1000 Yoga- und Meditationsübungsvideos.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Das Hamburger Online-Studio YogaEasy erlebt im Lockdown einen Ansturm. Aber auch kleine Studios wechseln in den Digitalmodus.

Hamburg.  Wenn der Terminkalender es zulässt, rollt Henrike Fröchling nach dem Aufstehen als Erstes ihre Yogamatte aus. Um 7 Uhr startet sie ihr Übungsprogramm. Dafür muss die Geschäftsführerin von YogaEasy nur ihr Tablet mit dem eigenen Angebot einschalten. Sonnengruß, Heraufschauender Hund, Lotussitz – die Auswahl bei Deutschlands führendem Online-Yogastudio ist riesig. „Mir geht es gut, wenn ich mich morgens ordentlich bewege und so richtig ins Schwitzen komme“, sagt die 53-Jährige. Dann kann der Tag beginnen. Im Moment verbringt sie viel Zeit in der Zentrale ihres Unternehmens in Winterhude.

Seit im Zuge der Corona-Pandemie die Yogastudios Anfang November zum zweiten Mal in diesem Jahr schließen mussten, hat die Nachfrage nach digitalen Übungsangeboten deutlich zugenommen. „Schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr hatten wir 50 Prozent mehr Neukunden als normalerweise“, sagt Fröchling. Inzwischen hat YogaEasy bundesweit mehr als eine halbe Million Nutzer. Tendenz steigend.

Corona bringt noch mehr Menschen auf die Matte. „Wir beobachten, dass Yoga gerade jetzt für viele das Richtige ist, um sich zu bewegen und um eine Kraftquelle zu finden, die Entspannung und innere Kraft bringt“, sagt Jessica Fink vom Bundesverbands der Yogalehrenden in Deutschland (BDY). Genaue Zahlen gibt es nicht. Nach der aktuellsten BDY-Studie praktizierten 2018 mehr als vier Millionen Deutsche regelmäßig ihre Asanas, was in der Yogasprache Körperübung heißt.

Yoga lässt sich besonders gut im heimischen Wohnzimmer üben

Die positive Wirkung regelmäßiger Praxis auf Körper und Seele ist allgemein anerkannt, wissenschaftlich nachge­wiesen – und sogar krankenkassenfähig. Dutzende Studios mit unterschiedlichen Schwerpunkten wurden in den vergangenen Jahren neu eröffnet, Fitnesscenter und Sportvereine haben ihre Angebote um Yogastile von slow bis flow erweitert. Und auch Hamburg, möchte man manchmal meinen, macht „Om“.

Dabei wechseln viele Anhänger der aus Indien stammenden Lehre offenbar problemloser in den Online-Modus als manch andere Branchen. Yoga@home ist inzwischen millionenfach geübte Praxis – und Corona beschleunigt den Trend gerade ziemlich. Kaum ein Yogalehrender, der während des Lockdowns sein Kursprogramm nicht auch in Live-Sessions oder aufgezeichneten Videos vermittelt. Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, aber auch weil Yoga sich besonders gut im heimischen Wohnzimmer üben lässt. „Man braucht keine Geräte, nur eine Matte, eine gute Anleitung und einen ruhigen Raum“, erklärt Verbandssprecherin Fink die Entwicklung.

2009 ging das erste deutsche Online-Yogastudio an den Start

Vor elf Jahren, als YogaEasy-Gründerin Henrike Fröchling eine Möglichkeit suchte, zu Hause Yoga zu machen, war das noch ganz anders. Die Hamburgerin, die die Online-Partnervermittlung Parship mitaufgebaut hatte, wollte damals eigentlich nur etwas gegen ihre Rückenschmerzen tun. Weil sie mit kleinem Kind und einem Job als Anzeigenchefin einer Hamburger Wochenzeitung zu wenig Zeit für regelmäßige Trainingsstunden hatte, war sie auf der Suche nach einer Übungs-DVD. „Ich hatte keine Ahnung von Yoga“, erinnert sich die Managerin.

Bei der Recherche stieß sie auf die ersten Online-Angebote aus den USA. „Es war wie ein Flash. Ich wusste, das ist meine Geschäftsidee“, so die Gründerin. Sie kündigte ihren Job und machte ein Konzept, mit dem sie Geldgeber ins Boot holte. Für die Inhalte gewann sie Experten aus der Szene, wie die bundesweit bekannte Yoga-Lehrerin Anna Trökes. 2009 ging das erste deutsche Online-Yogastudio mit gut zehn Videos an den Start.

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Es gibt 50 Trainingsprogramme für alle Niveaus

Heute sind auf der Plattform mehr als 1000 Yoga- und Meditationsübungsvideos vom traditionellen Hatha-Yoga bis zu den neusten Trends aus der ganzen Welt. Es gibt 50 Trainingsprogramme für alle Niveaus mit Schwerpunkten wie Rücken, Detox, Ayurveda oder Sommerfigur. Mehr als 50 erfahrene und einflussreiche Yogalehrer sind bei YogaEasy vertreten. Für die aufwendigen Videos in unterschiedlichen Längen ist ein professionelles Team verantwortlich, gedreht wird vor Alpenkulisse in Schloss Elmau, an einsamen Stränden am Mittelmeer und in stylischen Yoga-Hotels.

„Anfangs gab es auch Vorbehalte in der Szene“, sagt Gründerin Fröchling. „Viele konnten sich nicht vorstellen, wie Yoga ohne Lehrer gehen soll.“ Deshalb habe sie mit YogaEasy von Anfang an die Nähe zu den Studios gesucht. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.“ Viele YogaEasy-Kunden trainierten ein- bis zweimal in der Woche in ihrem Studio und zusätzlich online über das Angebot der Plattform. Inzwischen, so die Geschäftsführerin, „sind wir schon so etwas wie das Epizentrum der deutschen Yoga-Szene“.

Im vergangenen Jahr hat die Plattform Millionenumsätze eingefahren

Auch kommerziell ist YogaEasy eine Erfolgsgeschichte. Von Anfang an lief das Geschäft mit Wachstumsraten zwischen 25 und 30 Prozent. „Wir waren im dritten Jahr profitabel“, sagt Henrike Fröchling. Die Mitgliedschaft kostet im Jahr 130 Euro, den Monatspass gibt es ab 16 Euro. Das ist deutlich günstiger als in jedem Studio. Im vergangenen Jahr hat die Plattform Millionenumsätze eingefahren und beschäftigt aktuell mehr als 30 Mitarbeiter. Kern ist ein internationales Team von Software-Entwicklern und Digitalexperten. Die Yogalehrer, alle geprüft, verdienen über die Drehs und die Zahl der Video-Views teilweise „substanzielle Beträge dazu“.

Auch das trägt zum guten Standing des Online-Angebots bei. „In Deutschland sind wir führend“, sagt Fröhling, aber es drängten immer mehr internationale Anbieter auf den Markt. Es gibt zahlreiche Apps, Blogs und Tutorials, die auf YouTube millionenfach geklickt werden. „Da müssen wir uns behaupten“, so die Gründerin, die nach wie vor auch Mehrheitsgesellschafterin ist. Die Mediengruppe Klambt war 2015 mit einer Minderheitsbeteiligung eingestiegen.

Studio Tribe Yoga Base hat auch ein Online-Angebot

Reine Lehre, das war gestern. Yoga, längst aus der Nische von Esoterik und Spiritualität herausgewachsen, ist auch ein milliardenschwerer Markt und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. So mancher Alt-Yogi fragt sich, was aus den traditionellen Idealen der Bescheidenheit geworden ist. Allein für die Suchanfrage Yoga Hamburg findet Google im Bruchteil einer Sekunde 35 Millionen Einträge. Insider schätzen die Zahl der Studios in der Elbmetropole auf mehr als 200. Aktiv sind vor allem Frauen, aber auch immer mehr Männer gehen auf die Matte. Dazu kommt ein ganzer Wirtschaftszweig mit Bekleidung und Accessoires für die Yoga-Community. Und ein Ende des Hype ist nicht in Sicht. Aber möglicherweise ein Wandel.

Laura Feindt hat ihr Studio Tribe Yoga Base vor eineinhalb Jahren eröffnet. Ein großer Raum in einem Ladengeschäft in Eimsbüttel, das schon Fahrradgeschäft und Hippie-Café war. Es gibt viel Holz und helle Farben. An einer kleinen Theke kann man Yogi-Tee und vegane Kuchen bestellen. Für die Yogalehrerin war der Lockdown im Frühjahr erst mal ein ziemlich Schock. Von einem Tag auf den anderen musste sie schließen, die Einnahmen brachen ein. „Wir haben direkt auf Online-Angebot umgestellt, ohne einen Tag Pause“, sagt die 33-Jährige, in deren Studio 20 Yogalehrer unterrichten. Die Umstellung lief problemlos. Auch als das Studio Ende Mai mit reduzierten Gruppengrößen wieder öffnen durfte, liefen die digitalen Übungsstunden parallel weiter. „Beim zweiten Lockdown Anfang November konnten wir nahtlos weitermachen.“

Wettbewerb für YogaEasy wird härter

Jeden Tag gibt es vier bis sechs virtuelle Yoga-Klassen in der Tribe Yoga Base. Für Mitglieder ist das Online-Angebot in der Monatsgebühr von 88 Euro enthalten. Es gibt aber auch Einzel­tickets (12 Euro) und Zehnerkarten (89 Euro). Inzwischen klicken sich auch Yoginis aus Wien, Düsseldorf oder Köln in die Stunden mit Schwerpunkt dynamischem Vinyasa Flow und Budokon Yoga mit Kampfsportelementen. Vor allem die Morgenklassen sind gut besucht. „Wir haben finanzielle Einbußen, aber wir kommen durch“, sagt Laura Feindt, die studierte Gesundheitswissenschaftlerin ist und lange bei der Techniker Krankenkasse gearbeitet hat. Sie kann sich gut vorstellen, das aktuelle Online-Angebot auch nach der Krise anzubieten. „Das ist ein neuer Markt für uns als kleines Studio“, sagt sie.

Für YogaEasy, den Wegbereiter auf dem deutschen Online-Yoga-Markt, wird der Wettbewerb durch die neuen Angebote härter. „Wir bieten jetzt auch 14 Live-Yogastunden pro Woche an“, sagt Gründerin Henrike Fröchling. Zusätzlich haben die Hamburger spezielle Programme für Senioren und Familien gestartet. Mit Made@home wurde eine Möglichkeit für Yogalehrer geschaffen, selbst produzierte Videos auf die Plattform zu stellen. Trotzdem will Fröchling nicht von einer Kannibalisierung sprechen. „Es geht letztlich um mehr Lebensglück durch Yoga“, sagt die Unternehmerin. „Durch die steigende Zahl an Online-Angeboten haben mehr Menschen die Chance, Yoga in ihren Alltag zu integrieren.“ Bei ihr hat das in den vergangenen Jahren geklappt. Jetzt plant sie den nächsten Schritt: Sie will in den nächsten Jahren eine onlinebasierte Yoga-Ausbildung aufbauen.