Corona-Krise

Kino-Chef: 7,5 Millionen Euro Verlust – 50.000 Euro Hilfe

Der Lichtspielhaus-Unternehmer Hans-Joachim Flebbe sitzt in der Astor Film Lounge in der HafenCity.

Der Lichtspielhaus-Unternehmer Hans-Joachim Flebbe sitzt in der Astor Film Lounge in der HafenCity.

Foto: Michael Rauhe

Hans-Joachim Flebbe (Astor, Savoy) sieht die Kinos als Bauernopfer in der Pandemie. Staatshilfen erhält er kaum. Warum?

Hamburg. „Ich sitze hier in einem leeren Kinosaal. Das tut mir in der Seele weh“, sagt der Hamburger Lichtspielhaus-Unternehmer Hans-Joachim Flebbe während des Telefonats mit dem Abendblatt. Für seine bundesweit acht Kinos, darunter die Astor Film Lounge in der HafenCity sowie das Savoy am Steindamm, ist das seit Beginn der Pandemie jedoch fast der Normalfall. Insgesamt fünf Monate lang waren alle Filmtheater auf behördliche Anordnung hin geschlossen – auch jetzt im November wieder. Zwischendurch durften sie zweieinhalb Monate lang öffnen, wobei die Auslastung wegen der Abstandsregeln aber maximal 25 Prozent betragen konnte.

Genau für solche Betriebe, denen ihre Geschäftstätigkeit aufgrund der Infektionsschutzbestimmungen untersagt wurde, haben Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Juni ein Überbrückungshilfen-Paket im Volumen von 25 Milliarden Euro vorgestellt. „Unbürokratisch“, wie es damals hieß, wollte man betroffenen Mittelständlern mit je 150.000 Euro unter die Arme greifen.

„Die Regeln für die Bundes-Hilfe sind eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“

Für Flebbe jedoch blieb das reine Theorie. Zwar erfüllt jedes einzelne seiner acht Kinos, die jeweils als eigene Firma auftreten, die Voraussetzung von mindestens 60 Prozent Umsatzrückgang wegen der Pandemie. Doch nur ein Bruchteil des Unterstützungsbetrags ist bei Flebbes Betrieben angekommen. „Rein rechnerisch hätten wir 1,2 Millionen Euro erhalten können“, sagt er. „Selbst das hätte den Verlust von 7,5 Millionen, der seit März – trotz des Kurzarbeitergelds – aufgelaufen ist, nicht annähernd ausgeglichen.“ Aber tatsächlich seien aus dem Topf der Soforthilfen nur weniger als 50.000 Euro gezahlt worden.

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Wie Flebbe erklärt, hat das einen rein formalen Grund: Weil die Geschäftsführungen seiner acht Kinofirmen identisch sind, wird er so behandelt, als habe er nur ein einziges Filmtheater. „Aus meiner Sicht ist das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“, sagt er. Nicht nur er, sondern auch andere Mittelständler der Branche hätten durch diese Regelung „ein massives Problem“.

So sind aus dem im Frühjahr von der Bundesregierung angekündigten 25-Milliarden-Euro-Hilfspaket insgesamt gerade einmal 1,2 Milliarden Euro abgeflossen. „Die Unternehmen kommen an das Geld einfach nicht heran, weil die Kriterien für den Bezug der Soforthilfe fragwürdig und realitätsfremd sind“, sagt Flebbe. „Offenbar spielt EU-Recht dabei eine Rolle, das für diese Entschädigungszahlungen aber gar nicht relevant ist.“

Hunderte von Jobs in der Kino-Gruppe sind schon verloren gegangen

Dass der Kinounternehmer vom Bund nicht einmal die vollen 150.000 Euro für ein einziges seiner Premium-Filmtheater erhielt, liegt daran, dass Unterstützungen aus Bundesländerprogrammen gegengerechnet wurden. „Hier in Hamburg haben wir für das Savoy und das Astor je etwa 90.000 Euro bekommen“, so Flebbe. „Aber diese Hilfen ersetzen nicht die Entschädigung, die wir vom Bund erwartet haben.“

Dabei würde Flebbe am liebsten ohne Staatshilfen auskommen: „Wir wollen uns eigentlich selber helfen. Doch das dürfen wir nicht, weil wir die Kinos ja geschlossen halten müssen.“ Das hatte bereits erhebliche Folgen für die Beschäftigung: Die Mitarbeiterzahl von zuvor 650 Personen ist um die Hälfte geschrumpft, weil befristete Verträge nicht verlängert werden konnten und weil Mitarbeiter sich einen neuen Job gesucht haben.

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Doch selbst wenn die Pandemie bald überwunden werden sollte, wird sie für Flebbes Unternehmen nach seiner Einschätzung zumindest mittelfristig auch Nachwirkungen haben: „Wir haben einen KfW-Hilfskredit aufgenommen. Das hat uns geholfen, die Liquidität zu sichern, wird aber dazu führen, dass wir in den nächsten Jahren nichts verdienen, sondern den Kredit zurückzahlen müssen.“ Zudem werde es in der Branche schwerer, an zugkräftige Filme zu kommen. „Mittlerweile geben die Produzenten und Verleiher neue Kinofilme immer häufiger an Streaming-Dienste, weil die Kinos entweder geschlossen sind oder nur mit geringer Auslastung geöffnet haben dürfen.“ Gerade Premium-Lichtspielhäuser haben dennoch eine Zukunft, glaubt Flebbe: „Guter Service, technische Perfektion und das Gemeinschaftserlebnis lassen sich nicht durch einen Netflix-Abend ersetzen.“

Flebbe hofft, wenigstens am 15. Dezember wieder öffnen zu dürfen

Sein eigenes Unternehmen sieht er ohnehin nicht akut in Gefahr: „Wir werden Corona überleben und nicht an der Pandemie zugrunde gehen, weil wir Reserven angesammelt haben und uns unsere Vermieter entgegengekommen sind.“ Trotzdem regt sich Flebbe über den Umgang der Bundesregierung mit seiner Branche generell auf. „Kinos und Theater sind sinnlose Bauernopfer in einem Ränkespiel um Kontaktbeschränkungen“, sagt er mit Blick auf die Schließungsanordnungen. „Offenbar meint man, auf uns verzichten zu können – anders als etwa auf den Einzelhandel, der wesentlich mehr Kontakte erzeugt.“

Ein Herunterfahren von kulturellen Angeboten kann nach Auffassung des Unternehmers kaum einen sinnvollen Beitrag zur Reduktion der Neuinfektionen leisten. Flebbe führt dazu ein Rechenbeispiel an: „In allen Hamburger Kinos zusammen hätte es im ganzen Monat November unter den geltenden Abstandsregeln höchstens etwa 200.000 Besuche gegeben – und das unter kontrollierten Bedingungen.“ Eine Kontaktverfolgung sei wegen des Buchungssystems ganz einfach. „Am Hauptbahnhof aber begegnen sich an jedem einzelnen Tag mehr als 500.000 Menschen auf engem Raum“, so Flebbe.

Er hofft nun, dass seine Kinos wenigstens am 15. Dezember wieder öffnen und über Weihnachten spielen dürfen. Schließlich sei die Vorweihnachtszeit die Hauptsaison der Branche, sagt er. „Vor allem aber wollen wir zeigen, dass wir noch da sind.“