Sport und Corona

Personal Trainer sind erneut zum Nichtstun verdammt

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Hanna-Lotte Mikuteit
Inken Ross und Arlow Pieniak dürfen derzeit in ihrem Studio Work It nicht arbeiten.

Inken Ross und Arlow Pieniak dürfen derzeit in ihrem Studio Work It nicht arbeiten.

Foto: Andreas Laible

Hamburg verbietet 300 Beschäftigten in der Pandemie wieder die Ausübung ihres Berufs. Die reagieren mit Unverständnis.

Hamburg. Michael Mayer hat einen Beruf, in dem die richtige Haltung kein Selbstgänger ist. Er ist bei Foto- und Filmproduktionen für Make-up und Haare zuständig. „Da muss ich oft gebeugt stehen“, sagt er. Die Folge: eine rheumatische Erkrankung mit wiederkehrenden Schmerzen. Der 33-Jährige hat schon vieles probiert, war auch bei der Krankengymnastik. Ohne anhaltenden Erfolg. Besser wurde es im Sommer, nachdem der Deutsch-Südafrikaner das Personal-Training-Studio Work It entdeckt hatte. „Wenn ich regelmäßig hingehe und die Übungen mache, geht es mir deutlich besser“, sagt er. Doch seit das Studio in Eppendorf Anfang November wegen des zweiten Corona-Lockdowns schließen musste, sind die Trainingsstunden ausgesetzt – und die Schmerzen zurück. „Ich verstehe das nicht“, sagt Mayer ärgerlich. „Es geht um ein Training, bei dem ich individuell von einem Trainer betreut werde. Warum ist es nicht möglich, das weiterzumachen.“

Wie schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr werden die Studios von Personal Trainern in Hamburg der Kategorie private und öffentliche Sportstätten zugeordnet. Nachdem sie Ende Mai zu den letzten Einrichtungen gehörten, die wieder öffnen durften, gehören sie wie Fitnessstudios, Schwimmbäder und Sporthallen jetzt zu den Ersten, die wieder geschlossen sind. „Damit haben wir nicht gerechnet. Als die Ankündigung des Senats kam, war das für uns ein Schock“, sagt Arlow Pieniak, der mit seiner Frau Inken Ross seit 2012 das Studio Work It in einem Hinterhof an der Geschwister­-Scholl-Straße betreibt. Besonders bitter für das Unternehmerpaar: In den vergangenen Wochen war die Nachfrage deutlich gestiegen. „Im Homeoffice­ kämpfen viele mit Rücken- und Nackenproblemen und suchen nach einem persönlichem und kontaktarmen Trainingsangebot“, sagt der 43-Jährige.

Umkleide gesperrt und Lüftungsintervalle erhöht

In den beiden Trainingsräumen im ersten Stock einer ehemaligen Wäscherei stehen diverse Sportgeräte wie Langhanteln, auf einer Bank liegen schwere Medizinbälle und Gewichte. Das ultimative Sixpack spielt in dem kleinen Studio eher selten eine Rolle. „Der Großteil unserer Kunden kommt mit konkreten Beschwerden“, sagt Inken Ross, die im Familienbetrieb mit acht Mitarbeitern für Organisation und Finanzen zuständig ist. „Wir helfen ihnen, ihre Ursache für die Probleme zu finden und die Bewegungsmuster zu korrigieren.“ Ihr Angebot sehen Pieniak und Ross zwischen Fitnesscentern und Physiotherapie als präventives Gesundheitsangebot.

Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie seien notwendig, aber das müsse mit Augenmaß geschehen, sagt die Hamburgerin und kritisiert die „formalistische Einordnung“ ihres Betriebs. „Wir haben keinen öffentlichen Publikumsverkehr, arbeiten ausschließlich nach Terminvergabe und können Hygienevorgaben erfüllen“, so die 44-Jährige. Um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren, haben die Studiobetreiber einen Teil der Umkleide gesperrt und die Lüftungsintervalle erhöht. Die Rudermaschine neben dem Empfangstresen, die normalerweise für die Aufwärmphase genutzt wird, ist eingemottet. „Wegen der Aerosole, die bei der Anstrengung und durch die Mechanik des Geräts freigesetzt werden“, sagt Ross.

Zweite Zwangsschließung innerhalb dieses Jahres ein harter Schlag

Die Hamburger Sozialbehörde verweist auf Anfrage des Abendblatts bei der geltenden Regelung auf den Beschluss der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder, den Hamburg umgesetzt habe. „Ziel ist, die Kontakte auf ein absolut nötiges Minimum in allen Bereichen des täglichen Lebens zu reduzieren“, sagt eine Sprecherin. Es gehe dabei weniger um eine Einschränkung des Betriebs von Fitnessstudios, sondern darum, das Infektionsgeschehen abzubremsen. Besonders in geschlossenen Räumen sei die Ansteckungsgefahr groß, so die Sprecherin. Konkret zu Personal Trainern äußerte sie sich nicht.

Corona-Krise: Hamburg ändert die Strategie

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Für das Unternehmerpaar ist die zweite Zwangsschließung innerhalb dieses Jahres ein harter Schlag. „Wir haben durch Corona etwa 100.000 Euro verloren“, sagt Pieniak, der seit 20 Jahren in dem Beruf arbeitet. Anders als Fitnesscenter und Sportvereine gibt es bei Personal Trainern keine Mitgliedsbeiträge. „Wenn keine Trainingsstunden stattfinden, haben wir keinen Umsatz“, sagt seine Ehefrau. Zwar hat die Bundesregierung für die betroffenen Betriebe einen Hilfsfonds angekündigt. Wie dieser genau aussieht und wann die Mittel ausgezahlt werden, ist allerdings offen. Die Studiobetreiber versuchen jetzt die Kosten noch weiter zu reduzieren, schicken Mitarbeiter erneut in Kurzarbeit.

Video-Angebot gestartet

Um zumindest einen Teil des Umsatzes wettzumachen, hat Work-It-Training schon während des ersten Lockdowns ein Video-Angebot gestartet. Das Programm unter dem Namen „Nie wieder Rücken“ umfasst acht Einheiten und kostet 34 Euro. „Knapp 600 Kunden haben das Angebot gebucht“, sagt Pieniak. Immerhin. Zusammen mit individuellen Buchungen per Zoom oder Skype konnten sie etwa ein Fünftel des Umsatzes wettmachen. Gerade entwickeln sie ein zweites Programm „Nie wieder Nacken“. Auch das Geschäft mit Firmenkunden ist weitgehend weggebrochen. Seit Juli bietet das Studio deshalb ein digitales Paket mit Mediathek, persönlicher Betreuung und Live-Akuthilfe, die je nach Mitarbeiterzahl und Nutzungsintensität zwischen 1990 und 3250 Euro im Monat kostet. Erster Kunde ist ein Versicherungsunternehmen in Hannover. Es gibt weitere Anfragen.

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In Hamburg gibt es Schätzungen zufolge etwa 300 Personal Trainer. Sie arbeiten in eigenen Mikrostudios, sind aber auch freiberuflich in Fitnesscentern, Hotels, Firmen oder bei Privatleuten tätig. „Ob Personal Trainer während des aktuellen Lockdowns arbeiten dürfen, ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt“, sagt der Vorsitzende des Bundesverbands Personal Trainer, Stephan Müller. Während in Bayern oder Baden-Württemberg die Studios geöffnet sind, sei „Hamburg strenger“. Müller rechnet damit, dass in den nächsten Monaten Betriebe aufgeben müssen.

Nun muss die nächste Soforthilfe dringend fließen

Die Situation für die Studios ist recht unterschiedlich. „Wenn es bei der Schließung im November bleibt, können wir das überstehen“, sagt Joachim Fritzenschaft. Mit seiner Geschäftspartnerin Kerstin Lüders betreibt er das PersonalTrainingCenter in Blankenese. Bei der ersten Schließung habe eine Soforthilfe über 14.000 Euro sie gerettet, sagt er. Auch jetzt ist er auf Staatshilfe angewiesen. Anders als im Frühjahr würden Outdoor-Angebote wegen des Wetters nicht angenommen, so Fritzenschaft. Auch Online-Training finde kaum Resonanz. Gerade mal vier Termine waren in der ersten Novemberwoche gebucht.

Das Unternehmerpaar Pieniak/Ross hofft auf Lockerungen für die Branche im Dezember. „Die Politik muss genauer hinschauen und die Konzepte von Studiobetreibern differenzierter bewerten“, sagt Pieniak. „Wenn es bis Februar keine Perspektive gibt, ist nicht sicher, dass wir es schaffen.“ Einen Hoffnungsschimmer gibt es. Am Dienstagabend hat das Verwaltungsgericht Hamburg dem Eilantrag Betreiberin mehrerer Fitnessstudios gegen die Schließung stattgegeben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Stadt Hamburg hat Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt.

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Work-It-Kunde Mayer will nicht so lange warten. Er hat sich eine Hantelbank fürs Wohnzimmer zugelegt. „Ich brauche aber die Kontrolle von außen, um mir nichts Falsches anzutrainieren“, sagt er. Einen Kursplan hat er bekommen und auch die Möglichkeit, die Videoaufzeichnungen kommentieren zu lassen. „Bislang“, so der Make-up-Artist, „habe ich es aber noch nicht genutzt.“

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