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Warum die Milchpreise bald sinken dürften

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Wolfgang Horch
Kühe stehen auf einer Weide. Ihre Milch dürfte bald günstiger werden

Kühe stehen auf einer Weide. Ihre Milch dürfte bald günstiger werden

Foto: Sebastian Knight / iStockphoto

Discounter Aldi hat den Molkereien ein halbes Jahr lang einen Aufschlag bezahlt. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

Hamburg. Die Stichprobe in Geschäften im Hamburger Norden weist weitgehende Übereinstimmung auf. Bei Aldi kostet ein Liter frische Vollmilch der Eigenmarke Milsani mit 3,5 Prozent Fettanteil 76 Cent. 68 Cent sind es bei der Variante mit 1,5 Prozent Fett. Die Supermarktkette Rewe ruft dieselben Preise für ihre „Ja!“-Milch auf. Im benachbarten Edeka-Markt werden für die Hausmarke Gut & Günstig je ein Cent mehr aufgerufen. Aldi erfüllt einmal mehr seinen Anspruch, die Preisführerschaft innezuhaben. In diesem Fall zusammen mit Rewe. Doch in diesem Segment ist dies durchaus überraschend. Denn der Discounter zahlt den Molkereien für die Milch deutlich mehr Geld als die Konkurrenz – zumindest noch.

Jedes halbe Jahr führen die Lebensmittelhändler und die Molkereien sogenannte Kontraktverhandlungen für Milch und Milchprodukte wie Quark oder Sahne – die „weiße Linie“ für die Eigenmarken. Im Frühjahr wollte der Discounter die Preise drücken. Als die Bauern massiv protestierten und sich der politische Druck erhöhte, lenkte Aldi ein.

Statt weniger zahlte das Unternehmen sogar fünf Cent mehr pro Liter als die Konkurrenz wie Rewe, Edeka und Lidl. „Für uns als verantwortungsvollen Handelspartner“ sei ein „fairer Preis für die Milchindustrie und insbesondere für die deutschen Landwirte wichtig“, sagte damals der verantwortliche Aldi-Manager Christoph Schwaiger

Corona und Exportrückgang haben Milchpreise gedrückt

Die Milchpreise sind seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema. Die Bauern sehen sie als zu niedrig an. Im Schnitt bekämen sie derzeit 31,24 Cent pro Kilogramm, sagt Hans Foldenhauer, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Andere Quellen nennen leicht höhere Werte. Vor zwei, drei Jahren seien es rund vier Cent mehr gewesen. Durch die Corona-Pandemie und einen Exportrückgang sei der Markt unter Druck gekommen.

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46 Cent pro Kilogramm seien in Deutschland nötig, um neben dem Begleichen von Rechnungen für Tierarzt, Futtermittel und Reparaturen den Bauern vernünftig zu entlohnen, Rücklagen zu bilden und Investitionen tätigen zu können, sagt Foldenhauer dem Abendblatt: „Die Milchviehhaltung ist wirtschaftlich ein Desaster, deshalb steigen auch immer mehr Landwirte aus.“ In den vergangenen 25 Jahren habe sich die Zahl der Milchviehhalter hierzulande auf 58.000 etwa halbiert.

Milch und Milchprodukte dürften billiger werden

Ende Oktober endet nun die Laufzeit des im Frühjahr von Aldi ausgehandelten Kontraktes. Und das Unternehmen ist offenbar nicht mehr bereit, den Aufschlag weiterhin zu bezahlen. „Aldi war enttäuscht, dass die Mitbewerber nicht mitgezogen haben“, sagt Foldenhauer. Nach Informationen der „Lebensmittel Zeitung“ haben die Einkäufer des Discounters bei den Lieferanten Preissenkungen von fünf bis sechs Cent je Liter erreicht. Das Unternehmen wurde auf Abendblatt-Anfrage nicht konkret. In den Verhandlungen mit den Lieferanten seien Marktpreise sowie Angebot und Nachfrage bei der Preisfindung ausschlaggebend.

Man strebe eine partnerschaftliche und vernünftige Einigung an, sagte ein Sprecher und verwies zudem darauf, dass der Einkaufspreis für Trinkmilch vom Weltmarkt abhängig sei. Zu weiteren Details wolle man sich unter anderem aus kartellrechtlichen Gründen nicht äußern. Ein Dementi zu dem Bericht gab es allerdings nicht. Auch aus der Branche hört man dazu keinen Widerspruch. Aldi scheint also die Preise tatsächlich gedrückt zu haben.

Die Milch

  • 31,7 Milliarden Liter Kuhmilch wurden 2019 in deutschen Molkereien verarbeitet. Daraus wurden unter anderem 4,5 Milliarden Liter Konsummilch hergestellt, 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Einfuhren (+ 20,3 %) und die Ausfuhren (+ 9,6 %) von Konsummilch sind gegenüber dem Vorjahr angestiegen.
  • Insgesamt wurden 472,4 Millionen Liter Milch mehr exportiert als importiert. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Milch lag 2019 bei 48,5 Litern (- 3,6 % gegenüber 2018).
  • Die Herstellung von Butter und verwandten Fetten aus Butter oder Rahm wuchs 2019 auf um 2,6 Prozent auf 497.000 Tonnen. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 5,8 Kilogramm nahm der private Butterkonsum jedoch weiter ab (- 1,3 %).

Nachdem Deutschlands größter Discounter mit rund 30 Milliarden Euro Jahresumsatz im Frühjahr versuchte, die höheren Einkaufspreise an die Kunden in Form von höheren Verkaufspreisen weiterzugeben, könnte nun das Gegenteil erfolgen. Milch und Milchprodukte dürften billiger werden. Denn diese Waren gehören ähnlich wie Klopapier und Obst wie Bananen zu den Waren, bei denen die Verbraucher sehr genau auf den Preis achten.

Auch Quark und Sahne dürften günstiger werden

Die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) wertet jede Woche das Einkaufsverhalten der Deutschen aus. Dabei stützen sich die Bonner auf Daten des GfK-Haushaltspanels. Bei dem werden regelmäßig 13.000 Haushalte befragt, wie viel Geld sie in der vergangenen Woche für verschiedene Produkte ausgegeben haben. Ende 2019 gaben sie im Schnitt 73 Cent für einen Liter Frischmilch mit 3,5 Prozent Fettanteil aus. Im Mai – also mit Beginn des Monats, in dem Aldi seinen Lieferanten mehr Geld zahlte – stieg der Preis auf 79 Cent. Mit der Mehrwertsteuersenkung im Juli fiel der Preis auf 76 Cent. Bei der 1,5-prozentigen Frischmilch stieg der Preis im Mai von 65 auf 71 Cent, um ab Juli auf 68 Cent zu sinken.

Mit dem neuen, offenbar feststehenden Abschluss von Aldi mit den Molkereien dürften die Preisschilder an den Regalen nun bald wieder gewechselt werden. „Wenn die Unternehmen die Einkaufskosten senken können, profitieren in der Regel kurze Zeit später auch die Verbraucher von niedrigeren Preisen“, sagt AMI-Marktanalyst Thomas Els. Und nicht nur Frischmilch dürfte bald weniger kosten. „Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass dann auch Produkte wie Quark oder Sahne günstiger werden dürften“, sagt Els.

Da Aldi normalerweise bei den Preisen den Ton angibt, dürften andere Lebensmittelketten folgen. Dem Vernehmen nach laufen viele Verhandlungen zwischen Händlern und den einzelnen, insgesamt 141 Molkereien mit eigener Milchverarbeitung noch. Am Sonntag und Montag demonstrierten die Bauern in mehreren deutschen Städten mit Traktoren vor Auslieferungslagern von Handelsketten, um gegen die „Dumpingpreise“ des Einzelhandels zu protestieren.

Preise würden sich nach Angebot und Nachfrage im Wettbewerb bilden

Gemessen am Umsatz ist die Milchwirtschaft die größte Lebensmittelbranche in Deutschland. 2019 erlöste sie 27 Milliarden Euro. Knapp 50 Prozent der deutschen Milch werden ins Ausland exportiert, und zwar in fast 100 Länder. Die Trinkmilch macht mit rund elf, zwölf Prozent eine vergleichsweise kleine Menge des gesamten Milchaufkommens aus. Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise der Buttermarkt. Für die Milchviehhalter ergäbe sich allein durch geringe Zahlungen aus dem neuen Aldi-Kontrakt keine gravierenden Verschlechterungen, so Foldenhauer.

Der Milchpreis sei durch den Aldi-Aufschlag maximal um einen Cent gestiegen. Foldenhauer hält es ohnehin für fraglich, ob diese Bonuszahlung bei den Landwirten angekommen sei: „Als Bauern haben wir keinen Einblick in die Bücher der Molkereien, was genau mit den Einnahmen passiert.“ Deren Vertreter wehren sich. „Die fünf Cent sind auf jeden Fall angekommen“, sagt Eckhard Heuser, der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes. Der Großteil der Molkereien sei genossenschaftlich organisiert und gehöre daher den Bauern. Die Preise würden sich nach Angebot und Nachfrage im Wettbewerb bilden, so Heuser: „Das ist knallhart.“

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