HafenCity

So können Hamburger den selbstfahrenden Bus testen

Autonomer Busbetrieb in der Hamburger Hafencity mit dem Bus "Heat".

Autonomer Busbetrieb in der Hamburger Hafencity mit dem Bus "Heat".

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Hochbahn richtet Fahrgastbetrieb für Elektro-Shuttle ein. Einsteigen kostet nichts. Wo der Bus fährt und wie man sich registriert.

Hamburg. Wenn die Hamburger Hochbahn derzeit von Heat redet, dann geht es nicht um Sitzheizungen für Busse und Bahnen des Verkehrsbetriebs, sondern um ein vollkommen neues Fahrzeug. Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) redet gar von einer „neuen Dimension“ des Fahrens. Heat steht für Hamburg electric autonomous transportation; es ist ein elektrisch betriebener, selbstfahrender Kleinbus. Nach einjähriger Testphase ist dieser am Freitagmittag um 13 Uhr erstmals in den Betrieb mit Fahrgästen gegangen.

Der Bus fährt an der Haltestelle Magellan-Terrassen ab und kurvt zunächst einmal selbstständig um den Block: den Großen Grasbrook runter bis zum Sandortkai zweimal um die Ecke, am Sandtorpark wieder hoch und von dort zurück zum Großen Grasbrook. Wer mitfahren möchte, muss sich allerdings über eine App auf dem Handy dafür registrieren.

Fahrerloser Bus: Über eine App anmelden

Die App gibt es im AppStore oder bei Google Play unter dem Stichwort Heat. „In dieser Projektphase benötigen wir die Zustimmung der Fahrgäste“, sagt ein Sprecher der Hochbahn. „Wir sind ja immer noch in der Erprobung.“ Zudem können wegen der Corona-Pandemie derzeit maximal drei Fahrgäste mitfahren, normalerweise sieben.

Einen HVV-Fahrschein benötigt man nicht. Die Fahrt ist kostenlos. Der Andrang ist groß, so groß, dass es bereits am Vortag Schwierigkeiten gab, die App herunterzuladen. „Wir wollen, dass alle Hamburger an diesem Forschungsprojekt teilhaben können“, sagt Senator Tjarks beim Startschuss für den Fahrgastbetrieb von Heat. Ein Fahrzeug dieser Art gebe es nirgendwo auf der Welt.

Ein Kastenwagen mit Intelligenz an Bord

Interessierte Leser mögen sofort Einspruch erheben. Denn autonom fahrende Busse gibt es bereits in anderen Ländern der Erde. Dennoch ist Heat tatsächlich in seiner Entwicklung einzigartig. In dem fünf Meter langen ,schmucklosen Kastenwagen steckt nämlich ein gewisser Grad an Intelligenz. So kann er beim Abbiegen, wie ein Fahrer um die Ecke schauen und wird anders als andere selbstfahrende Busse nicht nur auf geraden Strecken eingesetzt. Er fährt vorausschauend. Springt vor ihm eine Ampel auf Gelb, reagiert er nicht erst bei Rot und stoppt dann abrupt ab, sondern rollt sanft bis an die Kreuzung heran. Der Kleinbus kann auch Hindernissen wie liegen gebliebene Fahrzeuge selbstständig ausweichen.

Zur Entwicklung dieses schlauen Busses hat die Hochbahn eine Reihe von Partnern gefunden. Das Fahrzeug stammt von dem Ingenieurdienstleister der Automobilindustrie, IAV, der zu 50 Prozent der Volkswagen AG gehört. Siemens ist für die Steuerung verantwortlich und hat dazu Sende- und Empfangsstationen entlang der Fahrstrecke installiert. Zudem sorgt der Konzern für die Vernetzung mit der Leitstelle der Hochbahn, von wo aus der Betrieb überwacht wird. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) kümmert sich um die Auswertung des Projekts und das Institut für Klimaschutz und Mobilität (Ikem) um die Zulassung des Busses.

Bus soll zu bestimmten Zeiten eingesetzt werden

Diese ist nämlich gar nicht so einfach. Für eine Straßenverkehrszulassung benötigen Fahrzeuge beispielsweise einen Scheibenwischer und Rückspiegel. Das hat Heat aber nicht. Bei ihm schauen Sensoren und Kameras nach vorne und hinten. So dankt Hochbahnchef Hendrik Falk in seiner Rede vor allem den Behörden: „Sie haben eine Sondergenehmigung erteilt, ohne die ein Fahrgastbetrieb gar nicht möglich wäre.“ Falk sieht in dem autonomen Kleinbus in Zukunft eine Ergänzung zu dem aktuellen Hochbahnangebot. „Dort, wo der Einsatz von großen Fahrzeugen nicht sinnvoll ist – zum Beispiel in Tagesrandlagen und Außenbezirken.“

Bis dahin ist der Weg aber noch weit. Heat muss sich jetzt erst einmal bewähren. Zunächst auf der kleinen Schleife mit zwei Haltestellen, spätestens zum Internationalen Weltkongress für Mobilität ITS 2021 auf einem größeren Rundweg durch die HafenCity als Shuttle mit fünf Haltestellen. Und dann auch mit etwas mehr Tempo: Auf bis zu 25 Kilometer in der Stunde kann der kleine Shuttle beschleunigen. Im Moment liegt das Limit bei 15 Kilometer in der Stunde.

Projekt kostet zehn Millionen Euro

Ein wenig müssen die Projektpartner dabei noch schummeln: Der Bus fährt zwar alleine, hat aber immer noch zusätzlich einen Fahrer an Bord. Der kniet vorne auf einer eigentlich für Fahrgäste gedachten Sitzbank um einzugreifen, falls die Technik einmal versagen sollte. Ohne zusätzlichen Fahrer hätte das zehn Millionen Euro teure Projekt, das zu 49 Prozent aus staatlichen Fördermitteln finanziert wurde, gar keine Genehmigung bekommen. Die Bundesgesetze verbieten derzeit noch den Betrieb von selbstfahrenden Bussen. „Wir hoffen, dass sich das bis zum ITS-Kongress ändert“, sagt Tjarks.

Dann schreitet der Senator zum Selbstversuch. Die Sitzbänke sind hart. Der Fahrer bittet seine Gäste, sich anzuschnallen. Sanft und geräuschlos fährt der Minibus los. Schon an der Kreuzung zum Sandtorkai kommt die erste Bewährungsprobe. Die Ampel springt auf Gelb, kurz bevor der Bus abbiegen will. Mit einem Ruck bleibt er stehen. Bei Grün biegt er ab und zuckelt gemächlich die Straße entlang. Hinter ihm hupt ein ungeduldiger Fahrer laut. Völlig überflüssig. Heat hat unzählige Sensoren, aber keine Ohren. Am Heck prangt lediglich ein Schild: „Versuchsfahrt. Abstand halten, mindestens einen halben Tacho.“ Plötzlich zögert der fahrerlose Bus, als ein Fußgänger Anstalten macht, vor ihm über die Straße zu laufen. Dann bleibt die Person aber doch an der Bürgersteigkante stehen.

Fußgänger haben Vorrang

Weiter geht es. An der Kreuzung zum Sandtorpark wird es wieder kniffelig: Vor dem Abbiegen muss der Bus den Fußgängern Vorrang einräumen, was er tadellos hinbekommt. An der Haltestelle Sandtorpark bleibt der Bus stehen. Obgleich keine Fahrgäste zusteigen wollen. „Der Bus fährt wie alle anderen auch nach einem festen Fahrplan. Es geht gleich weiter“, sagt Projektentwickler Stefan Geißler.

Der Bus sei auf alle Eventualitäten der Verkehrsregeln eingestellt worden. Schwierig werde es, wenn sich die Leute nicht an die Regeln halten. „Da haben wir in Hamburg einiges erlebt“, so Geißler. Etwa Fußgänger, die bei Rot über die Kreuzung gehen, oder Autos, die in zweiter Reihe parken. Aber auch das bekomme Heat hin. Inzwischen hat der Bus wieder seinen Ausgangspunkt erreicht. Falk und Tjarks steigen aus. „Toll“, sagt der Senator. „Bis zum ITS-Weltkongress wollen wir beim autonomen Fahren weltweit ganz vorne mit dabei sein.“ Und Falk ergänzt: „Wir sind sehr stolz auf diesen Entwicklungssprung.“

Der Bus verkehrt montags bis donnerstags, sowie sonnabends zwischen 8 bis 10 Uhr und von 13 bis 15 Uhr, freitags nur von 13 bis 15 Uhr. Sonntags ist bisher kein Betrieb geplant.