Corona-Krise

Weihnachtsfeier – in diesem Jahr nur online

Weihnachtsfeier am Laptop – so sieht  die Realität in Corona-Zeiten aus.

Weihnachtsfeier am Laptop – so sieht die Realität in Corona-Zeiten aus.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Firmen wie Philips, Beiersdorf und Airbus verzichten in der Corona-Krise auf Mitarbeiterfeste. Agentur bietet Alternative.

Hamburg.  Als Nadja Kahn im Frühjahr ein rein virtuelles Afterwork-Event mit 1500 Feiernden aus 21 Ländern organisiert hatte und viele begeisterte Rückmeldungen bekam, war es vorbei mit den Klagen über die Corona-Krise. „Ich habe gespürt, das hat Potenzial“, erinnert sich die 50-Jährige. Mit ihrer Agentur Kahn Events aus Hamburg hat sich die Unternehmerin daraufhin mehr und mehr auf diese Art von Digitalevents spezialisiert. Und zwar mit Erfolg: Seit Mai haben die kreative Chefin und ihre acht Mitarbeiter bereits mehr als 40 virtuelle Veranstaltungen organisiert.

Jetzt rückt die Adventszeit näher, und die Eventagentur, die Firmen wie Techem oder Continental zu ihren Kunden zählt, setzt auf Weihnachtsfeiern – ebenfalls virtuell. Dazu bietet Kahn Events professionelle Studioaufnahmen mit Streamings von den Chefs genauso an wie Kameras oder Lautsprecher, die an weniger gut ausgestattete Partygäste versendet werden. „Wenn Menschen feiern, teilen sie gemeinsame Erlebnisse“, sagt Nadja Kahn über das Ziel jedes gelungenen Festes. Diese Eindrücke will sie auch auf ihren digitalen Feiern vermitteln.

Firmen können sogar ein Rentier buchen

Sogar der Besuch eines Rentiers steht auf dem Programm, das Firmen buchen können. „Das Rentier schaut kauend in die Kamera und nimmt auf diese Weise am Event teil“, sagt Kahn, „das ist total süß“, freut sich die Hamburgerin. Ein Zoo kooperiere dabei mit ihrer Firma. Ebenso buchbar ist ein Weihnachtsmann, der etwa Mitarbeiter für ihre Leistungen lobt und so ein gemeinsames (lustiges) Erlebnis für die Online-Feier schafft, bei der alle Teilnehmer per Laptop zugeschaltet sind. Je nach Zahl der Gäste, dem Wert vorher zugesandter Pakete mit Glühwein und Geschenken und der Qualität der technischen Ausstattung kostet ein solches Event ähnlich viel wie eine „richtige“ Party mit Band und Büfett: Die Spanne reicht von 500 bis 50.000 Euro, sagt die gebürtige Cuxhavenerin. Kahn arbeitet in einer Branche, die durch Corona mehr als viele andere Wirtschaftsbereiche gebeutelt ist.

Mit der Einstellung, dass sie mit ihrer Agentur jetzt trotz der Hygiene- und Abstandsregeln für Feiern auch einen Hoffnungsschimmer sieht, ist sie ziemlich allein. Denn knapp drei Monate vor Weihnachten rechnet die deutsche Veranstaltungsbranche angesichts der Pandemie bisher mit massiven Einbußen im Geschäft mit gemütlichem Beisammensein und dem Knabbern von Zimtsternen und Spekulatius. „In diesem Jahr geht die Zahl der Weihnachtsfeiern in den meisten Unternehmen gegen Null“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO), Bernd Fritzges. Der Verband vertritt rund 600 Veranstaltungsplaner aus großen und mittelständischen Unternehmen, die Meetings und Firmenevents organisieren und zu denen auch Weihnachtsfeiern zählen.

Feier im Freien mit einem Weihnachtsmarkt

In der Agentur von Nadja Kahn in Eilbek laufen derzeit Anfragen von Unternehmen ein, die eines verbindet: Sie äußern eine starke Verunsicherung, erzählt die Inhaberin. „Die Betriebe möchten ihrem Team am Ende dieses strapaziösen Jahres gern eine Feier ermöglichen und sich bedanken, wollen aber auf keinen Fall die Gesundheit ihrer Mitarbeiter gefährden“, berichtet Nadja Kahn über die Gespräche mit ihren Kunden. „Manche Unternehmen denken daher über „hybride“ Feiern nach, mit kleinen Teams, die physisch zusammenkommen und anderen Kollegen, die virtuell dazu geschaltet werden.

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Andere überlegen draußen zu feiern mit einem Weihnachtsmarkt, wieder andere möchten komplett virtuell feiern. Die Unternehmen, die KahnEvents betreut – sie kommen aus der Automobilbranche über die Versicherungswirtschaft bis hin zu Beauty und IT – feiern auch in Corona-Zeiten auf kreative Art und Weise. Die Palette reicht vom digitalen Anstoßen mit vorher gelieferten Drinks und Snacks über Weinproben, Liveauftritte von Sängern, Schauspielern des Hamburger Scharlatan Theaters oder Comedians bis hin zu gemeinsamen Spielen und Chatroulette. Die Zuschaltung von niedlichen Tieren – vor der Adventszeit kann das auch ein Alpaka sein – steht ebenfalls hoch im Kurs.

Gemeinschaftsgefühl beim Online-Event

„Ich hätte nicht gedacht, dass ein Online-Event so viel Spaß machen kann und die Teilnehmer ein Gemeinschaftsgefühl erleben können. Andere Zeiten – anderes Event!“, beschreibt Roman Gaebel aus der Leitung des Vertriebsinnendienstes von Continental das Erlebnis einer virtuellen Feier, die von der Hamburger Agentur veranstaltet wurde. Wenn Einladungen zum persönlichen Zusammensein wegen Corona nicht möglich sind, werden auch keine Büfetts oder Häppchen für das Flying Food bestellt. Der Caterer-Verband LECA beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. „Die Nachfrage für Weihnachtsfeiern ist fast nicht vorhanden“, sagte LECA-Sprecher Georg Broich. Rund 90 Prozent der Buchungen für Weihnachtsfeiern seien bei den Verbandsmitgliedern bereits storniert. „Die Auswirkungen sind für unsere Branche dramatisch“, sagte Broich. Üblicherweise mache das Jahresendgeschäft – je nach Betriebsgröße – fünf bis 20 Prozent des Jahresumsatzes aus.

Corona-Krise in Hamburg: Das sind die neuen Maßnahmen

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Zu den Hamburger Firmen, die kein Zusammensein der Mitarbeiter im Advent planen, gehören Philips, Airbus, Beiersdorf und die Hafenverwaltung HPA (Hamburg Port Authority). „In diesem Jahr wird es bei Philips in Deutschland keine physischen Weihnachtsfeiern geben – weder in Einzelteams noch im größeren Umfang, zum Beispiel Gesamt-Hamburg“, sagt Sebastian Lindemann, Sprecher des Medizin- und Elektrogeräteherstellers mit Deutschland-Sitz an der Elbe. „Leider haben wir auch unser traditionelles Philips-Weihnachtskonzert im Hamburger Michel abgesagt“, ergänzt Lindemann.

Auch Afterwork-Parties gibt es nun online

Der Grund für die Absagen: Es habe eine globale Entscheidung am niederländischen Konzernsitz von Philips gegeben, in Zeiten von Covid-19 bis mindestens Ende 2020 keine physischen Veranstaltungen durchzuführen oder an solchen teilzunehmen. Nur so viel kann Lindemann über eine angedachte Alternative schon verraten: „Wir sind aktuell in der Planung einer virtuellen Weihnachtsfeier oder Weihnachtsaktion, über die wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen vorweihnachtlich in Kontakt treten“.

Grafik Karte Maskenpflicht in Hamburg – die Übersicht

Bei der HPA wird es weder eine zentrale Weihnachtsfeier geben, noch werden einzelne Bereiche feiern: „Die Geschäftsführung und der Corona-Krisenstab der HPA haben empfohlen, in diesem Jahr auch von dezentralen Betriebsfeiern abzusehen“, so Sprecherin Sinje Pangritz. Auch bei Beiersdorf zieht man Konsequenzen wegen Corona. „Betriebliche Weihnachtsfeiern im klassischen Sinne sind 2020 bei Beiersdorf leider nicht möglich“, so eine Sprecherin. Die Pensionärs-Weihnachtsfeier finde in diesem Jahr ebenfalls nicht statt. „Aber wir prüfen aktuell noch, wie mögliche Alternativformate realisiert werden können, und in welchem Rahmen für die Mitarbeiter-Teams dennoch ein Zusammenkommen zum Jahresende ermöglicht werden kann“, sagt die Sprecherin.

Weihnachtszeit gehört für viele Gastronomen zu den wichtigsten Wochen des Jahres

Für Nadja Kahn ist die Vorsicht der Firmen bei persönlichen Zusammenkünften verständlich: „Schließlich sind die Unternehmen für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und ihrer Kunden verantwortlich“, sagt die Agenturchefin. Die meisten Betriebe hätten daher große Bedenken, nachher die Firma mit dem Superspreader zu sein und sich damit den eigenen Namen zu „verbrennen“. Deshalb, sagt Nadja Kahn, „wollen viele Firmen sogar noch mehr Vorsicht walten lassen, als es die Verordnungen vorschreiben.“

Coronavirus – die Fotos zur Krise

In welchem Ausmaß das Weihnachtsgeschäft im Hotel- und Gaststättengewerbe betroffen sein wird, ist nach Angaben des Branchenverbandes Dehoga noch nicht absehbar. Wie sich das Geschäft entwickele, hänge etwa von den jeweiligen Corona-Auflagen in den Bundesländern und den geltenden Hygienekonzepten für Veranstaltungen ab, so der Verband. „Die Advents- und Weihnachtszeit gehört für viele Gastronomen und Hoteliers zu den wichtigsten Wochen des Jahres“, sagt eine Dehoga-Sprecherin.

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Für Nadja Kahn, die auch in der Krise noch Chancen sieht, birgt Corona allerdings auch die Hoffnung auf eine neue, nachhaltige Art von Events. Bei der virtuellen Afterwork-Party mit Menschen aus verschiedenen Ländern hätten wohl alle Spaß gehabt – aber niemand, so Kahn, habe vorher in ein Flugzeug steigen müssen – gut für das Klima.

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