Hamburg

Wenn der E-Scooter vor dem Lastwagen warnt

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Volker Mester
Matthias Wilkens von NXP und Christoph Egels vom Rollervermieter voi sind auf Roller-Prototypen mit funkgesteuerter Echtzeit-Fahrzeugkommunikation in Hamburg unterwegs.

Matthias Wilkens von NXP und Christoph Egels vom Rollervermieter voi sind auf Roller-Prototypen mit funkgesteuerter Echtzeit-Fahrzeugkommunikation in Hamburg unterwegs.

Foto: Roland Magunia

Hamburger Chipentwickler NXP und Vermieter Voi kooperieren. Ihr Ziel: Vernetztes und sicheres Fahren auf zwei Rädern.

Hamburg. Ein E-Roller-Fahrer nähert sich mit hohem Tempo einer unübersichtlichen Straßenecke irgendwo in Hamburg. Zehn Meter davor warnt ihn ein Vibrieren des Drehgriffs vor der Gefahr einer Kollision und auf dem Anzeigefeld am Lenker zeigt ein leuchtendes Symbol, dass sich von rechts ein Lkw ebenfalls auf die schwer einsehbare Einmündung zubewegt. Kaum ist die riskante Situation dank der Warnung überwunden, nimmt der Bordrechner per Funk eine Verbindung zur nächsten Ampel auf – und das Display gibt die Empfehlung, die Geschwindigkeit leicht zu drosseln, um ohne Wartezeit bei Grün durchfahren zu können.

Zwar wird es noch einige Zeit dauern, bis dies im Alltagsbetrieb so funktioniert. Doch der schwedische E-Scooter-Vermieter Voi, der in Hamburg 1800 Elektroroller bereithält, und der Chipentwickler NXP haben am Mittwoch mit zwei Prototypen nahe den Messehallen auf der Hamburger Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren demonstriert, dass die Technik dafür im Prinzip schon da ist.

Mehr Sicherheit für Scooter-Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer

„Wir streben nach mehr Sicherheit für unsere Scooter, aber auch für andere Verkehrsteilnehmer“, sagt Christoph Egels, bei Voi zuständig für Regierungsbeziehungen in den deutschsprachigen Ländern. „Darum haben wir uns Anfang des Jahres mit NXP zusammengetan.“ Experten des niederländischen Konzerns arbeiten in Lokstedt an WLAN-Funkchips, die unter anderem bereits in jeden Golf 8 von Volkswagen eingebaut werden. Die beiden Voi-Roller-Prototypen sind mit der gleichen Technik namens V2X ausgestattet; bei den Scootern steckt sie noch in außen angebrachten Kästchen mit durchsichtigem Deckel.

Vor gut einem Jahr hat NXP in Anwesenheit von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ein E-Lastenrad des Hamburger Start-ups XYZ Cargo vorgestellt, das mit den Ampeln der Teststrecke kommuniziert. „Wir richten unser besonderes Augenmerk auf verletzlichere Verkehrsteilnehmer wie Rad- und Rollerfahrer, weil wir hier starkes Wachstum erwarten“, sagt Matthias Wilkens, der in der Hamburger NXP-Deutschlandzentrale für Firmenpartnerschaften verantwortlich ist.

Nutzen der Vernetzung steigt mit Zahl der ausgerüsteten Verkehrsteilnehmer

Während die WLAN-Funkchips in den Fahrzeugen und den Ampeln eine Reichweite von mehreren Hundert Metern haben, wurde die Kollisionswarnschwelle für die Voi-Testmodelle an die Fahrbedingungen eines E-Rollers angepasst. „Wir werten die Position, die Fahrtrichtung und die Geschwindigkeit der Fahrzeuge im Umfeld aus“, erklärt Wilkens. „Eine Warnung erfolgt etwa zehn Meter vor einem drohenden Zusammenstoß – und auch nur dann, wenn der Roller mit mehr als zehn Kilometern pro Stunde fährt.“ In einer weiteren Ausbaustufe könnte der E-Roller-Nutzer außerdem gewarnt werden, wenn er sich im toten Winkel eines anderen Fahrzeugs befindet und beim Abbiegen womöglich übersehen wird.

Die jetzt in Hamburg präsentierten Prototypen können das noch nicht. Sie haben auch noch keinen Vibrationsalarm, zeigen aber immerhin schon die verbleibende Zeit von Rot- und Grünphasen der nächsten Ampel auf der Fahrstrecke an. Denkbar wäre nach Angaben von Wilkens sogar ein Tempomat, der die Geschwindigkeit so regelt, dass Haltezeiten an den Signalanlagen komplett vermieden werden.

In Hamburg sind derzeit 6000 E-Scooter unterwegs

Klar ist: Der Nutzen der Vernetzung steigt mit der Zahl der Verkehrsteilnehmer, die mit den Funkchips ausgestattet sind. Abgesehen vom Volkswagen-Konzern, der die Technik bereits nutzt, sei NXP mit weiteren Fahrzeugherstellern im Gespräch, so Wilkens. Im Rahmen eines Modellversuchs wurden die NXP-Chips auch schon in 200 Lkw, die regelmäßig im Hafen unterwegs sind, eingebaut. Sie können dort die Ampelphasen beeinflussen, um einen flüssigeren Verkehr mit weniger Staus zu erreichen.

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Nach Einschätzung von Egels dürfte es allerdings noch mindestens drei Jahre dauern, bis Voi-Scooter flächendeckend mit Funkchips ausgerüstet sind. In Hamburg sind nach Angaben der Verkehrsbehörde aktuell rund 6000 E-Roller der fünf Vermieter Lime, Voi, Hive, Tier und Bird auf den Straßen unterwegs. Wie die Hamburger Polizei auf Anfrage mitteilte, gab es zwischen Januar und Ende Juli insgesamt 75 Verkehrsunfälle, an denen die Scooter, die im Amtsdeutsch „Elektrokleinstfahrzeuge“ heißen, beteiligt waren. Bei sieben dieser Unfälle wurden sieben Personen schwer verletzt, sechs von ihnen waren die Fahrer der Roller.

Zweifel an der ökologischen Sinnhaftigkeit der Mietroller

Abgesehen von Unfallgefahren gab es aber vor dem Start der E-Scooter in Hamburg noch andere Bedenken – unter anderem kamen Zweifel an der ökologischen Sinnhaftigkeit der Mietroller auf, weil deren Lebensdauer Berichten zufolge anfangs nur bei bis zu drei Monaten lag. Auch aus Sicht der Hamburger Verkehrsbehörde (BVM) haben die Roller „in punkto Nachhaltigkeit noch deutlichen Nachholbedarf“, sagt BVM-Sprecher Dennis Heinert: „Es ist allerdings so, dass zahlreiche Anbieter hier schon deutliche Fortschritte gemacht haben und die Lebenszyklen erhöht wurden.“ Laut Voi-Manager Egels rechnet das Unternehmen bei den aktuellen Modellen mit zwei bis fünf Jahren, wobei die Geräte nicht fünf Jahre lang im harten Mietbetrieb genutzt, sondern vorher an Privatpersonen verkauft würden.

Eine „weitere Herausforderung“, so Behördensprecher Heinert, sei das Abstellen der Roller „an Plätzen und Orten, an denen das andere Menschen stört und behindert.“ In Kooperation mit den Anbietern habe die BVM schon diverse „Sperrzonen“ festgelegt, um das Problem zu reduzieren. Zudem führe die Verkehrsbehörde aktuell Gespräche mit dem Landesbetrieb Verkehr, den Bezirken Altona und Mitte, der Innenbehörde und der Polizei über die Einrichtung von „konkret definierten Parkzonen“ in Wohngebieten oder an HVV-Knotenpunkten, zunächst im Rahmen eines Pilotprojekts. Denn, so Heinert: „Uns ist sehr wichtig, dass der öffentliche Raum nicht unter dem Angebot leidet.“

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