Einzelhandel

Möhring – das Aus für ein Traditionsgeschäft

| Lesedauer: 11 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Arno Schmidt führt das Wäschehaus Möhring seit mehr als 30 Jahren. Im Verkauf sind 13 Mitarbeiter beschäftigt.

Arno Schmidt führt das Wäschehaus Möhring seit mehr als 30 Jahren. Im Verkauf sind 13 Mitarbeiter beschäftigt.

Foto: Andreas Laible

Das 1802 gegründete Wäschehaus schließt Ende Februar für immer. Geschäftesterben in Hamburger Innenstadt geht weiter.

Hamburg. Akkurat gefaltete Handtücher in Stapeln. Im Regal daneben liegen weiße Damast-Tischdecken für jeden Tisch. Es gibt zarte Nachthemden und Dessous für sie, Unterwäsche für ihn und für die Kleinen weiße Frottee-Bademäntel mit Marienkäfer-Stickerei. Zwischen Glasvitrinen mit kunstvoll drapierten Bettgarnituren stehen Designer-Sessel – falls müde Kunden sich für eine Pause niederlassen möchten.

Das hat fast etwas Theatralisches. Aber bei Möhring wurde Wäsche noch nie nur verkauft, sondern immer auch in Szene gesetzt. Sogar Geschirrhandtücher haben ihren farblich abgestimmten Auftritt. Seit mehr als 200 Jahren bietet das Wäschehaus in Hamburg seine Waren an. Damit ist jetzt Schluss. „Wir werden das Geschäft Ende Februar schließen“, sagt Arno Schmidt. Schon vor einigen Wochen hat der Geschäftsführer und Mitinhaber angefangen, die Weichen für das Aus des Traditionsunternehmens zu stellen. „Wir haben sämtliche finanziellen Möglichkeiten geprüft. Jetzt müssen wir einen Schlussstrich ziehen.“

Umsatzverluste von 35 Prozent am neuen Standort

Schmidt, dunkles Jackett, weißes Hemd und Krawatte mit passendem Einstecktuch, geht durch seinem Laden am Großen Burstah. Mit leichter Geste streicht er über einen seidig-schimmernden Kissenbezug. In der Bettwaren-Abteilung berät eine Mitarbeiterin einen jungen Mann, der eine Daunendecke sucht. Es ist der einzige Kunde. Seit Möhring im Sommer 2017 nach mehr als 60 Jahren an dem angestammten Standort am Neuen Wall ins Nikolai Quartier umgezogen ist, kämpft das Fachgeschäft mit sinkenden Umsätzen.

Die Kunden bleiben aus, oft sieht man nur die Mitarbeiterinnen zwischen Weißwäsche und Dessous stehen. „Wir waren uns darüber im Klaren, dass der Ortswechsel nicht ohne Umsatzverluste vonstattengehen kann“, sagt Schmidt. Ein Minus von bis zu 35 Prozent sei für die Anfangszeit einkalkuliert gewesen. Aber nicht für die Folgejahre. Inzwischen, sagt der Unternehmer, der in diesem Monat 80 Jahre alt wird, „sind die Reserven aufgebraucht. Künftige, notwendige Investitionen sind nicht zu stemmen.“ Und ein Investor nicht in Sicht. Auch seine Frau habe ihm geraten, es jetzt gut sein zu lassen. „Die Situation ist unumgänglich.“

Es ist das Ende einer Institution. Mit Möhring verschwindet eines der ältesten Fachgeschäfte der Stadt, das schon Kriege, Krankheiten und Katastrophen überstanden und auch einen Konkurs umschifft hat. „Weißes Statut der Ewigkeit“ hat eine Hamburger Zeitung den Händler einmal genannt, bei dem Hanseaten über Jahrhunderte ihre Wäsche für Aussteuer und Haushalt kauften. Die Vorgeschichte reicht bis ins Jahr 1756 zurück, als es einen Leinenweber namens Christoph Friedrich Möhring nach Hamburg verschlug. Sein Sohn Christian Erich gründete 1802 das Wäschehaus. Anfangs verkaufte er seine Waren noch aus einem Handkarren. Das erste Ladengeschäft eröffnete er an der Rosenstraße im Gängeviertel. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte die Adresse mehrfach. Vielen Hamburgern bekannt ist der Standort im Robinsohn-Haus am Neuen Wall, wo das Unternehmen 1958 eingezogen war.

Senatsempfang zum 200-jährigen Jubiläum

Arno Schmidt, gelernter Kaufmann aus der Modebranche, war 1986 als Geschäftsführer bei dem Unternehmen eingestiegen, hatte damals unrentable Filialen geschlossen und auch das Stammhaus in der City wieder auf Kurs gebracht. Nachdem 1996 ein Brand das Warenlager und den Laden zerstört hatte, schien das Ende schon besiegelt. Es waren die einstigen jüdischen Besitzer des Modehauses Robinsohn, die von den Nationalsozialisten enteignet worden waren, die nach dem Konkurs Hilfe anboten und Geld für einen Neuanfang gaben.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Susanne baute Schmidt das Geschäft wieder auf. Die Kunden kamen zurück, darunter „schleswig-holsteinischer Landadel, aber auch Hamburger Prominenz“. 2002, zum 200-jährigen Jubiläum, gab es einen Senatsempfang im Rathaus, bei dem der damalige CDU-Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) eine Lobeshymne auf den traditionsreichen Händler hielt. Hamburger Prominenz wie Starfriseurin Marlies Möller und Schuhkönig Ludwig Görtz waren unter den Gästen.

Neustart am Großen Burstah mit Hindernissen

Das ist jetzt 18 Jahre her. Heute legt sich kaum noch jemand Bettwäsche, Handtücher und Tischdecken für viel Geld in die Schränke. Gekauft wird je nach Geschmack und Budget bei Ikea, Zara Home oder gleich im Internet. Manchen Beobachter mag es wundern, dass das Ende des Wäschehauses nicht schon früher kam. Aber Möhring-Chef Schmidt wollte sich lange nicht geschlagen geben. Als er nach Auslaufen des Mietvertrags an der Edelmeile Neuer Wall vor drei Jahren am Rand der Innenstadt noch mal durchstartete, war das auch ein Versuch, Möhring neu in Stellung zu bringen – und damit sein Lebenswerk zu retten.

Mit großem Enthusiasmus und erheblichem Aufwand ließ er die 600 Quadratmeter große Geschäftsfläche auf zwei Etagen in einem Neubau am Großen Burstah nach Möhring-Kriterien gestalten und äußerst gediegen einrichten. Er setzte weiter auf gute Fachberatung. Alle Mitarbeiter zogen mit um. Er holte zudem einen weiteren Geschäftsführer ins Haus, der eine Abteilung mit Betten im Hochpreis-Segment aufbaute. Ein Online-Angebot war auch geplant, mit dem neue Käufer gewonnen werden sollten. Um die bisherigen Kunden bei der Stange zu halten, startete der umtriebige Senior zahlreiche Rabatt-Aktionen. Es gab auch einen Fahrrad-Shuttle zwischen dem alten Standort an der Alster und neuen Räumen hinter dem Rathaus. „Vom Neuen Wall in die neue Welt“, nannte Schmidt das in seiner etwas gewundenen Art.

Weihnachtsbeleuchtung und Merry Christmas

Aber die Erwartungen an den neuen Standort erfüllten sich nicht. Zahlreiche Baumaßnahmen, Straßensperrungen und die Verzögerungen beim Abriss des Allianz-Hauses machten den Geschäftsleuten am Großen Burstah zu schaffen. Im vergangenen Jahr schloss der Möbelhändler Habitat direkt nebenan. Der Laden ist immer noch nicht wieder vermietet. Auch manche Stammkunden wollten sich nicht an die neue Adresse gewöhnen und blieben weg. Laufkundschaft kam, anders als am Neuen Wall, gar nicht erst bis in den hinteren Teil des Großen Burstah. Möhring-Chef Schmidt kämpfte um eine bessere Anbindung an die Einkaufsmeilen der City und mehr Beleuchtung im Nikolai Quartier. Die Einrichtung einer Bushaltestelle vor dem Geschäft machte die Sache nicht besser. Die Menschen wären vor allem bei Kälte zum Aufwärmen in den Laden gekommen, klagt der Kaufmann. Gekauft wurde immer weniger. Im den vergangenen beiden Jahren nahm er noch mal jeweils 10.000 Euro in die Hand für bunte Weihnachtsbeleuchtung am Eingang. Dazu ließ er Weihnachtsmusik spielen.

Ein weiterer Versuch. Nachdem anfangs die Kundenfrequenz wieder gestiegen war, zeichnete sich die Krise zuletzt immer deutlicher ab. Sprechen wollte der Kaufmann darüber nicht. Heute sagt Schmidt, dass das Wäschehaus zwei Jahre von den Reserven gelebt hat. Über konkrete Zahlen schweigt er. Nur so viel: „Es gibt keine wirtschaftliche Basis, um den Strukturwandel im Einzelhandel mitzumachen. Das Festhalten an Traditionen und Erfahrung reicht nicht.“ Möhring, sagt er, könne „100 Prozent stationär, aber nicht online.“ Das zu ändern koste viel Geld. Und das ist nicht da. Schon im vergangenen Jahr habe er mit dem Vermieter gesprochen, um „eine Lösung zu finden“. Wie die aussieht, wollte er nicht sagen. Ursprünglich lief der Mietvertrag über zehn Jahre.

Weitere Umsatzausfälle durch Corona

Die Erkenntnis, dass sein Durchhaltewille am Großen Burstah nicht reicht, um das Unternehmen weiterzuführen, kam langsam. Irgendwann war sie wohl unausweichlich. Die große Baustelle auf dem ehemaligen Allianz-Gebäude wird voraussichtlich noch bis 2024 dauern. Hinter dem Haus startet die Hamburger Hochbahn in Kürze eine große Umbau-Maßnahme für die U-3-Trasse. Beides mit Auswirkungen für Erreichbarkeit und zusätzlicher Lärmbelastung. Dazu kamen Umsatzausfälle in sechsstelliger Höhe während des Corona-Shutdowns im Frühjahr. „Das hat unsere Situation erschwert“, sagt Schmidt, „aber es ist nicht der Grund für die Geschäftsschließung.“ Die Corona-Soforthilfen hat er unter den gegebenen Umständen gar nicht erst beantragt. Da ist er ganz hanseatisch-ehrbarer Kaufmann.

Die Lieferanten sind bereits informiert, dass es für die nächste Frühjahrssaison keine Aufträge mehr von dem Hamburger Traditionshaus geben wird. Auch die Mitarbeiter wissen Bescheid und haben ihre Kündigungen zu Ende Februar schon bekommen. Für sie ist es bitter. Viele sind seit Jahrzehnten im Betrieb, eine Verkäuferin sogar schon seit Beginn der Ausbildung vor mehr als 40 Jahren. „Da ist viel Traurigkeit, aber sie helfen mir jetzt, die Sache zu Ende zu bringen“, sagt Arno Schmidt. Der Geschäftsführer und der Auszubildende, der gerade seine Lehre abgeschlossen hat, gehen schon zum Jahresende.

Traditionshändler

  • Zahlreiche inhabergeführte Geschäfte mit langer Tradition haben in den vergangenen Jahren in der Hamburger Innenstadt aufgegeben, darunter Porzellanhändler Lenffer, Juwelier Hansen, Fahnen Fleck und zuletzt im Februar der Kunsthandel Langenhagen & Harnisch. Andere wie das Einrichtungshaus Bornhold, Bekleidungsexperte Ladage & Oelke oder der Modesalon Hoffmann haben ihre teuren Toplagen verlassen.
  • Auch in den Stadtteilen sind alteingesessene Läden verschwunden, so etwa das Jeansgeschäft Hundertmark auf der Reeperbahn, Sport Schuster in Eppendorf oder der Modellbauladen Rettkowsky auf St. Pauli. Nach Schätzungen des Handelsverbands Deutschland drohen in den nächsten Jahren bundesweit 50.000 Geschäftsschließungen. Ein Grund ist das Wachstum des Online-Handels. Jetzt kommt Corona dazu.

Insolvenz vermeiden

Mit Möhring verschwindet wieder ein inhabergeführtes Fachgeschäfte aus der Hamburger Innenstadt (siehe links). Seine Verantwortung sieht Kaufmann Schmidt jetzt darin, „Möhring zu einem guten Abschluss zu bringen“. Eine Insolvenz wollte er um jeden Preis vermeiden. Liquidation nennt man das. Er mag das Wort nicht. Wichtig ist ihm, dass die Mitarbeiter bis zum letzten Tag Gehalt bekommen und alle Rechnungen bezahlt sind. Man merkt, wie schwer ihm der Abschied fällt. Möhring ist sein Leben. Sagen würde er das nicht. Gefühle, findet er, hätten im Geschäftsleben nichts zu suchen.

Lesen Sie auch:

Wie es weitergeht? So richtig vorstellen kann er sich das nicht. Endlich mal ausschlafen, auch sonnabends. Mit seiner Frau in Blankenese an der Elbe spazieren, mehr Zeit mit den vier Enkeln verbringen und die Möhring-Chronik weiterschreiben. Aber erst mal kommt noch das Weihnachtsgeschäft. „Das soll ganz normal laufen. Ohne große Rabattaktionen“, sagt er. Im Januar geht der Räumungsverkauf los. „Es geht jetzt auch darum, Haltung zu bewahren.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft