Baustoffindustrie

Beton-Konzern investiert jetzt in neue Moore

Thorsten Hahn (48) auf der Dachterrasse des Holcim-Hauses in der Hamburger Innenstadt. 2022 zieht die Deutschlandzentrale um.

Thorsten Hahn (48) auf der Dachterrasse des Holcim-Hauses in der Hamburger Innenstadt. 2022 zieht die Deutschlandzentrale um.

Foto: Roland Magunia

Holcim-Deutschlandchef Thorsten Hahn erklärt, wie der Baustoffhersteller künftig klimaneutral produzieren will.

Hamburg.  Die Dachterrasse des grauen Bürohauses an der Willy-Brandt-Straße ist ein guter Ort, um zu zeigen, wie viel Holcim in Hamburg steckt. Wohin man auch blickt: Fast immer ist ein Gebäude im Bild, für das das Baustoffunternehmen einst den Beton geliefert hat - oder eine Baustelle, die gerade beliefert wird. In den nächsten Jahren aber wird das Holcim-Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Im Abendblatt-Interview sagt Deutschlandchef Thorsten Hahn, wohin er mit den Mitarbeitern der Unternehmenszentrale am liebsten umziehen möchte, welche Folgen die Corona-Pandemie für den Konzern hat – und wie das Zementwerk bei Itzehoe künftig zur Herstellung von umweltverträglichem Flugzeugkraftstoff beitragen soll.

Hamburger Abendblatt: Herr Hahn, wie weit sind Sie bei der Suche nach einem neuen Standort?

Thorsten Hahn: Wir sind hier Mieter, stehen aber nicht unter Druck schnell auszuziehen. Trotzdem haben wir den Entschluss gefasst, den Standort zu wechseln und uns bereits eine Reihe von Objekten angeschaut. Hamburg zu verlassen, stand nie zur Debatte. Die Stadt hat eine hohe Anziehungskraft für junge Leute, die wir gern gewinnen möchten. Die endgültige Entscheidung über den neuen Standort wird bis Jahresende fallen, der Umzug aber nicht vor 2022 sein.

Welche Stadtteile sind Ihre Favoriten?

Hahn: Es wird in jedem Fall ein Standort in der oder nahe der Innenstadt sein. Eine Lage im Kernbereich ist wichtig, weil sehr viele unserer Mitarbeiter den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Da ist es natürlich nicht sinnvoll, an den Stadtrand zu ziehen.

Es heißt wegen der Corona-Pandemie würden die Büromieten in Hamburg deutlich fallen. Kann das Unternehmen davon profitieren?

Hahn: Ich fürchte, ich bin zu wenig Experte in solchen Fragen. Die finanziellen Aspekte stehen bei dem Umzug ohnehin nicht im Vordergrund. Wir werden uns zwar absehbar etwas verkleinern, die Mitarbeiter werden zusammenrücken, das fördert die Kommunikation und die Teamarbeit.

In der Halbjahresbilanz des Konzerns hat Corona deutliche Spuren hinterlassen. Zementabsatz und Umsatz gingen um mehr als zehn Prozent zurück. Wie ist die Lage auf dem deutschen Markt?

Hahn: In Deutschland hat sich der Bau in der Corona-Krise bislang sehr tapfer geschlagen. Für uns war die größte Herausforderung, ständig lieferfähig zu sein, und das waren wir. Das Geschäft hierzulande ist viel stabiler gelaufen als etwa in Frankreich, wo es einen harten Lockdown am Bau gegeben hat. Hier waren es nur kurze Arbeitsstopps auf einzelnen Baustellen. Holcim wird in Deutschland voraussichtlich das Vorjahresergebnis erreichen. Allerdings ist unser Auftragsvorlauf mittlerweile geringer als zu Jahresbeginn.

Obwohl es gar nicht so schlecht lief, hat Holcim im April den Speditionen, die Zement und Beton transportieren, die Frachtraten um mehr als zehn Prozent gekürzt. Warum?

Hahn: Alle Beteiligten müssen in diesen Zeiten gemeinsam an den Kosten arbeiten. Wir selbst haben intern auch verschiedene Maßnahmen eingeleitet. Wir haben unsere Logistikstrukturen - wie etwa stark sinkende Dieselpreise - und unsere Geschäftspartner analysiert und sind so zu diesem Wert gekommen. Wir haben aber keinem Spediteur gesagt „Du musst die Preise senken, sonst kündigen wir den Vertrag“, sondern diese Fragen partnerschaftlich besprochen. Das ist ein normaler Prozess im Einkauf. Wir haben Einsparungen erreicht, und es sind weiter alle Transportpartner an Bord.

Hat ein langjähriger Vertragspartner Holcim auch schon einmal aufgefordert, die Preise zu senken?

Hahn: Ich glaube, so etwas kommt in allen Branchen regelmäßig vor. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, ist es auf dem Bau üblich zu sagen: Darüber müssen wir jetzt mal reden.

Wie wird sich Corona mittel- und langfristig auswirken? Auf welches Szenario stellt sich Holcim ein?

Hahn: Ich gehe derzeit davon aus, dass wir im kommenden Jahr nicht mehr das Umsatzniveau von 2020 erreichen. Das wird ein bisschen weniger werden. Der Wohnungsbau läuft weiter gut, das große Fragezeichen steht aber hinter dem Wirtschaftsbau. Es wird einige Firmen geben, die ihre Bauprojekte stoppen oder zeitlich verschieben.

Holcim bietet seit einigen Monaten sogenannten klimaneutralen Beton an. Was muss man sich darunter vorstellen?

Hahn: Ein wesentlicher Bestandteil von Beton ist bekanntermaßen Zement. Bei dessen Herstellung entsteht viel Kohlendioxid, auf den Beton umgerechnet etwa 300 Kilogramm pro Kubikmeter. Das lässt sich durch eine andere Rezeptur auf 200 Kilo verringern. Es ginge auch noch weniger, aber das ist aufgrund von Normen und Vorschriften noch nicht erlaubt. Die 200 Kilogramm kompensieren wir durch den Kauf von sogenannten Moor-Futures, also Investitionen in Wiedervernässungsprojekte. Moore sind ja ein sehr effektiver Speicher für Kohlendioxid. Wir unterstützen ganz bewusst Projekte in Deutschland.

Wieviel teurer ist dieser Beton für die Holcim-Kunden?

Hahn: Der Preis pro Kubikmeter liegt etwa 20 bis 30 Prozent höher. Man muss dabei allerdings wissen, dass die reinen Betonkosten eines neuen Bürogebäudes in der Regel nur sechs bis acht Prozent der gesamten Kosten ausmachen. Gemessen daran sind die Mehrkosten also überschaubar. Gleichzeitig lässt sich aber die Co2-Last, die durch den Neubau entsteht, um bis zu 30 Prozent reduzieren.

Wie gut verkauft sich klimaneutraler Beton?

Hahn: Der Anteil am gesamten Verkauf ist noch gering, aber das ist nicht überraschend. Wir sind ja erst seit einigen Monaten mit einem Produkt am Markt, für das man in der Planungsphase eines Bauprojekts erstmal ein Bewusstsein schaffen muss. Auch dafür, dass sich der Klimawandel nicht zum Nulltarif eindämmen lässt. Wir sehen aber ein großes Interesse von vielen Unternehmen, klimaneutral zu bauen und solchen Beton in die Ausschreibung eines Projekts aufzunehmen. Von der Planung bis zur Realisierung können dann schnell ein bis eineinhalb Jahre vergehen.

Allein das Zementwerk bei Itzehoe stößt eine Million Tonnen CO2 pro Jahr aus, fast so viel wie das Heizkraftwerk Wedel. Das ist nicht nur schädlich, sondern auch teuer, weil Holcim Verschmutzungsrechte kaufen muss…..

Hahn: Ich hätte trotzdem nichts dagegen, wenn der Preis dieser Rechte deutlich steigt, wir richten unsere Planungen danach aus, dass er es tut. Das Werk in Lägerdorf ist Teil eines Netzwerks mit anderen Unternehmen an Schleswig-Holsteins Westküste. Der Plan von Westküste100 ist – vereinfacht gesagt – mit Offshore-Windstrom in großem Stil zunächst grünen Wasserstoff herzustellen. Der Sauerstoff aus der Wasserstoffproduktion wird im Zementwerk in den Verbrennungsprozess eingespeist, was zu verbesserten Emissionswerten führt. Das CO2 wird abgeschieden und als Rohstoff in anderen Industrien eingesetzt. Aus Wasserstoff und dem CO2 soll dann Methanol erzeugt werden. Daraus wiederum lässt sich zum Beispiel synthetischer Flugzeugkraftstoff herstellen. Also: Mit grünem Strom wird grüner Wasserstoff produziert und unter Abscheidung von CO2 aus dem Zementwerk entstehen am Ende grüne Kraftstoffe.

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In welchen Zeiträumen denken Sie da?

Hahn: Wir wollen das zunächst in kleinerem Maßstab testen und erforschen. Dann wollen wir zügig in den großen Maßstab gehen, um tatsächlich das ganze Zementwerk zum CO2-neutralen Werk zu machen. Wir hoffen, dass es 2028 so weit ist, dass wir in Lägerdorf sozusagen klimaneutralen Zement herstellen. Das ist ein ambitioniertes Ziel, aber bei solchen Projekten ist es hilfreich, sich unter Zeitdruck zu setzen.

Sie sprechen von notwendiger Forschung. Ist das wirklich in acht Jahren zu schaffen?

Hahn: Technologisch ist für viele Dinge klar, wie es laufen muss. Die Voraussetzungen, dass wir das schaffen können, sind schon da. Natürlich gibt es noch Hürden, die man aber nach heutigem Wissen überwinden kann. Wir und unsere Partner im Netzwerk wollen das, und dann kann man das auch schaffen. Ich vergleiche das gern mit dem Plan für eine Mondlandung. Dazu muss man erstmal ins All. Ich würde sagen: Im All sind wir schon. Wie wir die Landung hinbekommen, das müssen wir im Detail noch klären.