Klimaschutz

Shell baut 1000 E-Ladesäulen an Tankstellen

Jan Toschka, Tankstellenchef von Shell Deutschland, an einer neuen E-Auto-Ladesäule auf dem Firmengelände in Hamburg.

Jan Toschka, Tankstellenchef von Shell Deutschland, an einer neuen E-Auto-Ladesäule auf dem Firmengelände in Hamburg.

Foto: Christian Charisius / dpa

Autofahrer können bei neuem CO2-Ausgleichsprogramm 1,1 Cent je Liter Sprit für Umweltprojekte spenden.

Hamburg. Auch in diesem Jahr haben kritische Aktionäre den britisch-niederländischen Mineralölkonzern Shell auf der – virtuellen – Hauptversammlung im Mai wieder kräftig unter Druck gesetzt, sich wesentlich ehrgeizigere Klimaschutzziele zu stecken. Anteilseigner mit immerhin 14,4 Prozent der Stimmrechte votierten diesmal für eine entsprechende Resolution, im Vorjahr waren es erst 5,5 Prozent.

Ohne Wirkung bleiben solche Bemühungen offenbar nicht. So will Shell in Deutschland nun bis spätestens 2050 ein „Netto-Null-Emissions-Unternehmen“ sein. Bis 2030 sollen die eigenen Treibhausgasemissionen und jene, die entstehen, wenn Kunden die Shell-Produkte verbrauchen, um mehr als ein Drittel gesenkt oder kompensiert werden. Ein entsprechendes CO2-Ausgleichsprogramm startet am morgigen Mittwoch an gut 1400 der bundesweit rund 2000 Shell-Tankstellen.

Shell will 1000 Schnellladesäulen für Elektroautos errichten

Außerdem will das Unternehmen bis 2030 rund 1000 Schnellladesäulen für Elektroautos an seinen Tankstellen errichten, sagte Fabian Ziegler, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Shell Holding mit Sitz in Hamburg. Derzeit sind 70 bis 80 Stationen damit ausgestattet, erklärte Jan Toschka, Chef des Tankstellengeschäfts in Deutschland, Österreich und der Schweiz: „Es sollen etwa 100 pro Jahr hinzukommen.“ Dabei handele es sich um Ladesäulen mit mindestens 150 Kilowatt Leistung: „Damit kann man innerhalb von nur fünf bis sieben Minuten weitere 100 Kilometer Reichweite laden“, so Toschka.

Im Frühjahr hatte die Installation der Schnellladesäulen begonnen. Das Hamburger Unternehmen Adler Smart Solutions wurde von Shell beauftragt, zunächst 40 solcher Ladepunkte an 20 Tankstellen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin einzurichten. In der Hansestadt und in Schleswig-Holstein sind nach Angaben einer Firmensprecherin einige Standorte bereits damit ausgestattet, in Berlin gehe die erste Säule im November in Betrieb. Shell kooperiert bei der Elektromobilität außerdem mit dem Stuttgarter Stromkonzern EnBW.

Lesen Sie auch:

CO2-Ausgleichsprogramm: Pro Liter Treibstoff 1,1 Cent zusätzlich

Mit dem am Mittwoch startenden CO2-Ausgleichsprogramm will Shell nach eigenen Angaben auch der großen Mehrheit derjenigen Autofahrer, die noch kein Fahrzeug mit Elektroantrieb besitzen, die Möglichkeit geben, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. „In Deutschland sind bisher noch 99 Prozent aller Autos mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet, und die allermeisten Autofahrer werden auch in den kommenden Jahren noch konventionellen Kraftstoff tanken“, so Toschka.

An den Kassen der Shell-Tankstellen werden die Fahrer künftig gefragt, ob sie das CO2 ausgleichen möchten, das sie durch das Verbrennen des Kraftstoffes verursachen. Antworten sie mit Ja, wird pro Liter Benzin, Diesel oder Autogas ein Betrag von 1,1 Cent zusätzlich berechnet und auf der Rechnung ausgewiesen. Shell selbst übernimmt die Kosten des CO2-Ausgleichs für Herstellung und Vertrieb des Kraftstoffs. Das sind laut Toschka o,2 bis 0,3 Cent je Liter.

Das Geld geht an zwei Waldschutz- und Entwicklungsprojekte

Empfänger des Geldes aus dem Kompensationsprogramm sind zwei Waldschutz- und Entwicklungsprojekte in Peru und in Indonesien. Sie stellen dafür sogenannte Emissionsgutschriften aus. „Die effektiven CO2-Einsparungen dieser Projekte werden von unabhängigen Zertifizierern geprüft und bewertet“, heißt es dazu von Shell.

Darüber hinaus ist das Unternehmen im Zuge des neuen Angebots eine Partnerschaft mit den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten eingegangen und unterstützt ein lokales Aufforstungsprojekt: Auf drei Arealen mit einer Gesamtfläche von 20 Hektar vormals landwirtschaftlich genutzter Flächen soll ein „klimaangepasster Mischwald mit überwiegend heimischen Baumarten“ gepflanzt werden. Das Projekt mit einer Laufzeit von fünf Jahren startet noch in diesem Jahr. Hieraus werden aber keine Emissionsgutschriften für Ausgleichszwecke generiert.

Umweltschützer kritisieren den Vorstoß von Shell

Schon seit längerer Zeit bietet Shell den Kunden in Großbritannien und in den Niederlanden einen CO2-Ausgleich an. Dort werde dies von „bis zu 20 Prozent“ der Autofahrer genutzt, so Toschka. Bei einer Kundenbefragung in Deutschland zu Jahresbeginn hätten 20 bis 25 Prozent der Fahrer ihre Bereitschaft erklärt, den Zusatzbetrag für die Kompensation zu zahlen. „Bei einem Jahresbedarf von etwa 900 Litern Benzin oder Diesel ergeben sich Kosten für den CO2-Ausgleich von rund elf bis 13 Euro“, so Toschka: „Ich denke, das ist ein Betrag, den sich viele Menschen leisten können.“ Das Kompensationsprogramm wurde erstmals im Februar von Shell angekündigt, und es hätte ursprünglich bereits im April starten sollen. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie verschob man den Beginn.

Umweltschützer kritisieren den Vorstoß von Shell. „Ein solcher Marketing-Schachzug soll das Image schönen – dem Klima hilft er keinen Deut“, sagt dazu Benjamin Stephan, Verkehrsexperte bei Greenpeace: „Sogenannte Kompensation nimmt den Druck von den Unternehmen, tatsächlich weniger CO2 auszustoßen – man kauft sich einfach frei.“ Stephan hat unter anderem Zweifel am Sinn der Projekte, die für Shell die Ausgleichszertifikate ausstellen: „Wir haben uns gerade mit dem Waldschutzprojekt in Indonesien auseinandergesetzt. Aus unserer Sicht ist es mehr als fraglich, ob es zum Klimaschutz beiträgt.“

Bei Shell sollen weltweit bis zu 9000 Stellen abgebaut werden

Kritikwürdig findet der Experte aber auch den von Shell bei der Berechnung der Kompensationskosten verwendeten Ausgleichssatz von umgerechnet rund 3,40 bis 4,24 Euro je Tonne CO2 : „Um den Klimaschaden des Ausstoßes einer Tonne CO2 zu bewerten, setzen Wissenschaftler in der Regel mindestens einen hohen zweistelligen Euro-Betrag an“, sagt Stephan. „Das Umweltbundesamt hält 180 Euro für angemessen.“

Wenn Shell wirklich etwas für das Klima tun wolle, müsse der Konzern die Förderung von Öl und Gas stoppen und komplett auf erneuerbare Energien umstellen, müsse also „sein Geschäftsmodell vollständig neu erfinden“. Einen Anfang hat Shell gemacht: Weltweit sollen bis zu 9000 Stellen abgebaut werden, vor allem in der Förderung von Öl und Gas.