Corona-Krise

Damen- und Herrenmode: So geht es dem Hamburger Einzelhandel

| Lesedauer: 7 Minuten
Melanie Wassink, Martin Kopp und Heiner Schmidt
Auch Policke-Inhaber Claus Burchard hat aktuell hohe Umsatzeinbußen. Längerfristig hofft er wegen der guten Beratung in seinem Geschäft zu den Gewinnern in der Branche zu gehören.

Auch Policke-Inhaber Claus Burchard hat aktuell hohe Umsatzeinbußen. Längerfristig hofft er wegen der guten Beratung in seinem Geschäft zu den Gewinnern in der Branche zu gehören.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Herrenausstatter wie Policke leiden unter dem Trend zum Homeoffice. Auch festliche Garderobe ist schwer verkäuflich.

Hamburg. Erst stürzten die Corona-Krise und ihre Folgen die gesamte Branche in eine tiefe Krise, inzwischen wittern manche Modefirmen eine Chance darin, dass weiter Millionen Beschäftigte vorwiegend zu Hause arbeiten und nicht im Büro. Corona und Homeoffice hätten den Trend zu eher legerer Kleidung verstärkt, da sei man bestens aufgestellt, frohlockt etwa die Hamburger Modekette Tom Tailor, die vor wenigen Monaten mit Staatshilfe vor der Pleite gerettet werden musste. Unter anderem durch eine Millionen-Bürgschaft, für die Hamburgs Steuerzahler geradestehen.

Mitarbeiter des Hamburger Herrenausstatters Policke in Kurzarbeit

Doch für Händler, die ihren Schwerpunkt nicht auf Freizeit-, sondern auf eher festliche Bekleidung legen oder vorwiegend klassische Büro-Outfits auf der Stange und im Regal haben, ist der Geschäftsgang weiter schleppend. Der Umsatz sei zeitweise um bis zu 80 Prozent eingebrochen, sagt etwa Claus Burchard, der Inhaber des Hamburger Herrenausstatters Policke. Mehr als 50 der 70 Beschäftigten des auf Anzüge spezialisierten Traditionsgeschäfts in der Nähe des Steindamms sind immer noch in Kurzarbeit. Vor allem im Verkauf und in der Schneiderei ist spürbar weniger zu tun.

Auch die Hersteller haben Probleme

Policke ist da keineswegs allein, und auch die Hersteller sind arg gebeutelt. So musste die deutsche Bekleidungsindus­trie insgesamt im ersten Halbjahr ein Umsatzminus von knapp 20 Prozent hinnehmen, ermittelte das Statistische Bundesamt. Manche Marktsegmente sind dabei stärker unter Druck. „Besonders hart trifft es die Hersteller der klassischen Business- und anlassbezogenen Bekleidung, insbesondere im Herrenbereich“, sagt der Präsident des deutschen Modeverbandes GermanFashion, Gerd Oliver Seidensticker.

„Homeoffice und Anzug passen nicht zusammen.“ Das besondere Dilemma: Nachholeffekte wie in anderen Branchen stellten sich im Modehandel nicht ein – und sind für die Zukunft auch nicht zu erwarten. „Solche Käufe werden von den Verbrauchern nicht nachgeholt“, sagt Seidensticker.

Auch die Hersteller von Krawatten leiden in einer Zeit, in der allgemein akzeptiert ist, dass Teilnehmer einer Videokonferenz in eher legerer Kleidung vor der Kamera sitzen. Wer sich da wie ehedem im Büro im Dreiteiler präsentiert, hat schon fast Exotenstatus. Krawatten wurden zuletzt zunehmend weniger verkauft, so der BTE-Handelsverband Textil. Bei den Bindern sei mit einem Umsatzrückgang von mindestens 50 Prozent in Fachgeschäften, dem sogenannten stationären Handel, zu rechnen.

Policke-Inhaber Burchard führt den massiven Einbruch beim Krawatten-Verkauf allerdings nur zum Teil darauf zurück, dass mehr zu Hause gearbeitet wird. Der Hauptgrund sei schlicht eine Änderung des Kundengeschmacks. „Krawatten gingen schon vor der Pandemie schlecht. Die Binder sind alle paar Jahre einfach out“, sagt der Herrenausstatter.

Festliche Kleider wurden zeitweise zum Ladenhüter

Auch im Bereich Damenmode habe es deutliche Verschiebungen gegeben, heißt es in der Branche. Eher festliche Kleider wurden zeitweise zum Ladenhüter, weil die Anlässe, sie öffentlich zu tragen, vorübergehend einfach nicht stattfanden. Wer braucht schon ein neues Cocktailkleid, wenn Cocktailpartys aufgrund behördlicher Auflagen praktisch verboten sind?

Wer kauft eine festliche Robe, um sie bei einer Hochzeit zu tragen, wenn Hochzeiten abgesagt werden müssen? Den deutschen Luxusmodehersteller Escada trieb die Krise kürzlich bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre in die Insolvenz. Corona war dabei allerdings nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Escada hatte schon zuvor geschwächelt.

Auch der Kölner Traditionshändler AppelrathCüpper musste wegen der Corona-Pandemie im April Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Zu hohe Mieten bei zu geringen Umsätzen – die Geschäftsführung zog die Reißleine. Schon zuvor waren auch die beiden Hamburger Filialen an der Mö und im AEZ zeitweise geschlossen.

An beiden Standorten läuft das Geschäft aber wieder. Finanzchef Heinrich Ollendiek bekräftigte nun gegenüber dem Abendblatt: „Ich bin zuversichtlich, dass wir unsere beiden Häuser in Hamburg erhalten werden.“ Die betriebsinternen Verhandlungen dauern aber etwas länger als ursprünglich geplant. Das Management wollte an sich schon bis Ende Juli Klarheit darüber haben, wie es mit allen Standorten weitergeht.

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