Digitale Visitenkarte

Hamburger Start-up: Von der Schulbank auf den Chefsessel

Davis Zöllner (l.) und Berkay Cankiran mit der digitalen Visitenkarte für das  Smartphone.

Davis Zöllner (l.) und Berkay Cankiran mit der digitalen Visitenkarte für das Smartphone.

Foto: Roland Magunia

Davis Zöllner (17) und Berkay Cankiran (18) haben eine neue digitale Visitenkarte erfunden. Sie gründen eine Firma.

Hamburg.  Für Davis Zöllner und Berkay Cankiran steht fest: Sie wollen so schnell wie möglich mit ihrem eigenen Unternehmen durchstarten, und, das betonen beide, auch so schnell wie möglich raus aus der Theorie von Schule und Studium. „Wir lernen seit der achten Klasse, was Gedichtanalyse ist“, beklagt Berkay, „aber wir wissen nicht, wie man eine Steuererklärung macht“. Der Unterricht sei viel zu theoretisch, so Berkay. „Warum kann man nicht auch in Rhetorik unterrichtet werden oder für Bewerbungsgespräche?“, fragt der Hamburger.

Davis, ein selbstbewusster, kommunikativer 17-Jähriger, und Berkay, 18 Jahre alt und der Technikkopf ihrer Firma Taag Solutions UG, die zurzeit in Gründung ist, haben sich auf einer für Jungen ihres Alters untypischen Veranstaltung kennengelernt. Auf dem Networkingtreffen für Unternehmer in Bremen. Berkay bot Davis seine Kontaktdaten an und hielt ihm dazu sein Smartphone entgegen. Eine Sekunde später hatte Davis Namen, Telefonnummer und Adresse von Berkay auf seinem eigenen Handy. Davis war begeistert über den schnellen Datenaustausch. Die Geschäftsidee der beiden war geboren.

Alternative zur Visitenkarte

Als Teenager machen sie sich nun selbstständig, in einem Alter, in dem sich andere eher für Computerspiele begeistern, als sich in die Technologie einzufuchsen. „Ich habe die Software entwickelt, um vielleicht später daraus ein soziales Netzwerk zu machen“, sagt Berkay, der seit seinem 13. Lebensjahr programmiert. Während der Corona-Zwangspause in der Schule habe er Tag und Nacht gearbeitet, um seine Idee zur Marktreife zu bringen. Allein in den Datenschutz hat er Wochen investiert.

Herausgekommen ist eine Art digitale Visitenkarte, die durch das Aneinanderhalten zweier Smartphones übertragbar ist. Nicht nur das: Wenn ein Kontakt seine Adresse ändert, ist durch einfaches Aktualisieren auch diese neue Info für das Gegenüber erkennbar. „Wir haben uns mit unserer Firma Taag Solutions als Ziel gesetzt, eine Alternative zur Visitenkarte zu bieten und den Kontaktaustausch komplett zu digitalisieren“, sagt Davis, der quasi als Außenminister der Firma fungiert und sich um Marketing und Vertrieb kümmert.

Konkurrenzprodukte kennt Davis bisher nur aus den USA

Die Infos werden mithilfe von NFC (= Near Field Communication) übertragen, dem internationalen Standard zum kontaktlosen Austausch von Daten. „Weltweit werden täglich Millionen Visitenkarten gedruckt“, argumentiert Berkay für die Idee von Taag Solutions. Dazu komme, dass die herkömmlichen Karten in den meisten Fällen weggeworfen oder die Kontaktinformationen falsch abgeschrieben würden. „Diese Papier- und Zeitverschwendung kann doch umgangen werden“, wirbt Davis für die Idee der Gründer.

Geld verdienen wollen die beiden mit dem Verkauf der Sticker (englisch: Tag), die der Kunde auf das Handy klebt und sein Nutzerprofil erstellt. Der Datenaustausch funktioniere dann, indem das Gegenüber sein Handy an den Sticker halte. Konkurrenzprodukte kennt Davis bisher nur aus den USA, dort sei der Datenschutz aber nicht vergleichbar mit Europa. Kostenpunkt des Stickers für Privatkunden: Knapp 13 Euro, bestellbar über die Seite mytaag.com. Anhand der angepeilten Verkaufszahlen formuliert Davis ein ehrgeiziges Ziel: Bis Ende 2021 wolle das Start-up einen Umsatz von zwei Millionen Euro erzielen.

Bereits sieben Vertriebspartner

Davis, der den Verkauf ab sofort auf eine internationale Basis stellen will, hat bereits sieben Vertriebspartner auf Provisionsbasis gefunden, in Deutschland, Indien, Japan und Litauen. Produzieren lassen die Schüler in Italien und Deutschland. Davis, der in Schwarzenbek zur Schule geht, und Berkay, der gerade am Gymnasium Klosterschule am Berliner Tor sein Abitur gemacht hat, gehören zu eher wenigen Menschen in Deutschland, die sich in die Selbstständigkeit trauen. Während Jüngere noch häufiger den Traum vom eigenen Unternehmen verfolgen, nimmt der Wunsch bei Erwachsenen, sich selbstständig zu machen, von Jahr zu Jahr ab.

Nur 26 Prozent der Erwerbstätigen konnten sich 2019 laut einer Befragung der KfW vorstellen, ihr eigener Chef zu sein. Und nach Angaben der Gründungsanalyse Global Entrepreneurship Monitor erreicht Deutschland gerade einmal Platz 36 von 54 betrachteten Ländern, wenn es um Gründungen geht. Ganz vorne liegt das Nachbarland Niederlande, gut bewertet werden aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar. Unter den europäischen Ländern liegen darüber hinaus noch Schweden und die Schweiz unter den Top zehn.

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Für Davis und Berkay ist die Arbeit, die sie in ihr Start-up stecken, eher Spaß als Verpflichtung. „Wir wollen die Freiheit genießen, selbst Dinge umzusetzen“, beschreiben sie ihre Motivation. Dabei sind die bürokratischen Hürden bei Jugendlichen hoch. Davis ist noch nicht geschäftsfähig, daher muss er bei Behörden viele Ausnahmegenehmigungen erwirken, um dennoch als Unternehmer anerkannt zu werden. „Meine Eltern und meine Lehrer unterstützen mich“, sagt Davis, der laut Berkay trotz des ganzen Aufwandes, den er für das Start-up treibt, ein sehr guter Schüler ist. Und offenbar ist sein Umfeld nicht typisch für die sonst häufig anzutreffende Skepsis gegenüber dem Unternehmertum: Davis wird sogar hin und wieder von der Schule freigestellt, um seine Arbeit für die Firma verfolgen zu können.