Hamburg

Gewerkschaften: „Das Homeoffice ist kein Paradies“

Neun Gewerkschafter (von links) zeigen am Mittwoch im Innenhof des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof Flagge: Emanuel Glass (IG Metall), Anne Widder (NGG), Fredrik Dehnerdt (GEW), Frank Maur (EVG), Jan Koltze (IG BCE), Katja Karger (DGB), Sieglinde Frieß (Ver.di), Horst Niens (GdP) und Matthias Maurer (IG Bau).

Neun Gewerkschafter (von links) zeigen am Mittwoch im Innenhof des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof Flagge: Emanuel Glass (IG Metall), Anne Widder (NGG), Fredrik Dehnerdt (GEW), Frank Maur (EVG), Jan Koltze (IG BCE), Katja Karger (DGB), Sieglinde Frieß (Ver.di), Horst Niens (GdP) und Matthias Maurer (IG Bau).

Foto: Michael Rauhe

Hamburgs Gewerkschaften weisen auf Probleme für Beschäftigte in der Corona-Krise hin. Kritik an Klier und Otto – aber auch am Senat

Hamburg.  Als die Corona-Krise losging, war Anne Widder in neuer Rolle gefragt. „Wir haben eher Schuldenberatung und Seelsorge gemacht, weil die Leute wirklich verzweifelt waren“, sagt die Gewerkschaftssekretärin von Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Bekanntlich gehören die Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe eher zu den Geringverdienern. Wenn man mit 1200 bis 1500 Euro brutto nach Hause gehe und dann darauf Kurzarbeitergeld von 60 oder 67 Prozent des letzten Nettogehalts bekomme, „ist man hier in dieser Stadt nicht existenzfähig“, sagt Widder und beschreibt damit die Probleme vieler Beschäftigter in der Branche.

Von einer anderen Lage weiß Horst Niens zu berichten. „Als Polizei haben wir während der Corona-Pandemie nicht gelitten“, sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Hamburg. Es habe keine Kurzarbeit gegeben. Sondern im Gegenteil. Die Polizisten seien mehr beschäftigt gewesen als zuvor.

Die Lage in den Branchen ist stark unterschiedlich

Acht Gewerkschaften waren am Mittwoch der Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ins Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof zu einer gemeinsamen Pressekonferenz gefolgt. „Wir möchten ein Bild vermitteln, das nicht von den Arbeitgeberverbänden geprägt ist, sondern von den Beschäftigten selbst, die jetzt seit einem halben Jahr mit der Situation umgehen müssen“, sagt Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger. Zwar sei die Lage in den Branchen stark unterschiedlich – wie auch bei den Kurzvorträgen der anderen Gewerkschafter deutlich wurde. Aber auf ein Motto aus drei Schlagwörtern habe man sich geeinigt: Sicherheit, Perspektiven und Gerechtigkeit.

Viele Firmen würden derzeit die günstige Gelegenheit wittern, Mitarbeiter loszuwerden, von denen man sich ohnehin schon lange trennen wollte. „In allen Unterstützungsmaßnahmen, die der Staat und die Stadt Hamburg rausgeben, muss festgelegt sein, dass diese an gute Beschäftigung gebunden sind“, sagt Karger. Jobsicherung stehe also an erster Stelle. Wer dennoch entlassen werde, brauche die Sicherheit vor einem sozialen Absturz. Das Arbeitslosengeld und Hartz-IV-System müsse verbessert und „menschenwürdiger“ werden.

Im Homeoffice nähmen Alkoholismus und psychische Probleme zu

Das Schlagwort Perspektiven drängt auf eine bessere Qualifizierung und Weiterbildung. Zudem dürfe die Ausbildung nicht vergessen werden, damit die jüngere Generation nicht verloren gehe. Die Hälfte der Beschäftigten würde mittlerweile mobil arbeiten. Damit seien vielfältige Probleme verbunden. So gebe es vermehrt Rückmeldungen über Rückenschmerzen nach einem halben Jahr Arbeiten auf der Küchenbank. Alkoholismus und psychische Probleme nähmen zu, so Karger: „Das Homeoffice ist kein Paradies. Das muss man sehr viel deutlicher machen als bisher geschehen.“

Einen besonders starken Akzent setzte die Gewerkschafterin aber auf das Thema Gerechtigkeit. „Je ärmer, desto verheerender sind die Folgen von Corona für jeden Einzelnen“, sagt Karger. So würden beim Kurzarbeitergeld Überstunden, Wochenendarbeit und sonstige Zuschläge nicht miteinberechnet werden. Insbesondere damit hielten sich Geringverdiener aber über Wasser. „Da muss nachgesteuert werden“, fordert sie.

Staatliche Einnahmen müssten steigen

Scharfe Worte findet sie für die Friseurkette Klier. Das Unternehmen sei dadurch aufgefallen, „dass sie ihre Betriebsräte rausmobben, dass sie die Beschäftigten tyrannisieren“ und die Mitbestimmung unterliefen. Aber auch Klier erhalte nun staatliche Hilfen. Da frage sie sich schon, nach welchen Kriterien solche Entscheidungen getroffen würden.

Auch ein bekannter Hamburger Konzern erntet Kritik. „Otto ist auch so ein Beispiel“, sagt Karger. In Bramfeld soll im nächsten Jahr der Retourenbetrieb Hermes Fulfilment geschlossen werden. 840 Beschäftigten droht die Entlassung. Das sei „mit Sicherheit nicht im Interesse der Bundesrepublik und der Steuereinnahmen“. Die Veränderungen dürften nicht einseitig auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Die Firmen müssten ihre soziale Verantwortung gegenüber den Beschäftigten wieder stärker übernehmen.

Statt Sparpakete zu schnüren, sollen die staatlichen Einnahmen erhöht werden. „Wir müssen das Vermögen viel stärker besteuern als bisher“, sagt Karger. Der DGB fordert zum Beispiel die Wiedereinführung der Vermögen-, eine höhere Erbschaftssteuer und eine stärkere Besteuerung der Kapitalerträge. Auch eine Besteuerung von Leerständen sei eine interessante Idee. „Wir brauchen ein Umdenken, um eine noch größere soziale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern“, sagt Karger. Auch die Position des Staates müsse gestärkt werden. In Corona-Zeiten habe man gemerkt, dass ein starker Staat das Einzige sei, was in solchen Krisensituationen helfe.

Lob für Hamburger Senat, aber...

Grundsätzlich lobende Worte findet Karger für den Senat. Zusammen mit der Bundesregierung sei „sehr schnell, sehr unmittelbar und sehr aktiv“ gehandelt und seien fehlende Hilfsmaßnahmen ergänzt worden. Häufig würden mit den Programmen aber nur den Unternehmen und nicht automatisch den Beschäftigten geholfen. Da wolle man verstärkt darauf hinwirken.

Sieglinde Frieß findet hingegen auch kritische Worte für die Politik. „Ich hätte mir gewünscht, dass der Senat ein bisschen mehr Vorbild ist in seinem eigenen Laden“, sagt die stellvertretende Ver.di-Landesbezirksleiterin. „Es wurden Kollegen Boni versprochen, die kamen aber nicht.“