Hamburg

Immer mehr Menschen erfahren am Arbeitsplatz Gewalt

Vor dem DGB-Haus und einem Plakat der neuen Kampagne berichten am Montag Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aus ihrem Berufsalltag. Beim Gespräch dabei waren (von links nach rechts) Busfahrer Thomas Scheel, Thomas Schönfeldt von der Feuerwehr, Katja Karger vom DGB, Claudia Buch von der Bahn, Polizist Niels Sahling und der Lehrer Sven Quiring.

Vor dem DGB-Haus und einem Plakat der neuen Kampagne berichten am Montag Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aus ihrem Berufsalltag. Beim Gespräch dabei waren (von links nach rechts) Busfahrer Thomas Scheel, Thomas Schönfeldt von der Feuerwehr, Katja Karger vom DGB, Claudia Buch von der Bahn, Polizist Niels Sahling und der Lehrer Sven Quiring.

Foto: Michael Rauhe / Funke Foto Services

Hamburger Polizisten, Lehrer und Busfahrer werden häufiger beleidigt und angegriffen. DGB steuert mit einer Kampagne dagegen.

Hamburg. Den 29. August 2015 wird Claudia Buch wohl nie vergessen. An diesem Tag steigt die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn am Beginn ihrer Schicht in den Zug, als sich Fußballfans im Speisewagen eine Schlägerei liefern. „Dahinten ist eine Blutlache“, warnt der Zugchef die Kollegin. Der Bereich muss geschlossen werden.

Doch die rund 100 Krawallmacher sehen in der Sperrung auf ihrem Weg zurück aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg keinen Anlass zur Zurückhaltung. „Sie haben die Küche aufgebrochen“, erinnert sich die Restaurantleiterin. Und dann bleibt nichts mehr vor den Randalierern sicher: Sie wechseln das Bierfass aus, bedienen sich in den Regalen und verwüsten den Wagen. „Bis in die erste Klasse verteilte sich das Tiefkühlrührei“, beschreibt die 51-Jährige das Gemetzel und zeigt auf ihrem Handy ein Video von dem völlig verdreckten Zug.

Die Randale mancher Fahrgäste wie bei der Bahn sei nur ein Beispiel für anmaßendes Verhalten von Menschen gegenüber „Beschäftigten im Dienst der Gesellschaft“, bringt es am Montag Katja Karger, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Hamburg, auf den Punkt. Immer öfter erlebten Männer und Frauen in ihrem Beruf Ablehnung und sogar Gewalt vonseiten der Bürger.

Immer mehr Menschen erfahren am Arbeitsplatz Gewalt

Karger spricht von einem „Massenphänomen“. Die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn gehörte am Montag zu einer ganzen Reihe von Beschäftigten, die bei einem Pressegespräch auf ihre Nöte aufmerksam machten, darunter Polizisten, Lehrer und Busfahrer.

Aktuelle Zahlen zeigen die Dimension des Problems: 2019 gab es laut einer Senatsantwort auf eine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg allein 1939 Straftaten gegenüber Polizeivollzugsbeamten. Dazu kamen 87 Übergriffe auf Feuerwehrleute. „Die Leute pöbeln uns schon an, wenn wir mit dem Rettungswagen die Straße versperren“, berichtet Thomas Schönfeldt von der Feuerwehr über seine Erfahrungen.

Lehrer haben Angst vor Schülern

Sven Quiring von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hamburg erzählt von Kollegen, die als Lehrer Opfer von schwerer Gewalt werden. Dem Pädagogen ist selbst schon einmal ein Schüler an die Gurgel gegangen, als er während seiner Aufsicht einen Streit zu schlichten versucht hat. „Viele Lehrer haben Angst, die Schule zu betreten“, sagt der Hamburger.

Auch Claudia Buch von der Deutschen Bahn leidet noch immer unter den Folgen der Aggressivität der Fußballfans. „In größeren Gruppen bekomme ich Beklemmungen“, sagt die Hamburgerin. Insbesondere, wenn die Menschen angetrunken seien, habe sie Angst.

Die Leute müssen sehen, dass sie Menschen gegenüberstehen, fordert Karger einen besseren Umgang miteinander. Um auf das Problem des fehlenden Respekts aufmerksam zu machen, hat der DGB die Kampagne „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ ins Leben gerufen. „Ich fahre dich im Bus nach Hause – Und du verprügelst mich?“ ist auf einem der Plakate vor dem DGB-Haus am Besenbinderhof zu lesen.

Beleidigungen, Bedrohungen, Angriffe

Begleitet wird die Kampagne von einer Studie: Nach einer Befragung von 2000 Beschäftigten im Auftrag des DGB haben bundesweit 67 Prozent der Beschäftigten in den vergangenen zwei Jahren Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe erlebt. Und mehr als die Hälfte (57 Prozent) sagt, dass die Gewalt in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat. Befragt für die Studie wurden unter anderem Mitarbeiter bei der Bahn und Post, in Verkehrsbetrieben und bei der Polizei.

Fast jedem dritten Beschäftigten (30 Prozent) wurde sogar Gewalt angedroht, jeder Vierte körperlich bedrängt. 13 Prozent wurden angespuckt, elf Prozent getreten oder geschlagen. Jeder 20. wurde nicht nur mit einer Waffe bedroht, sondern damit auch angegriffen. In Hamburg ist vor zwei Jahren ein Behördenmitarbeiter sogar angezündet worden.

Freundlich zu sein reicht nicht

Mit zunehmender Gewalt ist – kaum überraschend – auch die Polizei konfrontiert. „Auf der Reeperbahn reicht es nicht mehr, die Leute anzusprechen“, sagt Niels Sahling. Die Worte „Stopp, Polizei“ hielten Schläger nicht von Angriffen ab, berichtet der Polizist von seiner Arbeit. Immer öfter müssten die Beamten Leute zu Boden zwingen und Handschellen anlegen, wenn es etwa mit Türstehern zu Raufereien gekommen sei. „Mehr als 90 Prozent der Menschen schätzen unsere Arbeit, aber einige haben eine Abneigung gegen den Staat, kommen nicht mit Autoritäten klar“, begründet der 30-Jährige die Entwicklung.

Für Thomas Scheel von den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein gehört Respektlosigkeit ebenfalls zum Alltag. Gerade in Zeiten, wo es in den Bussen mit der Maskenpflicht ein weiteres Diskussionsthema gebe, komme es zu Beleidigungen. Um sich gegen Pöbler zu wappnen, müssten die Busfahrer bereits Deeskalationskurse besuchen, sagt Scheel.

Die Corona-Regeln sind auch Thema für die Bahn: Aus Gewerkschaftssicht dürfen Zugbegleiter nicht dafür verantwortlich gemacht werden, die Maskenpflicht in der Bahn durchzusetzen. „Wir haben jeden Tag Übergriffe. Wir wollen die Kollegen nicht ans Messer liefern“, sagte kürzlich der Vize-Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Klaus-Dieter Hommel.

Statistik: Zahl der registrierten Straftaten sank 2019 in Hamburg um 3,6 Prozent

  • Insgesamt gab es 210.832 Delikte (niedrigster Stand seit 1981)
  • Gewaltkriminalität: 7186 Taten
  • Autodiebstahl: 1622 Fälle
  • Taschendiebstahl: 11.722 Taten
  • Rauschgiftkriminalität:13.953 Drogendelikte
  • Betrug: 30.636 Taten
  • Wohnungseinbrüche: 4313 Fälle
  • Die Aufklärungsquote stieg von 45,8 (2018) auf 46,7 Prozent. Diese ist im Bundesvergleich aber unterdurchschnittlich.

Selbst freundliches Verhalten werde nicht immer honoriert, hat Busfahrer Scheel in seinem eigenen Berufsalltag erfahren. Auf der Fahrt mit der Linie 225 habe er zwei Männer beobachtet, die schnell noch einsteigen wollten, obgleich die Türen schon geschlossen waren. „Ich habe gewartet“, erinnert sich Scheel an die Haltestelle in Bergedorf, „und sie hereingelassen“. Doch auf die Aufforderung, im vollen Bus nach hinten zu gehen, habe einer der Betroffenen ihm ein „Was willst du?“ entgegengeschleudert.

„Jetzt lasse ich die Türen zu, wenn noch jemand später kommt“, sagt der 59-Jährige. 30 Jahre fährt er jetzt Bus, und aus seinen Worten spricht die Resignation: „Es ist schon bedenklich, wenn sich etwas Positives so ins Negative verkehrt.“