Hermes Fulfilment

Otto schließt Retourenbetrieb in Hamburg – 840 Jobs weg

Eine Mitarbeiterin kontrolliert im Hermes Rücksendezentrum die Ware aus Paketen mit Retouren. Otto hat jetzt angekündigt, den Retourenbetrieb in Bramfeld zu schließen.

Eine Mitarbeiterin kontrolliert im Hermes Rücksendezentrum die Ware aus Paketen mit Retouren. Otto hat jetzt angekündigt, den Retourenbetrieb in Bramfeld zu schließen.

Foto: picture alliance

Die Arbeit wird von Bramfeld nach Osteuropa verlagert. Gewerkschaft ist empört und appelliert an „soziale Verantwortung“.

Hamburg. Es waren Gesichter voller Entsetzen, Wut und Unverständnis, in welche die Topmanager der Otto Group am Donnerstag schauten. Gerade hatten sie den Betroffenen persönlich mitgeteilt, dass in der zweiten Jahreshälfte 2021 der Retourenbetrieb der Otto-Tochter Hermes Fulfilment in Bramfeld geschlossen wird und alle 840 Beschäftigten ihre Jobs verlieren werden.

Seit den 1960er Jahren gibt es den Retouren-Standort in Hamburg, im nächsten Jahr wird er Geschichte sein. Dann werden auf dem Gelände der Otto-Zentrale keine zig Millionen Pakete mehr jedes Jahr per Lkw angeliefert, von den Beschäftigten ausgepackt, geprüft, gereinigt, weiterverkauft oder weggeworfen. Zumindest nicht in Hamburg. Die Arbeit wird künftig von den beiden Retouren-Standorten im polnischen Lodz und tschechischen Pilsen übernommen. Der einfache Grund: Dort ist die Arbeit billiger.

Gewerkschaft kann Ottos Entscheidung nicht nachvollziehen

„Im Gegensatz zur Zustellung von Bestellungen stehen bei Retouren nicht die Schnelligkeit, sondern vor allem die Kosten für die Prüfung und gegebenenfalls Instandsetzung von zurückgesendeten Waren im Vordergrund“, teilte der Konzern am Donnerstag schriftlich mit. Die Bearbeitung retournierter Waren befinde sich in einem „ganz besonders intensivem Wettbewerbsumfeld“. Der Kostenblock werde „immer erheblicher“ und habe zum Aus für den Standort Hamburg geführt. Zudem sei der Betrieb in Bramfeld der letzte, der „mit seinen verkehrlichen Belastungen mitten in einer Großstadt“ betrieben werde. Der Standort sei wirtschaftlich nicht mehr rentabel und könne deshalb leider nicht länger aufrechterhalten werden.

Gewerkschafterin Heike Lattekamp kann Ottos Entscheidung nicht nachvollziehen. „Wir sind entsetzt und empört über das Verhalten des Unternehmens. Damit hatten wir nicht gerechnet“, sagte die Ver.di-Fachbereichsleiterin für den Hamburger Handel dem Abendblatt. Die betroffenen Beschäftigten, vor allem Frauen in Teilzeit, hätten bei der aktuellen Lage im Einzelhandel kaum Chancen, einen neuen Job zu finden. „Otto betont sonst immer seine soziale Verantwortung. Davon ist jetzt nichts zu sehen.“

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Hermes Beschäftigte verzichteten bereits auf Lohn

Zudem hätten die Beschäftigten von Hermes Fulfilment in den vergangenen Jahren bereits auf Lohn verzichtet, damit der Hamburger Standort erhalten bleibe. Erst 2019 sei diesbezüglich eine neue Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung geschlossen worden, die im April 2021 auslaufe. „Und direkt danach sollen die Beschäftigten nun in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Das hat mit sozialer Verantwortung nichts mehr zu tun.“

Ein Sprecher der Otto Group zeigte gegenüber dem Abendblatt Verständnis für die Wut der Belegschaft, verwies aber nochmals auf die aus seiner Sicht ökonomische Notwendigkeit dieser Entscheidung. „Wir haben schließlich eine wirtschaftliche Verantwortung für das gesamte Unternehmen.“ Im Klartext: Der Retourenbetrieb in Hamburg gefährde den Erfolg von Hermes Fulfilment insgesamt. Otto-Vorstand Kay Schiebur sprach von einer Entscheidung, die der Konzern „schweren Herzens“ getroffen habe. Sie sei aber wirtschaftlich notwendig und dürfe auf keinen Fall „auf die lange Bank“ geschoben werden.

Schließung Hermes Fulfilment: "Ökologisch nicht nachvollziehbar"

Gewerkschafterin Lattekamp geht bei ihrer Kritik noch weiter, beklagt nicht nur das ihrer Meinung nach wenig soziale Verhalten des Konzerns. Sie spricht auch von einer ökologisch nicht nachvollziehbaren Entscheidung. Schließlich müssten die Waren nun zum Beispiel aus dem Norden oder Westen Deutschlands in die weit entfernten Retouren-Betriebe in Polen und Tschechien gefahren werden. „Was hat das noch mit der Nachhaltigkeit zu tun, die Otto so gerne für sich reklamiert?“ Lattekamp fordert die Otto-Führung auf, ihre Entscheidung zu revidieren. Ver.di wolle zügig mit Konzernleitung und Betriebsräten reden, um das Schlimmste noch abzuwenden. Auch Otto will reden, allerdings nur über Abfindungen und einen Sozialplan. An der Entscheidung zur Schließung des Retourenstandortes, die am Montag gefallen ist, soll aber nicht gerüttelt werden.

Als Arbeitsplatzvernichter sieht Otto sich trotz der Entscheidung gegen den Retourenbetrieb in Bramfeld nicht. „Wir halten unabhängig von dieser Planungsentscheidung am Aufbau weiterer Arbeitsplätze am Standort Deutschland und in Hamburg fest“, schreibt der Konzern. So investiere man bundesweit auch in Zukunft dreistellige Millionenbeträge in die logistische Infrastruktur. Die Zahl der Vollzeitstellen im Logistikbereich sei in den vergangenen Jahren um 15 Prozent auf rund 7300 gestiegen. Und in den kommenden beiden Jahren solle diese Zahl trotz der Schließung des Retourenbetriebs zumindest stabil bleiben.

Betroffen von der Schließung des Standorts Bramfeld sind meist Frauen

Die Betroffenen am Standort Bramfeld – zumeist Frauen – aus insgesamt 69 unterschiedlichen Nationen haben davon wenig. Denn bisher ist auch nicht vorgesehen, ihnen neue Jobs bei der Otto Group anzubieten. Gewerkschaft und Betriebsrat sind derweil bereit, für den Retourenbetrieb in Hamburg zu kämpfen. Man werde sich nun zusammensetzen und mit den Beschäftigten über „mögliche Aktionen“ sprechen, hieß es. Auf die Otto Group könnten also unruhige Zeiten zukommen.