Start-up

Sie schafft den Hamburgern ein Wohnzimmer im Garten

Sandra Schäfer steht vor ihrem Geschäft Balkonfreundin in Hamburg. Sie besucht ihre Kunden auch zu Hause.

Sandra Schäfer steht vor ihrem Geschäft Balkonfreundin in Hamburg. Sie besucht ihre Kunden auch zu Hause.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Mit ihrer Firma trifft Sandra Schäfer den Nerv der Zeit. Hamburger wollen ein Wohnzimmer für draußen – in Corona-Zeiten.

Hamburg.  Ein Balkon mit Lampions und duftenden Kräutern, mittendrin eine gemütliche Bank, dazu das Summen von Hummeln, die über bunten Blumen schweben. Ein kleines Paradies zu Hause, davon träumen spätestens in Zeiten von Corona immer mehr Hamburger.

„Die Idee für ein schönes Wohnzimmer für draußen haben viele“, sagt Sandra Schäfer, allerdings wüssten die meisten Leute nicht, wie sie diesen Wunsch umsetzen könnten. In diesen Fällen kommt die 48-Jährige mit ihrer Geschäftsidee gerade richtig.

Mit „Balkonfreundin“ hat sich San­dra Schäfer vor einiger Zeit selbstständig gemacht, ein Concept-Store in der Altstadt kam Ende 2019 noch dazu. Die Unternehmerin plant, gestaltet und pflegt die Balkone oder Terrassen der Hamburger. Knapp 100 solcher Designideen hat die kreative Frau schon an Alster und Elbe umgesetzt. „Man trifft viele nette Menschen, sieht tolle Häuser, es ist herrlich“, freut sich die Unternehmerin über ihre Arbeit, die den Nerv der Zeit trifft.

Gartenbetriebe steigern Umsätze in Corona-Pandemie

Denn die Menschen zieht es in ihre eigene grüne Oase, wenn draußen die Pandemie grassiert und in Zeiten des Lockdowns ohnehin keine Außenkontakte erlaubt sind. Sie säen, hacken und graben, und die Hersteller für Gartenzubehör haben sich zuletzt über gute Geschäfte gefreut. So hat Gardena seine Umsätze im ersten Halbjahr 2020 auf 631 Millionen Euro gesteigert, im Vergleich zu 569 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Auch Kärcher konnte die Einbußen bei den Industriekunden durch die gestiegene Nachfrage der Privathaushalte nach Gartengeräten und Dampfreinigern ausgleichen.

Sie hilft bei der Pflege der Pflanzen und der Planung

Sandra Schäfer hilft den Kunden bei der Pflege der Pflanzen, aber vor allem bei der Planung. Sie besucht die Menschen zu Hause und wählt dann die Blumen aus, die an dem jeweiligen Bestimmungsort am besten gedeihen. Wird der Balkon sehr heiß, herrscht Halbschatten, wie viel Platz ist vorhanden? Diese Fragen stehen im Vordergrund, und dann natürlich der Look, was passt zum Haus, zu den Möbeln? Daraus entstehen auch die Balkonkästen, eine Spezialität der Balkonfreundin, mit individuell ausgewählten Pflanzen, inklusive Bewässerungssystem. Kostenpunkt pro Kasten: Etwa 100 Euro.

Sandra Schäfer hatte nicht immer einen grünen Daumen. Sie studierte erst Sozialwissenschaften und arbeitete im Management einer großen Dekofirma. Als ihr Mann seine Frau dann vor einigen Jahren mit dem Schlüssel eines Schrebergartens in Flottbek überraschte, hängte sich die Mutter eines Sohnes richtig rein. Sie las Fachbücher, traf Experten und besuchte Kurse. Aus dem Schrebergarten wurde ihr Herzensprojekt. Vor einigen Jahren errang sie bei einem Wettbewerb um die schönste Terrasse in Hamburg den ersten Platz, dabei gärtnerte sie damals noch nebenberuflich. „Und jetzt habe ich meinen Traumjob schlechthin“, freut sich die Gründerin, die schätzt, im nächsten Jahr etwa 300 Balkone gestalten zu können.

Deutsche geben jedes Jahr etwa 1,5 Prozent mehr für Balkongestaltung aus

Die Chancen für ein erfolgreiches Wachstum ihres Start-ups sind groß. Denn auch unabhängig von Corona bewegt sich die Balkonfreundin in einem aufblühenden Markt. Knapp 60 Millionen Menschen leben in einer Wohnung mit Balkon oder Terrasse. Und die Kauflaune dieser Verbraucher steigt. Bereits in den vergangenen fünf Jahren haben die Deutschen im Jahresdurchschnitt jeweils 1,5 Prozent mehr für die Gestaltung ihrer Balkone und Gärten ausgegeben. Vor allem, weil die schönen Sommer das Leben draußen beflügeln.

Auch der Trend zum Kochen, der in Corona-Zeiten noch einmal zugelegt hat, lenkt die Aufmerksamkeit auf den Balkon: „Wenn ich mein Essen mit meinen eigenen Kräutern zubereite, oder mein Wasser mit Minze und Gurke verfeinere, dann macht das eine totale Freude“, beschreibt Sandra Schäfer die Nebeneffekte des Gärtnerns. Darüber hinaus machten sich viele Kunden Gedanken über die Umwelt.

Insektenfreundliche Blumen

„Wie kann ich etwas gegen das Insektensterben tun, wie den Bienen helfen“, sind die Fragen, mit denen die Unternehmerin bei ihren Besuchen in Barmbek oder Bergedorf konfrontiert wird. Auch Tipps für länger blühende Pflanzen hält die Gründerin dann parat, wenn sie den Balkon ihrer Kunden plant oder pflegt. Schließlich bietet Sandra Schäfer nicht nur einen Balkonkasten-Lieferservice, sondern auch ein Betreuungspaket an, bei dem sie mehrmals im Jahr vorbeikommt und nach der Gesundheit des Grüns schaut, nach Nützlingen und Schädlingen.

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In ihrem neuen Geschäft an der Reimerstwiete bietet die gebürtige Wolfsburgerin zudem Workshops an. Für Basteleien mit Pflanzen, dem Gestalten von Adventskränzen, aber auch Kurse fürs Töpfern oder Illustration. Das Geschäft in der Nachbarschaft der ältesten Häuser der Hansestadt bietet zudem etliche Ideen zum Nachmachen, hier hängen Makramee-Traumfänger von der Decke, werden Blüten gefärbt und Pflanzen getrocknet. Retro-Chic, Shabby- und Scandi-Style vereinen sich in dem Eckladen mit ungewöhnlichen Blumenarrangements. Nach der Schließung während der Hochphase der Pandemie ist der Laden jetzt wieder geöffnet – und Sandra Schäfer freut sich hier nun wieder auf alle, die ihr Zuhause in ein grünes Paradies verwandeln wollen.