Fischfang

Warum Nordseekrabben derzeit so teuer sind

Für das klassische Krabbenbrötchen wird man wohl bald deutlich mehr zahlen müssen – und manche Krabbenfischer stehen vor der Insolvenz.

Für das klassische Krabbenbrötchen wird man wohl bald deutlich mehr zahlen müssen – und manche Krabbenfischer stehen vor der Insolvenz.

Foto: imago/Henning Scheffen

Die Corona-Pandemie wirkt sich auch auf den Verkauf der Schalentiere aus. In der Krise sind Fischkonserven gefragt.

Hamburg.  Ein Brötchen mit frischen Nordseekrabben darauf – für viele Hamburger gehört das zu jedem Urlaub oder Wochenendausflug auf Sylt, in St. Peter-Ording oder Greetsiel. Ein günstiges Vergnügen ist das nicht: Bis zu 12 Euro musste man im Jahr 2017 dafür zahlen, im vergangenen Herbst waren es immerhin noch 5 bis 7 Euro.

Doch bald könnte es schwierig werden, die Delikatesse überhaupt zu bekommen. Schuld daran ist das Coronavirus. Denn gepult werden die Krabben größtenteils in Marokko. „Und gerade in Tanger und Tetouan, wo sich die Schälzentren befinden, sind die Infektionszahlen zuletzt wieder deutlich gestiegen“, sagt Philipp Oberdörffer, Fischerei-Experte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg. „Man kommt dort vielleicht noch auf 30 Prozent der normalen Schälkapazität, weil die Beschäftigten in den Hallen nicht so eng sitzen dürfen und weil wegen Ausgangsbeschränkungen nicht in drei Schichten gearbeitet werden kann.“

Aufgrund dieses Engpasses habe der Großhandel, der den rund 200 norddeutschen Krabbenfischern die Ware abnimmt, die Fangzeiten begrenzt: Angekauft werden nur noch Krabben, die zwischen Montag und Mittwochnacht gefangen wurden. „Das kann aber kein Dauerzustand für die Flotte sein“, sagt Oberdörffer. „Die Fischer können auf diese Weise keine Rücklagen aufbauen. Damit wird es im Winter, wenn die kleineren Kutter wegen des raueren Wetters nicht so weit auf See hinausfahren können, für viele Betriebe ganz schwierig.“ Erste Insolvenzen habe es bereits gegeben, heißt es in der Branche.

Corona-Krise bringt die Krabbenfischer in Existenznot

Schon jetzt verzeichnet Oberdörffer höhere Preise für Nordseekrabben im Einzelhandel. Bei Discountern zahle man dafür knapp 4 Euro je 100 Gramm, Anfang März seien es noch rund 2,50 Euro gewesen. Für angemessen hält der Experte eine Spanne von 3 Euro bis 4 Euro: „Damit sind wir nun am oberen Limit.“

Während die Corona-Krise die Krabbenfischer in Existenznot bringt, erwartet die deutsche Fischwirtschaft insgesamt für 2020 einen leichten Anstieg des Absatzes. Die Zahlen für das erste Halbjahr sind geprägt durch die Pandemie. Denn die Menge der von den Verbrauchern im Handel eingekauften Fische und Meeresfrüchte legte kräftig um 14,8 Prozent auf 236.665 Tonnen zu – eine Folge der monatelangen Schließung von Restaurants, Hotels und Kantinen, wie René Stahlhofen, der Vorsitzende des Fisch-Informationszentrums (FIZ), am Mittwoch in Hamburg sagte. Der Einkaufswert habe sogar um 16,5 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro zugenommen.

Vielzahl von „Ex­tremkäufen“

Angesichts des Coronavirus-Ausbruchs sei es zu einer Vielzahl von „Ex­tremkäufen“ gekommen, so Stahlhofen: Bei Fischdauerkonserven verzeichnete man im Februar und März einen Nachfrageschub von bis zu 46 Prozent. Doch selbst die Verkäufe von Frischfisch und aufgetautem Fisch kletterten noch um 10,6 Prozent, wobei sich der Umsatz (plus 19,3 Prozent) besonders stark erhöhte. Dies führte Stahlhofen auf eine Ausdehnung des Angebotes von höherpreisigen Produkten wie etwa Thunfischfilets zurück.

Auch wenn der Einbruch der so Außer-Haus-Verkäufe „in Teilen der Fischwirtschaft zu erheblichen Umsatzeinbußen geführt“ habe, ist der FIZ-Vorsitzende alles in allem zuversichtlich für das aktuelle Jahr. Seine Prognose: Der Rückgang des Außer-Haus-Verbrauchs um 110.00 Tonnen auf 165.750 Tonnen (Fanggewicht, also inklusive Gräten und Innereien) dürfte durch eine Zunahme des Absatzes über den Einzelhandel um 124.312 Tonnen auf 953.062 Tonnen mehr als ausgeglichen werden. „Insgesamt kann unter diesen Umständen ein kleiner Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauchs 2020 von 13,3 Kilogramm auf 13,5 Kilogramm erwartet werden“, sagte Stahlhofen.

Alaska-Seelachs bleibt beliebteste Fischart

2019 konnte sich die Branche über einen Rekord freuen: Im siebten Jahr in Folge haben die Verbraucher in Deutschland mehr Geld für Nahrungsmittel aus dem Meer ausgegeben als im Vorjahr. Die Ausgaben stiegen um 4,9 Prozent auf einen neuen Höchstwert von 4,1 Milliarden Euro. „Dieser langfristige Trend bei den Ausgaben macht deutlich, dass unseren Verbrauchern Fisch und Meeresfrüchte etwas wert sind“, so Stahlhofen.

Laut Marktforschungsagentur GfK wurden bundesweit im vergangenen Jahr durchschnittlich 5,2 Kilogramm verzehrfertiger Fisch verkauft, ebenso wie bereits 2018. Klarer Spitzenreiter bleibt dabei der Norden: Die Hamburger kauften zuletzt jährlich 6,8 Kilogramm Fisch für den Verzehr im Haushalt ein. Bremen rangiert mit 6,7 Kilogramm knapp dahinter, in Schleswig-Holstein kommt man auf 6,5 Kilogramm. Das Schlusslicht unter den Bundesländern bildet Baden-Württemberg mit 4,6 Kilogramm.

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Auf der Liste der beliebtesten Fischarten in Deutschland hat es keinen Favoritenwechsel gegeben. „Der Alaska-Seelachs hat seine Spitzenposition verteidigt und ist die am meisten verzehrte Fischart“, sagte Stahlhofen. Lachs bleibt auf Rang zwei, gefolgt von Thunfischen und Heringen. Weiterhin gefragt sind auch Garnelen, die den fünften Platz der Rangliste einnehmen.

Eine Verschiebung ergab sich jedoch bei den Marktanteilen im Einzelhandel. Die Discounter, die schon seit Längerem der wichtigste Absatzkanal für Fisch und Meeresfrüchte sind, konnten nun erstmals auch bei den Frischfisch-Verkäufen mit einem Anteil von 36 Prozent an den Super- und Verbrauchermärkten (34 Prozent) vorbeiziehen. Selbst in dieser Produktgruppe spielt der Fischfachhandel mit 16 Prozent nur eine Nebenrolle.