Frankreichreise

Merkel-Besuch bei Macron: Zwei gegen das Coronavirus

Merkel: Keine weiteren Corona-Lockerungen in Sicht

Bei einem Besuch in Nordrhein-Westfalen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an die Bürger appelliert, die Corona-Regeln einzuhalten. Weitere Lockerungen könne es derzeit nicht geben, erklärte Merkel.

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Beim Frankreich-Besuch von Kanzlerin Merkel in der Sommerresidenz von Präsident Macron sitzt die Angst vor der Pandemie mit am Tisch.

Paris. Die drei Wochen Sommerfrische, die sich Frankreichs Staatschef gemeinsam mit seiner Frau Brigitte in der präsidialen Sommerresidenz Fort de Brégançon an der Côte d’Azur gönnt, neigen sich dem Ende zu. Doch bevor Emmanuel Macron wieder an seinen Arbeitsplatz im Pariser Élysée-Palast zurückkehrt, empfängt er am Donnerstag die Bundeskanzlerin zu einem offiziell als „entspannt“ eingestuften Arbeitstreffen an seinem Urlaubsort unter der Sonne der Mittelmeerküste.

Doch tiefe Entspannung kann sich weder Angela Merkel noch Macron leisten: Auf beiden Seiten des Rheins wächst die Angst vor einer zweiten Corona-Welle.

Merkel und Macron: Die neue Harmonie des Gespanns

Natürlich will Macron mit der Einladung der Kanzlerin ein Zeichen setzen. Wie im vergangenen Sommer, als er wenige Tage vor dem G7-Gipfel im französischen Seebad Biarritz Kremlchef Wladimir Putin im Fort de Brégançon empfing, um auch im Namen Europas den Versuch einer Verbesserung der Beziehungen mit Russland zu lancieren. Diesmal geht es darum, die neue Harmonie des Gespanns M&M, wie die französischen Medien das Duo Merkel und Macron nennen, ins rechte Licht zu rücken. Lesen Sie auch: Kanzlerkandidatur: Merkel liefert Laschet einen Heimsieg

Seit Berlin und Paris europapolitisch endlich zu einer gemeinsamen Linie gefunden und mit der tatkräftigen Unterstützung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Brüssel einen 750 Milliarden Euro schweren Hilfsfonds für die coronagebeutelte Wirtschaft der Gemeinschaft durchgepaukt haben, ist die viel beschworene deutsch-französische Freundschaft wieder von besonderer Qualität.

Nach Covid-19 Erkrankung: Spätfolgen bisher unklar
Nach Covid-19 Erkrankung- Spätfolgen bisher unklar

Exklusive Intimität des Fort de Brégançon

Ob sie auf der Höhe der sehr engen persönlichen Beziehung liegt, die einst die Europaarchitekten François Mitterrand und Helmut Kohl verband, mag dahingestellt sein. Aber tatsächlich war Kohl 1985 der letzte deutsche Regierungschef, der einen französischen Präsidenten in der Intimität des Fort de Brégançon traf.

In französischen Diplomatenkreisen scheut man sich nicht, von einem Wendepunkt zu sprechen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, so ein Berater Macrons, habe Merkel erkannt, „wie dringend Europa jetzt das seit drei Jahren von Paris angemahnte Mehr an Solidarität und Integration braucht“. Allerdings vergisst man im Élysée-Palast nicht, darauf zu verweisen, dass es allein mit einer starken Kanzlerin möglich war, in Brüssel eine Mehrheit „für diese Position“ zu finden. Lesen Sie auch: EU-Hilfspaket – Ein hoher Preis für europäische Solidarität

Das Thema Corona dürfte eine wichtige Rolle spielen

Nicht nur der Stand der Brexit-Verhandlungen oder die Krisen im Libanon, in Belarus sowie zwischen der Türkei und Griechenland sollen bei dem Arbeitstreffen zur Sprache kommen. Auch über die Zukunft Europas wollen sich M&M austauschen. Darüber hinaus dürfte das Thema Corona-Bekämpfung eine wichtige Rolle spielen.

In Deutschland wie in Frankreich schnellt die Zahl der Neuinfektionen wieder nach oben, im Nachbarland wurden in den letzten Tagen zum Teil mehr als 3000 Neuansteckungen verzeichnet, die Lage in Paris und in der Region um Marseille, ein paar Kilometer westlich von Macrons Sommerresidenz, gilt als besonders riskant. Hinzu kommt: Experten beider Länder befürchten, dass sich dieser Trend im Herbst weiter verschärft.

Corona: Zwei Drittel der Franzosen verzichtete auf Auslandsreisen

Wobei in Frankreich die Sorge weniger den aus den Ferien zurückkehrenden Touristen gilt. Während das Urlaubsland in diesem Sommer einen dramatischen Einbruch der Besucherzahlen erlebte (unter anderem wurden 75 Prozent weniger deutsche sowie 85 Prozent weniger britische Touristen verzeichnet), verzichteten rund zwei Drittel der Erholung suchenden Franzosen auf Auslandsreisen. Lesen Sie auch: Corona: Merkel mit Extra-Schutzmaske bei EU-Gipfel

Ungleich mehr Kopfzerbrechen bereitet der Regierung wie den Gesundheitsbehörden das unbekümmerte Verhalten vieler junger Franzosen, die dazu neigen, Mundschutzpflicht sowie Abstandsregeln zu missachten.

Zweiter Lockdown soll auf alle Fälle vermieden werden

Jüngste Zahlen und Testergebnisse belegen, dass fast 60 Prozent der Neuinfektionen die Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen betreffen. Und da Sars-CoV-2, wie es Gesundheitsminister Olivier Véran formuliert, in gut der Hälfte der Regionen „erneut zirkuliert“ und ein zweiter Lockdown auf alle Fälle vermieden werden soll, zieht Paris die Schrauben an. In den meisten größeren Städten wurde die zuvor nur in geschlossenen Räumen geltende Mundschutzpflicht auf die Straßen und Parks ausgeweitet. Lesen Sie auch: Wie gefährlich ist der Corona-Gipfel für Merkel & Co?

Seit dieser Woche gilt sie zudem in allen Unternehmen grundsätzlich, ausgenommen sind nur in Einzelbüros arbeitende Beschäftigte. Gleichzeitig wurden mehr Polizeikontrollen angeordnet und die Ordnungshüter aufgefordert, keine Nachsicht mehr zu üben. Zwar droht bei Verstößen gegen die Mundschutzpflicht bereits seit Mitte Mai ein Bußgeld von 135 Euro, doch bislang beließen es die Beamten häufig bei einer verbalen Ermahnung.

Lange Schlangen vor Supermärkten in Paris
Lange Schlangen vor Supermärkten in Paris

Klage über mangelnde Corona-Disziplin bei Bürgern

Mit Bangen blickt man in Paris auf den September, wenn die Werksferien enden und die Kitas, Schulen sowie Universitäten wieder ihre Tore öffnen. Zuvor, so äußerte sich zu Beginn der Woche ein Regierungsmitglied, müsse „den Leuten unbedingt mehr Disziplin beigebracht werden“. Dass für Frankreichs bereits in die Rezession abgerutschte Wirtschaft ein zweiter Lockdown katastrophale Folgen hätte, brauchte er nicht hinzuzufügen, weil Premier Jean Castex nicht müde wird, darauf hinzuweisen. Lesen Sie auch: Merkel nimmt eine besondere Schlüsselrolle in der EU ein

Und selbst ohne Lockdown ist damit zu rechnen, dass ab September die Firmenpleiten um 20 Prozent in die Höhe schnellen. 60.000 Unternehmen sollen vor dem Aus stehen, mit ihnen würden 200.000 Arbeitsplätze verschwinden. Insgesamt wird für 2020 ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen, die bereits im ersten Halbjahr einen Rekordwert erreichten, um eine Million erwartet.

Im Ringen um die Fußballkrone keineswegs Partner

Gut möglich, dass es beim Merkel-Besuch an der Côte d’Azur also frühestens zum Dessert etwas lockerer zugeht – falls die Rede dann auf den Fußball kommt. Da die Halbfinalspiele der Champions League eine rein deutsch-französische Angelegenheit waren, war bis gestern auch eine deutsch-französische Konfrontation im Finale keineswegs ausgeschlossen. Lesen Sie auch: Angela Merkel soll Europa retten – schafft sie das?

„In Brüssel und auf dem Rasen sind Deutschland und Frankreich die Motoren Europas“, stellte Macron am vergangenen Wochenende in einem Tweet fest. Freilich sind die Nachbarn am Rhein im Ringen um die europäische Fußballkrone Rivalen und keineswegs Partner. Ein Umstand, den der französische Präsident aus diplomatischen Gründen lieber unerwähnt ließ.

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