Aschheim

Wie eine kleine Gemeinde unter dem Wirecard-Skandal leidet

Eugen Stubenvoll ist Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler in Aschheim. Seine Partei hat aufgrund des Wirecard-Skandals den Neubau eines Rathauses gestoppt.

Eugen Stubenvoll ist Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler in Aschheim. Seine Partei hat aufgrund des Wirecard-Skandals den Neubau eines Rathauses gestoppt.

Foto: Theo Klein

In der Kleinstadt Aschheim hat Wirecard seinen Sitz. Der Gemeinde drohen Steuerrückzahlungen. Was das für die Menschen vor Ort bedeutet.

Aschheim. Nur zwei Minuten braucht Eugen Stubenvoll mit dem Fahrrad, um von seinem Wohnhaus ins Industriegebiet des Aschheimer Ortsteils Dornach zu radeln. Dorthin, wo ein schlichter schwarzer Bürokomplex steht, der den kleinen Münchener Vorort mit 9300 Einwohnern weltberühmt gemacht hat: zum Hauptsitz von Wirecard.

Es ist eine irre Geschichte, die sich hinter den Türen des unscheinbaren Gebäudes abgespielt haben soll. Mit Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro soll Wirecard seine Bilanzen aufgebläht haben, der Fall könnte zum größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte werden.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen „kriminellen Bandenbetrugs“. Es soll Verstrickungen von Wirecard mit Geheimdiensten, Milizen und sogar mit der europäischen Mafia gegeben haben.

Wirecard: Eine kleine Gemeinde gerät ins Auge des Sturms

Mit einem Schlag ist die kleine Gemeinde Aschheim in das Auge eines Sturms geraten. Und Eugen Stubenvoll wäre beinahe mittendrin gewesen. Nur 253 Stimmen fehlten dem Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler, um bei der Bürgermeisterwahl Ende März den alten und neuen Amtsinhaber Thomas Glashauser (CSU) abzulösen.

253 Stimmen Unterschied sorgten so auch dafür, dass er den Skandal jetzt nicht als verantwortlicher Bürgermeister an der Backe hat. „Erst Corona, dann Wirecard, das wären schon dicke Brocken zum Amtseinstieg gewesen“, sagt Stubenvoll. Doch auch an ihm bleiben als Gemeinderat nun Aufgaben hängen, er gibt Einblicke in das Leben der kleinen Gemeinde, erläutert Zusammenhänge.

Das wäre eigentlich die Aufgabe des Bürgermeisters. Glashauser aber schwieg nach Bekanntwerden des Skandals und blieb Antworten, was die Pleite des Dax-Konzerns für das Gemeindeleben bedeutet, lange schuldig. Auch ein Treffen mit unserer Redaktion schlägt der Aschheimer Bürgermeister aus, ist aber bereit, Fragen schriftlich zu beantworten. Viel zu erfahren ist dabei nicht. Die Entwicklung sei „überraschend und enttäuschend“. Ob man geplante Projekte auf den Prüfstand stellen müsse, lasse sich „zum derzeitigen Zeitpunkt nicht sagen.“

Aschheim: Auch der Luxus-Modehersteller Escada ging in pleite

An Geld mangelt es Aschheim bisher nicht, denn das Industriegebiet ist für viele Münchener Firmen interessant. Mit der S-Bahn dauert es eine Viertelstunde bis zum Münchener Marienplatz, zum Flughafen braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde, der Gewerbesteuerhebesatz liegt 180 Prozentpunkte niedriger als in München. Rund 1500 Firmen haben sich hier angesiedelt und beschäftigen rund 12.000 Mitarbeiter – fast 30 Prozent mehr, als Aschheim Einwohner hat.

Wirecard ist nicht das einzige prominente Unternehmen vor Ort. 200 Meter von Wirecard entfernt hat Escada seinen Sitz. Einst galt das Luxus-Modeunternehmen als Stolz der Branche, kleidete Prinzessin Diana und Schauspielerin Demi Moore ein. 2009 ging Escada insolvent, heute ist das Unternehmen auf einen Bruchteil der einstigen Größe geschrumpft.

Wegen Wirecard: Aschheim droht hohe Steuerrückzahlung

Und dennoch: Von den Einnahmen, die Aschheim in den vergangenen Jahren erzielte, können die meisten Gemeinden nur träumen. 2017 nahm Aschheim 21,6 Millionen Euro ein, 2018 stieg Wirecard in den Dax auf, da waren es schon 33,9 Millionen Euro. Im Vorjahr flossen 39,7 Millionen Euro in die Gemeindekasse. Das sei aber einer Vielzahl von Faktoren und nicht nur einer Firma zu verdanken, schreibt Glashauser.

Welche Bedeutung Wirecard tatsächlich hat, wird wohl an einer möglichen Rückzahlung der Gemeinde sichtbar werden. Denn wenn Wirecard Umsätze erfunden haben sollte, die es nie gab, hat es wahrscheinlich zu viele Steuern gezahlt. Die müsste der Fiskus zurückzahlen. Im Falle von Aschheim würde das auf die Gewerbesteuer zutreffen. Wie viel Geld das genau ist, darf die Gemeinde nicht sagen – Steuergeheimnis.

Aschheim: Pläne für ein neues Rathaus liegen auf Eis

Zwei Wochen nach Bekanntwerden des Skandals trommelte Bürgermeister Glashauser die Gemeinderäte zu einer Sondersitzung zusammen. „Viel war da aber auch nicht zu erfahren“, kritisiert Walter Wiedenhofer, Gemeinderatsmitglied und Co-Fraktionsvorsitzender der Grünen im Ort. „Aschheim ist eine wohlhabende Gemeinde. Aber Steuerrückzahlungen von fünf Jahren würden die Gemeinde schon treffen“, sagt Wiedenhofer. Dabei hat die Gemeinde große Pläne.

Aschheim ist ein moderner Vorort. Umgeben von Feldern und Blumenwiesen stehen moderne Neubauten, im Ortskern finden sich traditionelle Wirtshäuser sowie der klassisch blau-weiße Maibaum. Wer hier wohnen will, muss es sich leisten können, 2018 lag der Bodenrichtwert bei 1100 Euro für den Quadratmeter.

Dafür bietet die Gemeinde auch einiges: Es gibt einen Erholungspark, einen Wasserskipark und sogar ein Autokino. Und auch für den Nachwuchs wird einiges getan. Es gibt vier Kindertagesstätten, eine Grund- und eine Realschule. Ein neues Gymnasium befindet sich im Bau. Und auch ein Rathaus soll neu gebaut werden, das alte Rathaus muss dagegen weichen.

Doch dieser Plan liegt nun zunächst auf Eis. Nach Bekanntwerden des Skandals reagierten die Freien Wähler und die Grünen prompt und stoppten den Rathausneubau. Zunächst soll ein Gutachter die Wirtschaftlichkeit beurteilen.

FC Aschheim hofft auf ein neues Sportheim

Fest steht für beide Parteien, dass weder bei der Bildung noch bei den Vereinen gespart werden dürfe – eine Nachricht, die beim größten Aschheimer Sportverein, dem FC Aschheim, gut ankommen dürfte. Schon heute ist man auf die Hilfe der Gemeinde angewiesen, die etwa den Unterhalt für den modernen Sportpark zahlt. „Die Gemeinde unterstützt uns sehr“, sagt der Vereinsvorsitzende Herbert Lämmer. In der Diskussion steht aktuell, ob der 1100 Mitglieder zählende Verein ein neues Sportheim erhält.

Immerhin ist der FC Aschheim ein Aushängeschild des Ortes. Über 100 Ehrenamtliche helfen hier, engagieren sich in der Jugendarbeit, packen mit an. Und auch sportlich hat der Verein einiges vorzuweisen. Die Damenmannschaft des FC Bayern absolvierte auf dem Fußballplatz bereits ein Champions-League-Spiel und der mehrfache Snowboard-Olympionike Patrick Bussler kommt hierher.

Auch Wirecard ist im Sportpark präsent – auf Bandenwerbungen. „Wirecard hat uns regelmäßig gesponsert“, sagt Lämmer. Dass dieses Geld nun wegfällt, ist nicht seine größte Sorge. „Wir sind breit aufgestellt bei unseren Sponsoren. Problematischer wäre es, wenn die Gemeinde in Zukunft weniger Steuereinnahmen erzielt und kürzertreten müsste“, sagt Lämmer.

Gewerbeverein rechnet mit kurzfristigem Leerstand

Ausgeschlossen ist das nicht. „Wirecard war und ist ein Schock, verbunden mit vielen Emotionen“, sagt Philipp Ullrich, Leiter des örtlichen Gewerbevereins. „Aber die viel größeren Probleme kommen erst noch. Corona und der Konjunktureinbruch werden sich noch bemerkbar machen.“ Er rechnet kurzfristig mit mehr Leerstand im Industriegebiet.

Dort hat Wirecard derzeit eine Bürofläche mit 20.000 Quadratmetern angemietet, ein weiteres Gebäude befindet sich derzeit noch in Bau. Ob sich hier – sollte Wirecard seinen Betrieb nach einer möglichen Zerschlagung nicht fortführen können – schnell ein neuer Mieter findet, ist fraglich.

Dass Wirecards Ruf schädigend für das gesamte Industriegebiet wirkt, glaubt Ullrich nicht. Unternehmen würden sich bei der Standortwahl nicht an Wirecard orientieren, sondern die Vorzüge wie die direkte Messeanbindung, die Münchener Telefonvorwahl 089, und die verfügbaren Hotels vor Ort schätzen.

Aschheimer: „Wir sind kein gesichtsloses Kaff“

Zumindest aber Aschheims Ruf hat Wirecard angekratzt. Bürgermeister Glashauser ärgert sich darüber, dass Wirecard bei Erfolgsmeldungen oft mit München in Zusammenhang gebracht wurde, nun aber Aschheim im Fokus steht.

Dabei hätte es auch am Rathaus gelegen, eine andere Krisenkommunikation zu fahren, meint Eugen Stubenvoll: „Man hätte klar sagen müssen, dass der Fall Wirecard sehr bitter ist, wir als Gemeinde aber daran nichts ändern können. Und gleichzeitig hätte man darstellen können, dass Aschheim ein sehr attraktiver Standort für Firmen sein kann.“

So fiel die Darstellung oft anders aus. „Das Desaster von Aschheim“, kommentierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, von den „Hochstaplern aus Aschheim“ war in der „Wirtschaftswoche“ zu lesen. Der „Spiegel“ attestierte Aschheim, ein „gesichtsloses Kaff“ zu sein.

Bei den Aschheimern selbst stoßen solche Bezeichnungen auf Unverständnis. „Wir sind kein gesichtsloses Kaff. Aschheim gibt es schon so lange und es wurde gemeinsam viel erreicht – und Wirecard hatte daran nur einen sehr kleinen Anteil“, sagt Clarissa Urban.

Sie führt zusammen mit ihrem Bruder in bereits fünfter Generation das örtliche Gasthaus „Schäfflerwirt“. Ihr Bruder, Emmeran Haller, gehört wie schon der Ur-Ur-Großvater noch der traditionellen Zunft der Schäffler, der Fassbauer, an. Ihr ist es wichtig, im Ort die Traditionen zu pflegen, etwa in Form von wöchentlichen Stammtischen, zu denen die Vereine zusammenkommen. Dabei gehe es kaum noch um Wirecard.

„Nur beim Bezahlen mit Karte werden häufig Witze in Anspielung auf Wirecard gemacht“, so Urban. Und auch für sie persönlich nimmt der insolvente Zahlungsdienstleister nur eine untergeordnete Rolle ein. Zwar habe man hin und wieder Übernachtungsgäste von Wirecard gehabt, das seien allerdings so wenige gewesen, dass sich die Insolvenz geschäftlich kaum bemerkbar mache. „Man sollte Aschheim und Wirecard getrennt voneinander betrachten“, findet Urban.

Bekommt Wirecard einen Platz im örtlichen Museum?

Doch Wirecard und Aschheim werden wohl noch lange miteinander verbunden sein. Die Filmproduktionsfirma Ufa arbeitet bereits an einem Doku-Drama über den Skandal, der Anfang des kommenden Jahres erscheinen soll. Und auch im örtlichen Museum, dem AscheiMuseum, in dem 4500 Jahre Siedlungsgeschichte ausgestellt sind, könnte Wirecard einen Sonderplatz einnehmen.

„Geschichte geht immer weiter“, sagt Museumsleiterin Anja Pütz. Sollte am Ende belegt sein, dass Wirecard tatsächlich für den größten Bilanzskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte verantwortlich ist, wäre auch Aschheim um ein historisches Kapitel reicher. „Dann könnte es durchaus sein, dass Wirecard auch im Museum einen Platz erhalten wird. Vielleicht als Hörstation“, sagt Pütz.

Mehr zum Wirecard-Skandal: