Pandemie

Hamburger Friseure klagen über mangelhaften Corona-Schutz

Mund- und Nasen-Schutz sowie Visier. Friseure müssen besonders vorsichtig arbeiten. 

Mund- und Nasen-Schutz sowie Visier. Friseure müssen besonders vorsichtig arbeiten. 

Foto: Getty Images

Marktführer wirbt mit Rabatt-Aktionen – und hat Hinweise auf Regeln abgebaut. Salonbeschäftigte fürchten um ihre Gesundheit.

Hamburg.  Auf den ersten Blick sieht es aus wie vor Corona. Die Tür zu dem kleinen Friseursalon in der Ladenpassage des Real-Marktes am Berliner Tor ist weit geöffnet. Statt Hinweisschildern auf Hygienemaßnahmen wie Maskenpflicht, Mindestabstand und Desinfektionsmittel steht vor dem Eingang eine große Tafel, die für eine „Happy Hour ab 16 Uhr“ wirbt. Für Herren, so das Angebot, wird das Waschen vor dem Haarschnitt dann nicht berechnet. Die geltenden Vorschriften für den Friseurbesuch in Corona-Zeiten sind ins Kleingedruckte am unteren Rand des Werbeplakats verbannt.

Ein Hinweis auf die maximal zulässige Kundenzahl in dem kleinen Shop gibt es nicht. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass die Mitarbeiterinnen überhaupt Masken tragen – aus Plexiglas. So will die Klier Hair Group, zu der die Styleboxx-Filiale gehört, wieder mehr Menschen in die Läden holen.

Über die Strategie ist bei Deutschlands größter Friseurkette intern heftiger Streit entbrannt. Mitarbeiter sehen die Abstandsregeln ausgehebelt. „Die Corona-Epidemie ist ja nicht vorbei“, sagt Katrin Rux, Vorsitzende des Klier-Gesamtbetriebsrats sowie des Betriebsrats für Hamburg und Schleswig-Holstein. „Es geht um die Gesundheit von knapp 10.000 Mitarbeitern, die dicht an dicht arbeiten.“ Immer wieder gebe es Beschwerden, dass sich zu viele Menschen in den Salons aufhielten und die Mindestabstände nicht eingehalten werden könnten. Durch fehlende Hinweisschilder sei es allein Sache der Beschäftigten die Vorschriften zu kommunizieren.

Ansturm auf die Friseure war enorm

„Das wird auf unserem Rücken ausgetragen“, kritisiert Rux, die diese Situation an ihrem Arbeitsplatz häufiger erlebt. Auch Kunden zeigten sich verwundert über die neue Informationspolitik. Die Arbeitnehmervertreter fordern von Geschäftsführung deshalb eine Konkretisierung des Hygienekonzepts und ihr Mitbestimmungsrecht ein. Bislang ohne Erfolg. Ende vergangener Woche wurde die Causa Klier gegen Klier beim Arbeitsgericht verhandelt. Die Richterin hat jetzt dringend empfohlen, sich innerhalb einer Frist bis zum 2. September zu einigen. Wird das nichts, geht die Angelegenheit zur Einigungsstelle.

Was für ein Unterschied: Als Anfang Mai die Friseure nach sechswöchiger Corona-Schließung wieder öffnen durften, war ganz Deutschland im Ausnahmezustand. Der Ansturm auf die Salons war enorm. Vielfach bildeten sich lange Warteschlangen. So groß war die Sehnsucht wieder Fasson in die lange Mähne oder den krisenbedingten Notschnitt zu bekommen. Teilweise wurden Termine über Wochen im Voraus gebucht. Friseure galten ähnlich wie Pflegekräfte, Supermarktkassiererinnen oder Paketboten als Corona-Helden.

Die aufwendigen Hygienevorschriften waren da erst mal das kleinere Übel. Auch Preiserhöhungen wegen des Mehraufwands in den Geschäften wurden mehr oder weniger klaglos akzeptiert. Inzwischen ist Deutschland wieder weitestgehend frisiert – und bei vielen Friseuren gibt es zu wenige, nicht mehr zu viele Kunden.

Friseure haben Probleme mit den Corona-Regeln

„Nach dem ersten Run ist die Nachfrage gesunken“, sagt Birger Kentzler, Obermeister der Hamburger Friseurinnung. Vor allem in der Ferienzeit sei es ruhig gewesen. In seinem Salon in Bahrenfeld hatte er zwischen den Wasch­tischen Plexiglaswände montieren lassen. Mitarbeiter wie Kunden tragen eine Mund-Nasen-Bedeckung. „An den Arbeitsschutzbestimmungen hat sich seit der Wiedereröffnung quasi nichts geändert“, sagt der Friseurmeister. Zumindest fast nichts: Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Kunden wieder im Laden auf ihren Termin warten – und dabei auch in Zeitschriften blättern. „Wir müssen sehen, wie es sich weiterentwickelt.“

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Auf der anderen Seite der Stadt kämpft André Dumm-Hallwachs in seinem Salon André D. an der Alsterkrugchaussee mit den Corona-Regeln. „Wir sind bei 80 Prozent des Normalbetriebs“, sagt er. Sein Vorteil: Der Salon hat zwei Räume, dadurch ließen sich die Kunden trotz Abstandsregeln räumlich gut trennen. Nur zwei seiner Stühle dürften nicht genutzt werden. Auch er hat Umsatzeinbußen. „Aber“, sagt der Friseurmeister, „wir kommen dank unserer Stammkunden ganz gut durch die Krise.“

Vor drei Monaten, beim Neustart nach der Zwangsschließung, hatte er selbst konstruierte Schutzbrillen präsentiert, die das stundenlange Arbeiten mit Maskenpflicht erleichtern sollten. Jetzt trägt er eine einfache Papiermaske. „Alles andere ist gerade bei diesen Temperaturen zu warm“, sagt er. Am besten wäre es allerdings, wenn die Maskenpflicht für die Mitarbeiter in den Salons fallen würde. „Es ist eine große Belastung.“

Das sind die Corona-Regeln für Hamburg:

  • Privat können bis zu 25 Personen zu Feiern zusammenkommen, egal aus wie vielen Haushalten. Treffen in der Öffentlichkeit sind auf 10 Personen aus beliebig vielen Haushalten begrenzt.
  • Alle Kinder dürfen in einem eingeschränkten Regelbetrieb wieder die Kitas besuchen.
  • Nach dem Ende der Sommerferien am 6. August können wieder alle Schüler einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Dennoch sollen Einschränkungen wie die bisherigen Abstandsgebote vorsichtshalber erhalten bleiben.
  • Unter Auflagen sind wieder Veranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern im Freien und 650 Teilnehmern in geschlossenen Räumen zulässig.
  • Für größere Versammlungen gibt es keine Teilnehmerbegrenzung mehr. Es wird jeweils der Einzelfall mit Blick auf Hygiene- und Abstandsregeln geprüft.

Von einer Rückkehr zu Normalität im Geschäft mit dem Haar kann noch längst keine Rede sein. „Wir merken, dass die Menschen sich zwischen den Besuchen beim Friseur mehr Zeit lassen“, sagt auch Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. Ohne Frage, es ist angesichts der Ansteckungsgefahr mühseliger geworden, zu einem schicken Schnitt zu kommen. Immer noch arbeiten viele Menschen im Homeoffice, messen der perfekten Frisur zurzeit nicht die oberste Bedeutung bei.

Große Veranstaltungen und Feste, für die man sich schick macht, finden nicht statt. Auch ist die Lust zum Geldausgeben angesichts von Kurzarbeit und drohendem Jobverlust weiter gebremst. „Wir rechnen für das Jahr mit einem Umsatzminus von 15 bis 20 Prozent“, sagt Verbandsvertreter Müller. Wie die Salons durch die Krise kämen, sei unterschiedlich. „Die Gefahr ist da, dass auch Betriebe nicht am Markt bestehen.“

Friseurkette Klier hat große Hinweistafeln abbauen lassen

Wie hart der Kampf um die Kunden inzwischen ist, zeigt sich bei der Klier-Gruppe. Die Friseurkette mit bundesweit 1400 Filialen mit Konzepten wie Styleboxx, Essanelle oder Super Cut, hatte schon vor einigen Wochen die großen Hinweisschilder mit den geltenden Corona-Hygienevorschriften abbauen lassen und durch dezente Aufkleber etwa an den Spiegeln ersetzt.

„Wir wollen nicht, dass unsere Salons wie eine Festung wirken“, sagt Unternehmenssprecher Rüdiger Schmitt. Barrieren, die bei der Wiedereröffnung im Mai aufgebaut worden seien, sollten so wieder abgebaut werden. Aber, versichert er, die geltenden Corona-Sicherheitsvorschriften würden nach wie vor eingehalten.

Sind das nur Lippenbekenntnisse, wie es die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di nennt? Immer wieder meldeten sich Kollegen, die beklagten, dass Mindestabstände nicht eingehalten werden könnten, weil zu viele Kunden in die Salons gelassen würden, sagt Gesamtbetriebsratschefin Rux. Deshalb fordern die Arbeitnehmervertreter einen Berechnungsschlüssel für die maximale Kundenzahl in einem Salon inklusive eines von außen sichtbaren Hinweises. Schützenhilfe kommt von Ver.di.

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„Wir erwarten von einem Unternehmen, das in der Krise staatliche Förderung bekommen hat, dass Mitarbeiter und Kunden vollumfänglich geschützt werden“, sagt André Kretschmar, Gewerkschaftssekretär für das Friseurhandwerk in Hamburg. Es ist nicht der erste Konflikt zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat, der öffentlich ausgetragen wird. Erst vor einigen Wochen war die Friseurkette mit der Kündigung einer Betriebsrätin vor Gericht gescheitert. Der Vorwurf: Arbeitszeitbetrug. Insgesamt gibt es bundesweit laut Ver.di bei Klier 20 Verfahren gegen Betriebsräte.

Für den Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks kommt ein Streit über die Einhaltung von Hygienevorschriften zur Unzeit. „Wir müssen alles dafür tun, dass die Kunden auf die Regeln vertrauen können“, sagt Hauptgeschäftsführer Müller und verweist auf die Kampagne #friseuregegencorona. Bislang hat sich in Deutschland noch niemand in einem Friseursalon mit Covid-19 angesteckt. „Und das soll auch so bleiben.“